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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-02-26 · Heft 9 (26.2.1897) · p. Seite 107

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 9 (26.2.1897)
Date
1897-02-26
Page
Seite 107 (sequence 11)
Language
German
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107 „Ich trenne mich nie von meinem Manne," sagte sie mit graziöser Kopfneigung, „nicht einmal um der verführerischen Ehre willen, die Krone des Verdienstes zu theilen." „Sie sehen, gnädige Frau, ich habe nicht nur die Krone, sondern auch das Kreuz," sagte Awrom, indem er auf seinen Orden deutete. Es war die volle Wahrheit. Er hatte sein Kreuz. Seine erste Ehe war keine besonders glückliche gewesen. Jentel war seit der Geburt ihres einzigen Kindes, das tobt zur Welt gekommen war, immer kränklich gewesen, und den Pflichten, welche ihr die erhöhte gesellschaftliche Stellung des Gatten auferlegte, war sie nicht gewachsen. Vielleicht wäre er neben ihr nie Bürgermeister geworden. Daß ein kinderloser Wittwer von etwa fünfzig Jahren in so glänzenden Vermögensverhältnissen nicht Wittwer bleiben könne, war ja ausgemacht, und wenn Awrom jemals diese Absicht gehabt hätte, er hätte sie aufgeben müssen, nur um den Heiratsvermittlern, den professionellen und freundschaftlichen, die ihn mit Briefen und Besuchen bestürmten, zu entgehen. Seine Wahl fiel auf Leonore Rosenbaum, eine Kousine des Fabrikanten, also eine Verbindung, die ihn in die Sphäre eines Familienkreises hob, zu welchem Mordche nie aufzuschauen gewagt hätte. Leonore war achtundzwanzig Jahre alt geworden; obwohl noch immer eine jugendfrische Erscheinung von auffallender Schönheit, brünett, von angenehmer Fülle, mit reichem dunkelbraunem Haar, ein wenig über Mittelgröße, wäre sie jedem Maler das erwünschteste Modell einer Judith gewesen; dabei wußte sie sich sehr geschmackvoll und reich zu kleiden, ohne durch überladenen Schmuck herauszufordern. Sie war zu einer repräsentativen Stellung geschaffen und hätte als Frau eines Botschafters die Gesellschaft einer Großstadt dominirt. An Selbstbewußtsein fehlte es ihr nicht, denn schon als sie, ein fünfzehnjähriges Mädchen, die Pension verließ, wurden ihr Anträge gemacht. Damals war es zu früh, und später schien es zu spät geworden zu sein. Chajim Rosenbaum, ihr Vater, war vollständig verarmt, nachdem er den Glanz des alten Namens schon lange nur äußerlich mit Mühe aufrecht erhalten hatte. Die jüdische Aristokratie hat immer eine kurze Geschichte gehabt. Perez und Chajim Rosenbaum waren als Söhne eines wohlhabenden Vaters und als Enkel eines berühmten Rabbiners Aristokraten in ihrem Zirkel gewesen, und das Engros-Geschäft in Leinenwaaren, welches sie gemeinsam führten, berechtigte sie zu einer angesehenen Stellung in der alten Khille. Die geänderten Verhältnisse des Verkehrslebens hatten das Engros- Geschäft ihres Platzes lahm gelegt. Perez begriff die Verhältnisse und siedelte sich in der Hauptstadt an, wo er mit seinen Söhnen eine Fabrik übernahm. Chajim hielt aus, bis er seine Armuth offen bekennen mußte und auf höchst kümmerliche Weise sein Leben fristete. Der Druck der Armuth und die Sorge um seine einzige Tochter, für die er eine glänzende.Zukunft erhofft hatte, lasteten so schwer auf seiner Seele, daß er in Trübsinn verfiel, von dem er nach mehrjährigem Hinsiechen durch den Tod erlöst würbe. Leonore hatte in diesen traurigen Jahren durch viele Zurücksetzungen, die sie ertragen mußte, durch die Kränkungen, die sie bei ihrem Verkehre mit den glücklicheren Verwandten empfand, in sich ein Gefühl der Verbitterung großgezogen, daß keinen anderen Gedanken in ihr aufkommen ließ als den einen, auf ihr? Kusinen einmal so herabsehen zu können, wie diese jetzt auf sie herabsehen. In dieser Lage kam Awroms Heirathsantrag. Man darf sich das allerdings nicht so einfach vorstellen, wie sich diese Worten hören oder lesen. Die Sache bedurfte mancher diplomatischen Künste, um zur That zu reifen. Zuerst war die Tante auf die Idee gekommen, daß sich hier eine Gelegenheit böte, Leonore zu „versorgen"; sie theilte Fanny ihren Plan mit; die Letztere hatte zwar Bedenken wegen der Familie, aber schließlich fand sie auch, daß die Sache sich hören lasse, da Lori doch schon in reifen Jahren stehe und kein Verurögen habe, sie wollte Max ins Vertrauen ziehen, der die Angelegenheit in die Hand nehmen könne. Max jedoch behauptete, daß die Heirathen im Himmel geschlossen würden, er aber dort zu schlecht angeschrieben sei, um als Gottes Bevollmächtigter zu handeln, doch wolle er der lieben Tante zu Gefallen zu dieser Aufgabe Reb Bär empfehlen, der erstens in himmlischen Quartieren mehr angesehen sei und zweitens seiner Armuth wegen gern bereit sein werde, ein zu gleicher Zeit frommes und lukratives Werk zu unternehmen. Der Familienrath, der inzwischen durch weitere Tanten verstärkt worden war, beschloß nun. Max die Vollmacht zu geben, sich diesbezüglich mit Reb Bär in Verbindung zu setzen, aber Max meinte, daß sein ehemaliger Lehrer von ihm einen hebräischen Brief erwarte, den er sich nicht mehr zutraue, verwies überdies auf seine schlechte Handschrift und darauf, daß man ihm mit Fug und Recht sagen könne: „Arzt, heile dich selbst." So wurde denn Rosenbaum beauftragt, an Reb Bär zu schreiben. Reb Bär erinnerte sich gerade an dem Tage, an welchem er den Brief erhielt, daß die Friedhofsmauer schon seit Jahren schadhaft sei. Er machte deshalb dem Herrn Vorsteher einen Besuch. „Was bringen Sie mir?" rief dieser dem seltsamen Besucher entgegen. „Ich komme als Vorsteher der Chewra," war die Antwort. „Die Friedhofsmauer ist sehr schadhaft und muß einer gründlichen Reparatur unterzogen werden. Die Mittel der Chewra reichen dazu nicht aus, und die Gemeinde wird helfen müssen." „Ja." meinte Awrom, „die Gemeinde ist leider auch nicht in der Lage, großen Aufwand zu machen. Der Zustand der Mauer ist ja schon seit längerer Zeit ein derartiger, und wir müssen eine gründliche Reparatur auf eine günstigere Gelegenheit verschieben." „Es ist aber an einer Stelle so, daß unmittelbar etwas geschehen muß, wenn nicht ein Theil der Mauer ganz einstürzen soll," fuhr Reb Bär fort. „Ich sah es erst neulich, als man für Ihre selige Frau den Grabstein aufstellte. Es ist gerade in der Nähe dieses Grabes." „Nun, ich will mit Ihnen hingehen," erwiederte Awrom, „sobald es meine Zeit erlaubt. Ich habe ohnehin den Grabstein auf dem Grabe meiner Frau noch nicht gesehen." „Entschuldigen Sie, Herr Vorsteher," sagte Reb Bär lächelnd, „ist nicht etwas im Zuge? Ich habe so etwas sprechen hören. Ich will nicht indiskret sein-" „Nicht, daß ich wüßte," war die Antwort. „Ich will es mir zwar nicht versagen, wenn die Zeit gekonnnen sein wird, aber bisher habe ich noch nicht daran gedacht." „Mir ist eben etwas eingefallen," meinte Reb Bär, „ein Mädchen aus feiner Familie, schön, gebildet, häuslich erzogen, allerdings ohne bedeutendes Vermögen. Ich bin zwar nicht ermächtigt, einen Antrag zu stellen, aber ich glaube, wie ich die Verhältnisse kenne, wird man es dort nicht ungern sehen." „Sie machen mich neugierig," sagte Awroin. Reb Bär nannte den Namen. Awrom hatte Bedenken, er fürchtete, die Dame sei für ihn zu jung. Natürlich wurde das Argument widerlegt, und schließlich wollte er die Sache in Erwägung ziehen.. Infolge dieser Erwägung beschloß Tante Pauline, die eine Kur in Baden durchzumachen hatte, Leonore mitzunehmen, damit „das arme Mädchen doch auch etwas genieße." Awrom war I „zufällig" auch nach Baden gekommen, traf Tante Pauline „zu-

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