Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1897)
- Date
- 1897-02-26
- Page
- Seite 105 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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105 Arber Nassrnuntrrschiedr. Von Dr. nied. Leopold Treitel. - 1. trotz des Fortschreitens der Kultur und trotz des gewaltigen Aufschwungs, welchen die Verkehrsmittel in der Neuzeit erfahren haben, schließen sich die Nationen immer mehr von einander ab, immer höher thürmen sie die Schranken zwischen sich auf und betonen immer mehr ihre Eigenheiten, ohne für die anderer Völker ein Verständniß zu haben. Aber selbst' innerhalb derselben Nation bestehen ähnliche Gegensätze. Denn es giebt heute kaum einen Kulturstaat, dessen Einwohner einen einzigen Volksstamm bilden, sondern in jedem sind besondere Gruppen von Menschen vorhanden, welche sich durch ihre Lebensgewohnheiten und Sitten und vielfach schon durch ihr Aeußeres von anderen unterscheiden. So sind z.'B. die Slaven über Deutschland, Oesterreich, Rußland und die Balkaustaaien verbreitet; dasjenige Volk aber, das am meisten unter allen Völkern zerstreut ist, sind die Juden. Man pflegt diese Volksgruppen als Rassen zu bezeichnen. Sind aber, so muß man sich fragen, die Unterschiede zwischen den einzelnen Völkergruppen so bedeutende, daß mau berechtigt ist, ganz gesonderte Menschenarten aus ihnen zu machen, und giebt es Merkmale, welche uns gestatten, eine Menschengruppe der anderen unterzuordnen? Ich will es versuchen, im Folgenden auf diese Frage Antwort zu geben. Das erste, was uns an einem Menschen anderer Rasse, z. B. einem Neger, ausfällt, ist in der Regel die Farbe seiner Haut. Man hat sich daran gewöhnt, nach dem Vorschläge des berühmten Blumenbach, fünf verschiedene Typen der Hautfärbung aufzustellen und danach die Menschen in fünf Rassen einzutheilen: die weiße oder kaukasische, die gelbe bis gelbbraune der Mongolen, die röthlichbraune der eingeborenen Amerikaner (Indianer) und die beiden schwarzen der aethiopischeu und der neuholländischen Neger, von denen letztere, die aussterbende Bevölkerung Neu-Hollands, dunkler sind als erstere, welche hauptsächlich in Afrika wohnen. Diese fünf Farben reichen aber nicht im Entferntesten dazu aus, die Nüaneen der Hautfarben zu bezeichnen, welche die Völker der Erde answeisen. Je näher man die mit Unrecht so genannten „Wilden" kennen gelernt hat, sei es durch Forschungsreisende oder durch die in Europa mit ihnen veranstalteten Schaustellungen, desto mehr kam man zu der Erkenntniß, daß es fast unzählige Farben-Abstusungen vom durchsichtigen Weiß einer zarten Europäerin bis zum tiefsten Schwarz giebt. Um alle diese Nüaneen richtig zu bezeichnen, ist die Sprache keines Volkes hinreichend; sie sind alle zu arm an Worten, um diesen Reichthum von Farben auszudrücken. Man sah sich daher genöthigt, eine Tafel mit einer Farbenskala .herzustellen, auf welcher alle bisher bemerkten Hautfarben mit dem Pinsel wiedergegeben sind; der Forscher braucht nur die Nummer derselben anzugeben, anstatt einem Anderen die Hautfarbe des voll ihm Untersuchten ausführlich zu schildern. Man würde sich z. B. wundern, wie zahlreich die Nüaneen des Schwarz sind; aber ein reines Schwarz ist sehr selten und' ist nie die Farbe eines ganzen Völkerstammes, sondern immer ilur Einzelner. Bei einem Vergleiche der Völker erhält man leicht die Ueberzeugung, daß der überwiegend größte Theil der Erdbevölkerung eine dunkle Hautfarbe hat, eine hellere bis weiße Hautfarbe kommt eigentlich nur den Europäern und den ihnen verwandte!: Völkern zu. Aber auch nicht alle Europäer sind eigentlich weiß; nur der kleinere Theil von ihnen hat eine wirklich helle Hautfarbe, während die meisten etwas dunkler sind. Die dunklere Hautfarbe der.Weiße» nennt man brünett, während die hellere ein Merkmal der Blonden ist. Blond ist eigentlich die Bezeichnung der Haare solcher Menschen, aber mit blond und brünett will man nicht nur die Hautfarbe charakterisiren, sondern Haut, Haare und Augen bilden in dieser Beziehung eine merkwürdige Einheit. Die Brünetten haben nicht nur eine dunklere Haut, sondern auch dunklere Haare und braune Augen, während die Blonden allster dem blonden Haare mit wenigen Ausnahmen eine hellere, weißliche Haut und blaue Augen haben, bei welch' letzteren übrigens ilur die Farbe der Regenbogenhaut gemeint ist. Bis vor kurzer Zeit herrschte selbst in Gelehrtenkreisen die Ansicht, daß die Germanen, zu denen außer ben heutigen Bewohnern Deutschlands, Schweden, Norwegen u. a. gehören, ausschließlich Träger des blonden Typhus seien, aber umfassende Untersuchungen' haben gelehrt, daß die Blondheit doch kein Privilegium des germanischen Volksstammes, wie er sich jetzt zusammensetzt, ist, sondern daß auch andere Völker sich dieser als Vorzug geltenden Farbe erfreuen. Auch unter beu Slaven finden sich viele Blonde, das ganze heutige Finnland, zählt eine überwiegend blonde Bevölkerung, und auch die ihilen benachbarten Letten weisen diese Färbung auf. Auf Virchows Veranlassung wurden etwa zehn Millionen Schulkinder in Deutschland und Oesterreich auf die Farbe der Haut, der Haare und Augen untersucht. Bei dieser Musterung stellten sich ganz bedeutende Unterschiede in der Anzahl der Blonden und Brünetten in den einzelnen Landestheilen heraus. Während z. B. in einem oldenburgischen Bezirk 60 pCt. der Kinder blond waren, lvar in der baierischen Oberpfälz ein Bezirk mit nur 9 PCt. blonden Kindern vorhanden. Im Allgemeinen. ist der blonde Typus in Norddentschland stärker vertreten, als im südlichen Deutschland. Man darf aber nicht glauben, daß sich unter den Kindern ebenso wie unter den Erwachsenen nur Blonde und Brünette finden, sondern noch häufiger ist ein Typus vorhanden, welcher durch eine Mischung, beider entstanden ist. Als vollkommenster Grad dieser Mischung gelten graue Augen. Und verhältnißmäßig die meisten Kinder hatten diesen gemischten Typus, ein Zeichen dafür, wie wenige unter ihnen jetzt. noch von einer ungemischten Rasse abstammen. Etwas günstiger lagen in dieser Beziehung die Verhältnisse bei den jüdischen Kindern, welche 1,1 pCt. der Gesammtheit der Kinder ausmachten. Unter ihnen waren 11 pCt. blond,, eine Anzahl, welche die Erwartung manchen Lesers übersteigen dürfte, und 42 pCt. brünett, während von den übrigen Schulkindern etwa. 32 pCt. blond und 14 pCt. brünett waren. Demnach waren von den jüdischen Kindern nur 47 PCt. gemischter Rasse, von den anderen aber 54 pCt. Dabei waren nicht etwa die meisten Blonden unter den jüdischen Kindern in den Gegenden zu finden, wo die übrige Bevölkerung vorwiegend blond ist, und auch nicht da, wo .sie in der Kultur den Anderen vollkommen gleichen, sondern eher umgekehrt. Die größere Häufigkeit ■ des brünetten Menschenschlages iit Deutschland forderte das Nachdenken der Forscher heraus, zumal merkwürdigerweise die Grenze zwischen der ober- und niederdeutschen Mundart genau auf den Nordrand des . Gebietes fällt, an dem die Zunahme der Brünetten beginnt. Anfangs dachte man an eine Vermischung der ursprünglich blonden Germanen mit den Slaven, etwa zur Zeit der Völkerwanderung. Aber bei den Slaven waltet ' ein ähnliches Verhältnis ob wie bei den, jetzigen Germanen , im Norden und Osten sind sie überwiegend blond, nach dem Süden zu überwiegt der brünette Menschenschlag. Es sind also die Polen mehr blond, die Tschechen mehr brünett. Man kam daher zu dem vielleicht überraschenden Schlüsse, daß auch, die Slaven ursprünglich .blond