Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1897)
- Date
- 1897-03-05
- Page
- Seite 115 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Mehr als jede andere Institution ist. diese dazu: geeignet, den jüdischen Geist zu erhalten; denn wie bereits angedeutet, ist es nicht der Religionsunterricht allein, der in wenigen Stunden diese Aufgabe zu erfüllen im Stande ist, sondern der gesammte Unterricht, insbesondere aber der. Unterricht im Deutschen, soweit derselbe ja auch ein erziehliches Moment in sich schließt, sollte von dem Hauche des jüdischen Geistes durchdrungen sein. Der Unterricht im Deutschen bietet Anknüpfungspunkte genug, die nicht zum wenigsten dazu benutzt werden sollen, unsere Jugend mit sittlich religiösen Ideen zu erfüllen. Sehen wir uns einmal die Lesebücher der Simultanschulen an, ob wir daselbst auch nur eine Erzählung ans der jüdischen Geschichte und Sage vorfinden; dagegen Gebete und Lieder zur Verherrlichung des Weihnachtsfestes u. s. w. in größerer Zahl. Nun wird man mir entgegenhalten: der Religionsunterricht ist ja dazu da, die Schüler der Simultanschulen einschließlich der Gymnasiasten und Töchterschüler mit jenem jüdischen Geiste in den Religionsstunden auszurüsten. Nur jeder eingeweihte Pädagoge, der den Unterschied zwischen obligatorischen und fakultativen Lehrfächern kennt, weiß zu ermessen, mit welchen Hindernissen und erschwerten Umständen letzterer ertheilt wird und die Erfolge, desselben sehr oft in Frage gestellt werden. Und nun gar in Städten, in denen dieser Unterricht von unqualifizirten Kultusbeamten ertheilt wird. Hier dürfte der Einfluß des Deutsch-Israelitischen. Gemeinde-Bundes, der die Bildung von Provinzial- resp. Bezirksvereinen angeregt, nach dieser Richtung auf die letzteren seinen Einfluß geltend machen und nicht zum wenigsten auch die Versündigung wieder gut zu machen streben, die so manche Gemeinde zur Zeit der Sucht nach Simultänisirung der Schulen begangen- Sehen wir uns beispielsweise in unserer Provinz um, so ist es betrübend, wenn Gemeinden wie Rawitsch, Schroda, Meseritz, Benschen, Kempen rc. in früheren Jahren eigene ein-, zwei- und dreiklassige jüdische Volksschulen unterhielten, während ' sie nach Simultänisirung nicht einmal das Recht der Anstellung jüdischer Lehrkräfte sich vorbehielten. In anderen Städten, namentlich in solchen, in denen noch höhere Anstalten bestehen, sind die jüdischen Volksschulen zum Theil ganz eingegangen, zum Theil sind die mehrklassigen in einklassige wegen der geringen Schülerzahl umgewandelt worden. Ja, dieselben fristen auch als solche ein bedauernswerthes Dasein. Sie werden meist als Armenschule betrachtet, in der nur die Kinder der Unbemittelten Platz finden, während die-der Begüterten schon in den Vorbereitungsklassen der Gymnasien und Töchterschulen das Haupt-Kontingent stellen. Die Volksschule des Ortes wird also nicht als das, was sie ist: als Pflegstätte des jüdischen Geistes, betrachtet, wo alle Kinder ohne Unterschied des Standes und Ranges wenigstens bis zum 10. Lebensjahre ihre gemeinsame Grundlage empfangen sollten, sondern sie gilt zumeist als ein nothwendiges Uebel, das so schnell als möglich beseitigt werden müßte. Hier also werden die neu zu begründenden Provinzial-Verbände der Synagogen - Gemeinden ein Feld vorfinden, auf dem sie eine segensreiche Thätigkeit werden entfalten können, zu welcher sie sicherlich von der Centrale, dem Deutsch-Israelitischen Gemeinde-Bunde, die erforderlichen Direktiven erhalten werden. Briefe aus NuAand. egenwärtig nimmt in Rußland die soeben beendigte Volkszählung die Aufmerksamkeit aller Kreise, nicht zum wenigsten die der jüdischen Bevölkerung in Anspruch. Vielleicht ist sie für die letztere am allerwichtigsten, da es wohl nunmehr zum ersten Male gelingen dürfte, die Zahl, der russischen Juden, ihre Berufsgliederung und Produktivität ziffernmäßig festzustellen. Allerdings würde eine damit verbundene Einkommensstatistik von erheblich größerem Werthe sein, da sie erst das gräßliche Elend der russischen Juden gründlich aufhellen würde. — Ein Elend, mit dem verglichen das Geschick des westeuropäischen Proletariers den Betroffenen beneidenswerth erscheinen muß. Möglicherweise wird aber schon diese Statistik zeigen, in welchen Reihen die Ausgebeuteten am meisten zu suchen sind, und jenes schmähliche Treiben der russischen Judenhetzer brandmarken, welche gleichsam im Brustton der Ueberzeugung und Mit geheuchelter Entrüstung für die durch Gesetze hervorgerufene Roth nur Worte des Spottes und Hohns finden und Unglück auf Unglück zu häufen bestrebt sind. Die Arbeit dürfte mehr sagen, als alle apologetischen Ausführungen. Sehr erfreulich ist es, daß an vielen Orten jüdische Zähler verwendet worden sind, so z. B. in ben Gouvernements Wolhynien, Taurien, Wilna, in Odessa u. s. w. Dadurch dürfte wohl eine größere Genauigkeit in Betreff der jüdischen Bevölkerung erreicht worden sein, da Diejenigen, welche das grausame Wohnrecht umgehen, sonst glauben würden, sich einer Gefahr auszu- -zusetzen, falls sie. ihren Ansiedelungsort .angeben würden. Damit die Statistik der Juden eine möglichst korrekte sein sollte, sahen sich verschiedene Rabbinen veranlaßt, Aufrufe in hebräischer Sprache in den Synagogen anznschlagen, einzelne sogar von der Kanzel herab (wie in Kischinew, Simferopol u. s. w.) die Bedeutung des bevorstehenden Ereignisses klarzulegen, indem auf die noch im Alterthum Während der biblischen Glanzzeit vorgenommenen Zählungen hingewiesen wurde. Hatte doch vorher schon der Vorstand der in der 'letzten Zeit äußerst rührigen Gesellschaft zur Verbreitung von Bildung unter den russischen Juden, vom Vorsitzenden der Hauptrevidirungskommission dazu anfgefordert, ein Rundschreiben an die Rabbinen versandt, in welchem die besonderen Vortheile, die die jüdische Bevölkerung, abgesehen vom allgemeinen Nutzen, von der Volkszählung zu erwarten habe, hervorgehoben wurden. Die richtige Ausführung der Volksrevision werde im Stande sein, die wahrhafte Lage der Juden vor der Regierung zu offenbaren und den Antheil ^derselben an nützlichen Beschäftigungen und Handwerken festzustellen, da der Mangel genauer Nachrichten bis jetzt Anlaß zu mannigfaltigen, falschen Behauptungen gewährt. Während also die Juden die Volkszählung mit Genugthuung begrüßten, jedenfalls nichts zu -fürchten hatten, gerieth die „Now. Wremja". welche die Hetze gegen unsere Brüder nach alter Manier fortsetzt, in Angst, es könnte sich jetzt Herausstellen, welch' ungemein großen Bruchtheil der Bevölkerung die Juden bilden. . So sprach sie schon von einer Zehn- Millionen-Ziffer, welche sicher nicht den Thatsachen entsprechen kann. So. viel steht indeß fest, daß die wirkliche Anzahl der russischen Juden noch um ein Beträchtliches größer ist als diejenige, welche die Volkszählung uns liefern wird. Wie der „Woschod" gerüchtweise mittheilt, soll die beim Justizministerium bestandene Kommission behufs Organisirung .der Advokatur ein Projekt ausgearbeitet haben, nach welchem Juden Rechtsanwälte, Rechtsanwaltsvertreter und Civilrechtsvertreter bis zu zehn Prozent werden dürfen. In dem Ansiedelungsrayon soll die Zahl der letzteren sogar bis zum Prozentsatz von 20 bis 25 erhöht werden dürfen. In Anbetracht des Umstandes, daß die