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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-03-05 · Heft 10 (5.3.1897) · p. Seite 114

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 10 (5.3.1897)
Date
1897-03-05
Page
Seite 114 (sequence 6)
Language
German
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eine Strafverschärfung liege. Die Versammlung stimmt Herrn Dr. David zu und nimmt zugleich Kenntniß von einer Verfügung, betreffend^Passahkost für jüdische Gefangene und Befreiung derselben von der Arbeit an Festtagen- .worüber Herr Dr. Koch-Barmen referirt. Auf Wunsch geben die Herren Dr. Koch und David noch weitere Äuskunft über ihre allgemeine seelsorgerische Thätigkeit an den Strafanstalten zu Barmen bezw. Düsseldorf, und rühmt Herr Dr. David insbesondere den erzieherischen ^"Merth guter Erbauungsbücher für Strafgefangene. , -":'; Die durch eine längere Mittagspause unterbrochenen Verhandlungen eröffnet HerrDr. Cohn gegen 4 Uhr wieder, und giebt der Vorsitzende Kenntniß von einem inzwischen eingelaufenen Begrüßungstelegramm des am Erscheinen verhinderten Mitgliedes Dr. Auerbach-Elberfeld. Ery gleiches trifft bald darauf von Dr. Tawrogi-Kreuznach ein. Es folgen einige geschäftliche Punkte; so wird vereinbart, daß die jährliche ordent- - liche Generalversammlung möglichst auf einen Sonntag in -den sogenannten drei Wochen anzüsetzen und die in diesem Jahre fällige in Godesberg abzuhalten sei. — Alsdann erhält Herr Dr. Horowitz das Wort zu einem Vortrag: „Zwanglose Betrachtung über Rabbinerverbände und die Stellung der Rabbiner in der Gemeinde," Herr Dr. Horowitz ersucht jedoch die Versammlung, ihm zu erlauben, an Stelle des Vortrags die bisher immer zurückgestellten „freien Besprechungen" mit einigen Worten eröffnen zu dürfen, da ihm dies Gelegenheit geben würde, auf die wichtigsten Punkte seines Themas einzugehen. Vorzugsweise möchte er folgende, das allgemeine Interesse herausfordernde Tagesfragen einer Besprechung unterzogen sehen: Die Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts betr. Stellung des Rabbiners zu Kommunalsteuern; — Meinungsäußerung über den in Berlin neu konstituirten Rabbinerverband; —Bildung von Provinzial-Gemeindeverbänden; — Hebung der Kollegialität. Die Versammlung geht darauf ein und überläßt Herrn Dr. Horowitz das Referat. Es zeigt sich, daß die beiden ersten angeregten Punkte zusammen behandelt werden können, da die betr. Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts nur der bestehenden Unklarheit über die Stellung der preußischen Rabbiner als Geistlichen oder Privatbeamten entspringe, und letztere Frage zu denjenigen gehöre, die der neugegründete Rabbiner- Verband zuerst in Angriff zu nehmen gedenke. Ueber den letzteren berichtet als Theilnehmer an der Berliner Versammlung Herr Dr. David und rühmt das einmüthige Vorgehen der Rabbiner der verschiedensten Richtungen, von dem er sich Großes verspreche. Vor allem seien die Bestrebungen mit Freuden zu begrüßen, die der neue Verband in der Richtung der Besserstellung der Rabbiner nach außen wie nach innen inauguriren wolle. Sei doch die Stellung der Rabbiner in den Preußischen Provinzen gegenwärtig derartig erniedrigend und abhängig, daß von einem freudigen, gedeihlichen oder durchgreifenden Wirken des Rabbiners in seiner Gemeinde kaum die Rede sein könne.— Herr Dr. Frank will dem Rheinischen Rabbiner-Verband die Ehre gewahrt wissen, in dieser Richtung den ersten Vorstoß gemacht zu haben, und beantragt: „Es möge eine Kommission eingesetzt werden, welche Vorschläge zur Verbesserung der allgemeinen äußeren - wie inneren Stellung des Rabbiners machen und solche, event. in einer'Denkschrift niedergelegt, dem neuen Rabbiner - Verbände unterbreiten solle." In die Kommission werden gewählt die Herren Dr. Dr. Frank, Horowitz und David. Ihr besonderes Augenmerk soll dieselbe auf das Verhältnis des Rabbiners zu den Behörden, der Gemeindevertretung und -Verwaltung, zur Inspektion des Religionsunterrichts u. s. w. richten. Die Bildung der Provinzial-Gemeindeverbände betreffend, macht Herr Dr. David Mittheilung davon, daß der Regierungsbezirk Düsseldorf baldigst damit vorangehen werde, und Herr Dr. Frank, daß auch Köln sodann zu folgen gedenke. — Die Hebung der Kollegialität anlangend, tritt die Versammlung einer Resolution des Inhalts bei, daß bei Ausübung rabbinischer Funktionen und Obliegenheiten die->gewissenhaste gegenseitige Beachtung der resp. Amtsbezirke seitens der Verbandsmitglieder oberster Grundsatz und heiligste Pflicht sei. Um $y2 Uhr schließt Herr Dr. Cohn die Sitzung, nachdem ihm der Dank der Versammlung für die umsichtige Leitung ausgedrückt worden war. Der Schriftführer Dr. Samuel-Essen. Nie Wege des jüdischen Geistes. Von Hauptlehrer Haym in Ostrowo. fsrael hat über zwei Jahrtausende in Bluthund Thränen mit den gewaltigsten Machthabern der Welt beit Kampf um sein Dasein bestanden; es hat sich vor keiner Irrlehre gebeugt und ist selbst dem geistigen Schwerte derjenigen Völker nicht erlegen, ans deren Geistesprodutten noch heute die gebildete Welt ihre Nahrung schöpft. Ja, wo der Sturm am gewaltigsten tobte, wo Männer, vor denen die Erde zitterte, ihre Waffen gegen Israel gekehrt hatten, es blieb und hat alle seine Feinde überlebt und besteht bis heute, sichtbar von einem höheren Arm beschützt, unversehrt. (Psalm 129 : „Gar sehr hat man mich bedrängt von meiner Jugend auf, doch sie haben mich nicht überwältigt.") Dieser tröstende Gedanke, den uns unsere Geschichte an die Hand giebt, war es, der uns mit stoischer Ruhe und Fassung all' die Versuche unserer Feinde, den Kampf gegen das Judenthum mit den alten Waffen des Mittelalters wieder zu erneuern, ertragen ließ. Als' jedoch die Wogen dieser heftigen Bewegung anfingen, über unser Haupt zu gehen, da sahen auch wir uns genöthigt, uns zur Wehr zu setzen und zum Kampfe zu rüsten, und sahen uns nach Waffen um, um den tückischen, hinterlistigen Feind zu entwaffnen. Man sah ein, daß der Lüge und Bosheit endlich ein Damm entgegengesetzt werden müsse, und so entstanden eine Menge Schriften und Vereine „zur Abwehr des Antisemitismus", der „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" und in sehr vielen Gemeinden'Deutschlands „Vereine für jüdische Litteratur und Geschichte". Sind erstere besonders dazu geeignet, .unsere staatsrechtliche Stellung unter unseren christlichen Mitbürgern zu wahren, so sind die letztgenannten Vereine dazu berufen, die erkaltete Liebe und Ehrfurcht' vor den Denkmälern unserer geheiligten Gotteslehre zu erwecken und die Begeisterung für das Judenthum von Neuem zu entfachen. ... Von welch' weittragender Bedeutung die Begründung dieser Vereine ist, kann nur der ermessen, der mit offenem Auge und mit Besorgmß das allmälige Schwinden des. „jüdischen Geistes" in unserer Heranwachsenden Generation zu beobachten Gelegenheit findet; ihm konnte es auch nicht entgehen, wie dieser Mangel an dem echt jüdischen Geiste Zerfahrenheit und Jndifferentismus gegen unsere alten geweihten Institutionen schuf. Insofern mag jene „Schmach des- Jahrhunderts" ein heilsamer Weckruf zu ernster, geistiger Sammlung geworden sein. Aber sind denn die genannten Vereine allein wirklich im Stande, „den jüdischen Geist" zu wecken und dauernd zu erhalten? O nein, man vergaß hierbei ganz der Schüler und speziell der jüdischen Volksschule, der die Pflege jüdischen Geistes unter anderm auch als Hauptaufgabe zufällt. Der jüdische Abiturient, der . mit seinem Reifezeugnisse fröhlich der Alma mater zuwandert, hat sicherlich nur wenig von dem in der Schule verspürt, was mau „jüdischen Geist" nennt, der den gesammten Schulunterricht durchdringen müßte, wenn er recht gepflegt werden soll; es müßte denn sein, daß das Elternhaus hierin seinen Einfluß einigermaßen geltend gemacht hat. Nun, verübeln können wic's ihm nicht, wenn ec nicht Red' und Antwort stehen kann gegenüber den Angriffen seiner christlichen Kommilitonen; denn das Studium der jüdischen Geschichte und Litteratur gehörte ja nicht zu den Lehrfächern, die bei der Abgangsprüfung ins Gewicht fallen. Wenn ich also hiermit der konfessionell jüdischen Schule das Wort rede, so leitet mich hierbei die Erfahrung: Gerade die'spezifisch jüdische Volksschule und deren weiterer Ausbau sollte die Aufmerksamkeit der maßgebenden Gemeinde-Organe auf sich lenkem

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