Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1897)
- Date
- 1897-02-26
- Page
- Seite 108 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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fällig" im Kursaale und wurde Fräulein Leonore vorgestellt. Das sie sich gegenseitig gefielen, kann man nicht sagen, Leonore fand, daß er sehr unbeholfen sei, von nichts Anderem zu sprechen wisse als vom Geschäft, und war entrüstet darüber, daß er sie gefragt hatte, ob Shakespeare ein Verwandter von ihr sei, als sie diesen Namen in Verbindung mit einem Citat nannte. Awrom seinerseits war sehr unbefriedigt von der kühlen Art, mit welcher Leonore ihn behandelt hatte, er fühlte sich verletzt durch die Art und Weise, mit der sie von dem Leben in einer kleinen Stadt, von ihren christlichen Freundinnen und ihren vornehmen Verwandten sprach, aber zwei Verneinungen geben eine Bejahung. Tante Pauline that überzeugend dar, daß eine Frau immer am besten thue, einen Mann zu heirathen, der geistig unter ihrem Niveau stehe, und Reb Bär bewies aus dem Talmud, daß man bei der Wahl einer Frau in erster Linie auf die Familie sehen müsse. So kam die Partie zu Stande. Tante Pauline triumphirte, und Reb Bär war mit der noblen Art, mit welcher man seine Dienste belohnte, sehr zufrieden. Die Ehe selbst jedoch war eine konventionelle geblieben. Während sonst bei jüdischen Ehendie ja alle auf solche Weise geschlossen wurden, die Gewöhnung an einander sich zur Liebe entwickelte, blieb bei Awrom und 'seiner Frau das Gefühl der. Fremdheit bestehen. Sie fühlte, je höher ihr Gatte stieg, statt einer Theilnahme an seinem Glücke nur immer mehr die Demüthigung einer Verbindung, die sie geschlossen hatte, um dem Schicksale einer alten Jungfer zu entgehen, und er merkte, daß sie trotz der hohen sozialen Stellung, die er ihr bot, ihn immer noch als tief unter ihr stehend ansah, und am meisten kränkte es ihn, daß sie seinen alten Vater ohne jede Rücksicht auf das verwandtschaftliche Verhältniß so behandelte, wie man im Hause ihres Vaters den Gemeindediener behandelt hatte. Fortsetzung folgt.) -G- Sei nicht den Untern gleich! Bon Emil Lehmann in Dresden. ei nicht den Vätern gleich! Das Wort: Hör' Israel Galt ihnen ohne Fehl, Ihr Denken, all ihr Meinen Pries Gott allein, den Einen. Sei nicht den Vätern gleich! Sie stimmten überein: Gott schuf den Menschen rein. Daß seine freie Seele Das Gut' und Rechte wähle. Sei nicht den Vätern gleich! In reger Geisteskraft Erglüht der Wissenschaft, So fanden sie mit Klarheit Im Glauben ew'ge Wahrheit. Sei nicht den Vätern gleich. Die nicht im Unverstand, Und nicht im Sinnentand, Auch nicht im Ueberspannten Des Glaubens Kern erkannten. Sei nicht den Vätern gleich. Die treu ihr Leben lang In schwerer Zeiten Drang, Im Hoffen und im Lieben Sich, ihren Brüdern blieben. Sei nicht den' Vätern gleich Verhöhnt, gedrückt, bedrängt. Auf Schritt und Tritt beengt, Geschieden und gemieden — Und doch voll Seelenfrieden! Sei nicht den Vätern gleich! Sie priesen dankend Gott Trotz allem Haß und Spott Und hofften voll Vertrauen, Der Freiheit Tag zu schauen. Sei nicht den Vätern gleich! Wie oft auch ihrem Pfad Versuchung sich genaht Den Glauben aufzugeben — Ihr-Glaube blieb ihr Leben. Sei nicht den Vätern gleich! Sie wählten selbst den Tod Als Priester sie bedroht — Und wurden nicht Verräther Am Glauben ihrer Väter. Sei nicht den Vätern gleich! Was sie erhofft, erfleht: Der Freiheit.Morgen weht. Wir leben beß're Tage, Trotz vieler Pein und Plage. Sei nicht den Vätern gleich! Du schämst dich als „Semit", Du meinst, durch Uebertritt, Durch Abkehr von den Ahnen Dir freien Pfad zu bahnen.? Sei nicht den Vätern gleicht Zu allen Zeiten galt Für Jeden, jung und alt. Als Pflicht die heilige Lehre: „Die Eltern lieb' und ehre." Sei nicht den Vätern gleich! Geh hin und sprich es aus: Ich und mein ganzes Haus Will mich von Denen trennen, Die Einen Gott bekennen. Sei nicht den Vätern gleich! Ist auf dich kein Verlaß, Meinst du den alten Haß In Liebe dir zu wandeln — Bleibt lieblos doch dein Handeln. Sei nicht den Vätern gleich! Winkt' ihrem Thatendrang Nicht Anseh'n, Amt und Rang, Und mußten viel sie missen — Rein war, blieb ihr Gewissen. Sei nicht den Vätern gleich! Das, was bekannt ihr Mund, Kam aus des Herzens Grund — Doch was du willst bekennen — Kannst du das Wahrheit nennen? Sei nicht den Vätern gleich! Du fliehst, was angestammt. Um Ehren, Macht und Amt; Ob's Lob dir bring', ob Tadel — Zeugt es von Seelenadel? Sei nicht den Vätern gleich! Die hielten muthig Stand. — Ob dein Thun Beifall fand? Ob Die für Edles flammen, Es nicht als feig verdammen? Sei nicht den Vätern gleich! Auch die des Geistes Flug In Wissens Höhen trug. Sie sind in inn'gem Lieben Dem Glauben treu verblieben. Sei nicht den Vätern gleich! Auch dich hat Geistes Kraft Beseelt und Wissenschaft. Nun willst du dir erkaufen Ein Amt — durch überlaufen? Sei nicht den Vätern gleich! Die sie ohn' Unterlaß Verfolgt mit Hohn und Haß — Die schelten unbestritten Dich nach wie vor — „Semiten". Anmerkung. Isaak ben Mose Halevi Prophiat Duran, Philosoph, Arzt, Grammatiker und Astronom, 1391 aus Spanien vertrieben, richtete an seinen übergetretenen Jugendfreund, David Bonet ibn Giorno das berühmte, durch scharfe Satyre ausgezeichnete Sendschreiben, dessen einzelne Sätze mit den Worten beginnen: Al tehi Kaawossecho, „sei nicht wie deine Väter," von gegnerischer Seite, welcher die Ironie der Polemik entging, Alteka boteka genannt. Die jüdische Litteratur III Seite 670 ff). Das Vorstehende lehnt in den Eingangsworten an dies Sendschreiben an. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.