Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1897)
- Date
- 1897-02-26
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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61: Jahrgang. Nr. 9. IQtX 26. Fkbrnar 1897. Werlage zur „Allgemeinen Zeitung öes IuöentHurns". Korrespondenten und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 21. Februar. Im geschäftlichen Theil der heutigen Repräsentanten-Versammlung gelangte zunächst ein Schreiben des Prof. Baginsky zur Verlesung, worin er bedauert, aus Mangel an Zeit das ihm übertragene Amt im Kuratorium der Ephraimstiftung ablehnen zu müssen. Statutengemäß wird diese Angelegenheit dem Ausschuß III zur weiteren Erledigung überwiesen. — Nach Verlesung des Protokolls der vorigen Sitzung bittet Herr Manheimer, den Beschluß über die Verwendung der auf dem Friedhofe eingegangenen Büchsengelder noch auszusetzen, da die Alterversorgungsanstalt sichere Anrechte, zum mindesten auf die eingehenden Gelder der alten Friedhöfe, hätte. Justizrath Meyer machte der Versammlung darauf die Mittheilung, daß er in einem Schreiben das Kuratorium aufgefordert habe, etwaige Rechte aktenmäßig'darzuthun. Der Antrag Manheimer erledigte sich durch die Bemerkung' des Justizraths Tiktin. daß ja gar kein Beschluß gefaßt worden, sondern nur die Bestimmung getroffen worden sei, zu Beginn des Etatsjahres die Verwendung der Gelder jedesmal-festzusetzen. — Der zweite Punkt der Tagesordnung: „Vorlage betr. Bewilligung einer Beihilfe an das Mädchenhaus in Pankow" gab zu längerer und recht lebhafter, aber wenig ersprießlicher Diskussion Veranlassung. Das Referat erstattete Herr Leonhard Sachs. Der Ausschuß hätte beschlossen, nicht den gewünschten Beitrag von je 3000 M. auf die Dauer von 3 Jahren, sondern nur im ersten Jahre 3000, im zweiten 2000 und im dritten 1000 M. zu bewilligen. Man wolle, durch diese Form der Bewilligung dem Kuratorium des Mädchenhauses gegenüber zum Ausdruck bringen, daß nach 3 Jahren auf einen Zuschuß definitiv nicht mehr gerechnet werden könnte. Die guten Ziele, welche das Institut verfolgt, seien ja nicht zu verkennen; die Anstalt erfreue sich eines großen Zuspruches, sei jetzt schon mit 18 Betten belegt, während bei Gründung des Hauses nur 10 Mädchen Aufnahme gewährt werden konnte. Man plane schon jetzt wieder eine Vergrößerung. Die Bilanz der Anstalt sei übrigens nicht ungünstig, es finden sich unter den jährlichen Beiträgen Zuschüsse von je 2000 M., die von zwei Wohlthätern geleistet werden. Das Mädchenhaus werde seines guten Zweckes wegen von mehreren auswärtigen Gemeinden, so von Glogau, Ortelsburg, Bromberg rc-, durch jährliche Beiträge unterstützt, deshalb dürfte die hiesige Gemeinde, wenn die Nothwendigkeit vorliegt, auch nicht zurückstehen. Herr Louis Sachs, welcher ebenfalls der Kommission zur Vorberathung angehört hat, betont ausdrücklich, was vom Referenten nur beiläufig als Urtheil einiger Kommissions- Mitglieder erwähnt worden war, daß die Genehmigung des Beitrages nur unter der Voraussetzung ausgesprochen worden sei, wenn der Vorstand ein ähnliches Institut, das jüdische Mädchen st ist, das auch einen Unterstützungsantrag gestellt, ebenfalls berücksichtige. Der Zweck, den dieses Institut verfolge, sei ein gleicher wie der des Mädchenhauses, es bedürfe in erster Reihe der Unterstützung, weil es das ältere und bahnbrechend gewesen sei für die zu leistenden Zwecke. Er beantragt, den Punkt zu vertagen, bis der Vorstand Mittheilung darüber gemacht hätte, ob die Petition des Mädchenstiftes bewilligt worden sei. Hierauf giebt Herr Martin Simon zunächst eine Uebersicht über Einnahmen und Ausgaben des Mädchenhauses, die Nothwendigkeit eines Zuschusses sei erbracht worden. Man sei im Vorstande der Ansicht, daß Privatvereine überhaupt nicht subventionirt werden sollten; unsere bedeutendsten Institute beruhen auf privater Wohlthätigkeit. Man habe sich auch erst nach langem Sträuben entschlossen, das Mädchenhaus zu unterstützen, weil es sich um ein Institut handle, das in erster Reihe die sittlichen Zustände in den ärmeren Kreisen unserer Gemeinde hebe und kräftige. Die Verhältnisse im Mädchenstift liegen ganz anders, es wäre hier Kapital und ein Reservefonds vorhanden. und Einnahmen und Ausgaben hätten balancirt. Der Vorstand hat deshalb in seiner Mehrheit beschlossen, das Gesuch des Mädchenstiftes nicht zu bewilligen. Im Uebrigen gehörten beide Angelegenheiten gar nicht zu einander und sollten nicht von der Versammlung mit einander verquickt werden. Auch Herr Justizrath Meyer bestreitet den Zusammenhang beider Angelegenheiten, wundert sich aber nicht über den gestellten Antrag, da Herr Sachs ein eifriges Mitglied des Mädchenstiftes sei, was übrigens Herr Sachs sofort durch einen Zwischenruf in Abrede stellt. Der Beschluß der Kommission mit der Decrescendobewilligung sei zu seiner größten Freude gefaßt worden. Es sei auch diese Bewilligung nur eine Ausnahme, und weyn heute zehn andere Vereine mit Gesuchen kommen würden, so würde man sie sicher alle ablehnen. Der Vorstand sei entschlossen, die Subventionen thunlichst einzuschränken und nicht neue Unterstützungen eintreten zu lassen, wenn, wie beim Mädchenstift, auch, nicht der Schein einer Nothwendigkeit vorliegt. Herr Sanitätsrath Blumenthal, der dem Vorstande des Mädchenstiftes angehört, motivirt das Gesuch; di'e Anstalt, welche seit etwa zehn Jahren bestünde, hätte nicht genügend Mittel, um alle Petenten aufzunehmen. Er wünscht ebenfalls die Vertagung. Justizrath Meyer spricht nochmals sehr entschieden gegen den Antrag. Die Angelegenheit sei ja genügend vorberathen worden, und die ewigen Vertagungen seien für die Maßnahmen des Vorstandes nur hinderlich. Die Gemeinde sei überhaupt gar nicht in der Lage, jeden Verein zu unterstützen. Das Gesuch des Mädchenstiftes sei erst akut geworden, als die Bewilligung an das Mädchenheim ausgesprochen werden sollte. Nachdem Herr Isidor Sachs an der Hand der Statuten des Mädchenhauses die ethische Seite der Ziele der Anstalt betont und für die sofortige Bewilligung des Gesuches eintritt, will Justizrath Tiktin entgegen der Ansicht des Vorstandes die Angelegenheit unter dem Gesichtspunkt der ausgleichenden Gerechtigkeit behandelt wissen. Das Kuratorium des Mädchenhauses hätte sicher nichts verlangt, was nicht durchaus nöthig sei. Höchstens könne die Gemeinde sagen, eine Unterstützung ist nicht erforderlich, und das Gesuch ablehnen. Erkennt sie jedoch die Nothwendigkeit eines Gesuches an, dann dürfe sie nicht „handeln". Es lägen jetzt Unterstützungsgesuche zweier Anstalten vor; das eine sei bewilligt, das andere abgelehnt worden. Warum solle die Repräsentanten-Versammlung sich nicht ein Urtheil darüber bilden und nicht in die Lage kommen, sich darüber gründlich auszusprechen? Und wenn auch der Vorstand sich über die „ewigen Vertagungen" beklage, die Gründlichkeit der Berathungen leide doch sicher nicht darunter, es wäre bei Weitem besser, als wenn man Vorlagen aus der Pistole schießen würde! Er sei der Meinung, in der That zu beschließen, diese Sache auf die nächste Sitzung anzusetzen und gleichzeitig den Gemeindevorstand zu ersuchen, die Eingabe des Mädchenstiftes mitzutheilen. Herr Manheimer spricht ebenfalls für Vertagung, aber aus dem Grunde, um beiden Vereinen, die ja die gleichen Ziele verfolgen, nahezulegen, sich zu verbinden. Nichts sei schädlicher, als eine Konkurrenz! Herr Leonhard Sachs ergänzt sein Referat und erwähnt zum Schluß noch, daß die Grundidee zur Errichtung des Mädchenhauses vom Justizrath Makower ausgegangen, und es sei eine Ehrenschuld, die die Versammlung einzulösen hätte. Auf der rechten Seite des Hauses schien man allerdings nicht dieser Ansicht zu sein, wie die lebhafte Unruhe bewies, die diesen Worten folgte. Auch Herr Martin Simon, sucht noch einmal den Standpnnkt des Vorstandes zu rechtfertigen. Es sei gerade der Stolz der Gemeinde, daß die Vereine aus eigenen Mitteln sämmtliche Kosten bestritten. Er sei der Ansicht, daß, wenn die Unterstützungen so reichlich flössen, die aufgewendete Mühe nicht die gleiche sein würde, als wenn die Subventionen ausblieben. Nach wenigen Worten des Herrn Sanitätsrath Blumenthal, der nochmals für Vertagung eintritt, wird auf Abstimmung Schluß der Debatte angenommen. Herr Louis Sachs erklärt nach den Mittheilungen des Vorstandes seinen.Antrag für hinfällig. Es