Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-03-05 · Heft 10 (5.3.1897) · p. Seite 119

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 10 (5.3.1897)
Date
1897-03-05
Page
Seite 119 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3228202-3228213--53530-3267458
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

119 und heute am Sonntag ihren Ausgang hat. Tief erschüttert ob des Zustandes ihres Vaters, der sie so. kompromittirt, daß ihre Aussichten, einmal zur Köchin zu avaneiren, auf ewig ruinirt sind, hilft sie ihm auf, aber der Alte versteht die Wohlthat nicht, er flucht und schimpft, er giebt seiner Tochter Namen, die ihr jungfräuliches Gemüth aufs Tiefste ^verwunden, wozu die Straßenjugend applaudirt, bis die arme Generalsstubenfegerin den Kreuzweg zurückgelegt und den immer noch fluchenden Vater zu Bett gebracht hat. Unglücklicherweise heiße ich auch Petruschek und bei der bloßen Nennung meines Namens taucht in Jedermanns Gedächtniß Vater Petruscheks Sonntagsfeier auf." Der Statthalter lachte so herzlich, daß er kaum die Worte hervorstoßen konnte : „Sie sind ja eine geborene Schriftstellerin." Hingegen verfolgte die Frau Rittmeister die Sprecherin, mit Blicken, die tödtlichen Haß verriethen, und Awrom, der die ganze Zeit bleich und wortlos dagesessen hatte, hörte ganz deutlich wie sie ihrem Gatten die Worte zuflüsterte: „Die Jüdin soll das büßen!" Leonore that ganz unbefangen. „Ach, Exzellenz sind gar zu gütig. Meine einzige schriftstellerische Leistung sind einige Kochrezepte,.die ich nach dem mündlichen Berichte ehemaliger Herrschaftsköchinnen, die mit der Feder noch ungeschickter waren als ich, ausgezeichnet habe. Was ich eben schilderte, war Selbsterlebtes." Der Statthalter sah verwundert auf. „Nicht, daß ich Petruschek geheißen oder diese Szenen erlebt, hätte. Ich konnte mich nur in die Seele der Baronin von Burgheim hineindenken, als Exzellenz von dem Amtsdiener Petruschek erzählten. Ich selbst bin eine geborene Rosenbaum, und ich gestehe meine Schwäche, daß ich in Wien eine Gaffe immer gemieden habe, weil ein Trödler Rosenbaum dort seinen Laden hatte. Einen betrunkenen Amtsdiener Namens Rosenbaum habe ich bisher noch nicht entdeckt." „Sind die Rosenbaums, neben denen der Herr von Aspernfeld sitzt, Verwandte von Ihnen, Frau Bürgermeisterin?" fragte Frau von Burgheim mit lauernder Miene. „Ja wohl," erwiederte die Angeredete gleichgiltig, „Herr Rosenbaum ist mein Kousin." „Der Herr von Aspernfeld," begann die Rittmeisterin wieder, „ist, als ob er zur Familie gehören würde. Er war, als er beim Regiment stand, gerade so unzertrennlich von der Familie Ihres Herrn Kousins, wie er jetzt vor Ihnen sitzt." Awrom sah mit einem Blicke tiefer Trauer nach seiner Frau, die sichtlich verlegen wurde, als eine-Hand ihm auf die Schulter klopfte und das unliebsame Wortgeplänkel unterbrach. Es war der Herr Oberlehrer Hufnagel, der Präsident des Empfangskomitees, der den Herrn Bürgermeister daran erinnerte, daß die Zeit zur Eröffnung der Trinksprüche gekommen sei. Mechanisch erhob sich Awrom, klingelte mit dem Deffertmefferchen an seinem Glase, während an dem entgegengesetzten Ende der Tafel der Präsident des Turnvereins, ein jugendlicher Herr mit rosigen Wangen und leisem Schnurrbartanflug, seinen Rohrstock mit aller Wucht auf den Tisch fallen ließ und mit einer Stimme, als gälte es die Tobten zu erwecken, ein mächtiges „Silentium" in die Halle hineinrief, so daß die Damen zusammenschauerten. Allgemeine Stille trat ein, als Awrom mit leiser, bebender Stimme, die man seiner' Befangenheit zuschrieb, folgende Worte sagte: „Jede Errungenschaft des bürgerlichen Lebens erweckt in uns das Gefühl der Dankbarkeit gegen den allergnädigsten Landesvater, unter dessen weisem Szepter Künste und Wissenschaften, Ackerbau, Handel und Gewerbefleiß fröhlich gedeihen, darum, meine verehrten Festgenosseu, fordere ich Sie auf, das Glas zu erheben und mit mir in: den Ruf einzustimmen: Seine'Majestät, unser allergnädigster Herrscher, lebe hoch!" Mit einer Macht, welcher die Mauern, von Jericho sicherlich nicht hätten widerstehen können, fielen die Anwesenden in diesen Ruf ein: „Noch einmal hoch! Und zum dritten Male hoch!" Das Orchester spielte die Nationalhymne, welche die Festtheilnehmer stehend anhörten, und als wäre jetzt das Signal zu zwangloser Unterhaltung gegeben, rauschte es durch die Halle, als ob ein Sturm durch einen Forst dahinbrauste. Seine Exzellenz winkte, dem Herrn Hofrath, einem beleibten alten Herrn, dem man ansah, daß ihm die Galauniform bei einem so opulenten Male sehr unbequem war, denn er hatte die unteren Knöpfe geöffnet -und fuhr öfter mit der Hand nach .dem Kragen, als wollte er ihn erweitern. Der Herr Hofrath nickteverständnißinnig, als wollte er sagen: „Verlassen sich Exzellenz nur auf mich, ich will schon machen." Dann begann er mit großer Anstrengung seine unteren Uniformknöpfe zuzuknöpfen. . Der Obmann des Turnvereins schlug mit erneuerter Gewalt auf den Tisch und donnerte ein Silentium, daß die Damen blaß wurden, einzelne Volontäre halfen mit lauten „St's" nach, der Herr Hofrath legte die Hand beruhigend auf den schwergepreßten Unterleib und begann. Er erzählte von Mammuthsknochen und Resten der Steinzeit, die man bei den Grundaushebungen für die Fabrik gefunden hätte. . . „Selber altes Mastodon!" murmelte der Statthalter leise, doch nicht so leise, daß es Leonorens scharfem Ohre entgehen konnte. „Der Herr Hofrath scheint sich sehr für Alterthümer zu interessiren," flüsterte sie vertraulich. „Haben Sie selbst die Ausgrabungen, gesehenbemerkte der Statthalter ausweichend. : „Nein, für mich hat nichts Altes Interesse," erwiederte Leonore mit komischer Feierlichkeit, „ob es jetzt Truthühner, Hüte oder Steinäxte sind. Ich muß dann immer an M. Rosenbaum in der Tandelmarktgasse denken, und das ist meine Achillesferse." Exzellenz lachte; die zunächst Sitzenden lachten aus Höflichkeit mit, und . die Heiterkeit verbreitete sich über die ganze Tafel, während der Hofrath weiter erzählte, wie die Stürme der Völkerwanderung über diese Gegend dahinbrausten und die keltische Urbevölkerung dem Ansturm germanischer Stämme unterlag. Dann erzählte er von dem Einfalle der Mongolen und der großen Gefahr, welche der christlichen Kultur von den asiatischen Barbaren drohte. Der Statthalter runzelte die Stirn. Mit erhobener Stimme fuhr der Redner fort, von dem Heldenmuthe der Bürger in ihrem Vertheidigungskampfe gegen König Ottokar und die Aspirationen einer slavischen Großmacht zu reden. Der Statthalter blickte finster, und der neben dem Redner sitzende Konzeptspraktikant -Herdliczka und der ihm gigenübersitzende Stadtarzt Dr. Wotüschek murmelten etwas von Beleidigung ihrer Nationalität, aber der Hofrath fuhr unbeirrt fort, von dem schwarzen Tode, von den Hussitenkämpfen und von dem dreißigjährigen Kriege zu reden, dessen Stürme. „gerade an der .Stelle, wo wir heute friedlich bei einander sitzen," am ärgsten gewüthet hatten. „Gott sei Dank, er ist schon im 17. Jahrhundert," sagte der Statthalter laut genug, daß es seine nächste Umgebung hören konnte. Man lächelte pflichtschuldigst, obwohl in ziemlich gedrückter Stimmung bei der Aussicht auf weitere zwei Jahrhunderte. .. „So, Herr Hofrath!" schrie der schon in das Stadium der Weinlaune eingetretene Gemeinderath Hassek. „Der Knopf ist Ihnen abgesprungen. 'Ich hab's vorausgesagt; Sö Ham' z'viel g'essen." Ein schallendes Gelächter unterbrach die. Darstellung der von den Schweden verübten' Grausamkeiten. Frau Rittmeister von

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.