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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-02-26 · Heft 9 (26.2.1897) · p. Seite 104

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 9 (26.2.1897)
Date
1897-02-26
Page
Seite 104 (sequence 8)
Language
German
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Briefe aus Australien.') Mitgetheilt von Rabbiner Dr. B. Königsberger in Pasewalk. (Aus dem Hebräischen übersetzt.) ' u Dunedin (New-Zealand), 26. November 1895. Ehrwürdiger Herr Rabbiner! unächst bitte ich um Verzeihung, daß ich die Festtage vor der Beantwortung Ihres jüngsten Briefes verstreichen ließ. Die einzelnen Gründe, aus denen dieselbe so lange unterblieb, aufzuzählen, wäre jetzt zwecklos .... Und besonders bitte ich darum, das Wort unserer Weisen zu beachten: Urtheile nicht über Deinen Nächsten, bis Du in seine Lage gekommen.. Ihr interessanter Brief vom 17. August ist am 5. Oktober in meine Hände gelangt; doch dürfen Sie daraus nicht auf die Beförderung der Briefe von Deutschland nach Neu-Seeland im Aügemeinen schließen. Ich will Ihnen die Sache auseinandersetzen: Auf drei Wegen und nur dreimal im Monat geht und kommt die Post (Mail) von hier nach Europa. Die erste, Suez mail genannt, fährt zu Wasser über Australien, Aden, Rothes Meer, Aegypten und das Mittelländische Meer nach Europa; die zweite heißt virect mail, geht direkt zu Wasser um das Kap Horn herum nach England, ohne dabei festes Land zu berühren; die dritte, San Francisco mail, fährt einmal monatlich zunächst nach San Francisco, von dort mit. der Eisenbahn nach New-Pork und von da auf einem besonderen Dampfer nach London. Die letztgenannte Post erhält von unserer Regierung eine jährliche Subvention, und so koinmt es, daß die meisten Postsachen bei uns auf dieser Linie befördert werden. So lassen sich also die Briefe nicht nach beliebiger Zeit'dirigiren. Es kommt aber auch vor,-daß ein Dampfer untergeht und die Postsachen verloren gehen, zumal wenn man die Stelle des Unfalls nicht kennt. . Es hat mich sehr gefreut, von Ihnen zu hören, daß mein Brief Ihren Beifall gefunden, und Ihre treffenden Worte, das Band der Freundschaft soll dauernd zwischen uns bestehen bleiben, unterschreibe ich gern voll und ganz, ja ich will diese Verbindung aufs Eifrigste pflegen. Und, offen gestanden, ist es auch das Beste für mich. Denn nachdem wir alle in früher Jugend zu einem Bunde (dem Bunde Abrahams) zusammengeführt worden sind, sind wir'eigenllich einander wie Brüder geworden, eng an einander gekettet mit den Banden der Liebe und aufrichtigen Anhänglichkeit, die nie gelöst werden sollten. Die wahre, heiße Liebe eines Juden aber zu seinen Glaubensgenossen kennt nur der, der fernhin über die Wellen des Meeres gezogen und an seine Genossen in seiner früheren Heimath denkt, gleichviel ob er aus Polen, Frankreich, England oder einem anderen Lande' stammt, sobald er unter Andersgläubigen weilt. Wer aber nie seine Heimath verlassen, macht sich sicherlich keinen Begriff von. dieser, heißen Sehnsucht und Liebe. Und heute rufe ich, der ich in die weite Ferne getrieben bin, aus: Wehe den Feinden. die unsere Brüder daheiin bedrücken und zur Auswanderung treiben! .... Ihre Frage bezüglich der aus Pernambuco stammenden Glaubensgenossen^) beruhte auf einem Jrrthum. Ich wollte damit 1) Vergl. den ersten Brief in Nr. 36 d. Jhrg. 1895, S. 425/6. 2) . Am Schluffe des vorigen Briefes, bei der Erwähnung der Goldgräber, hatte mein Gewährsmann bemerkt: „gebelau hoju mijelidei Pernambuco“, worüber ich nähere Aufklärung erbeten hatte. Zum Obigen ,nöchte ich jedoch die geehrten Leser auf Gr ätz, Geschichte der Juden, 3/ Aufl., Bd. X, S. 24 f., aufmerksam wachen, wo erzählt wird, daß sichi, um die Mitte des 17. Jahrhunderts eine Kolonie der Amsterdamer nur sagen, daß es „Polnische Juden" waren. Ich-fürchtete, Sie zu verletzen, wenn ich schriebe, daß sie nicht aus Frankreich, Deutsch- Tant» oder einem anderen Lande stammten, und dachte, wenn ich schreiben würde, daß jene reichgewordenen Männer aus Polen stammten, würden Sie vielleicht sagen: Sieh, wie er sich brüstet mit seinen glaubensgenössischeu Landsleuten, als gäbe es außer ihnen keine Juden. Daher wollte ich nur andeutungsweise schreiben und verfiel auf den Ausdruck: Sie stammen nicht aus Pernambuco. Sie hätten ja einfach daraus folgern mögen, daß, wenn sie nicht aus Pernambuco stammten, sie wohl an anderem Orte geboren waren. Das Papier würde die Antworten nicht fassen, die ich Ihnen auf Ihre vielfachen Anfragen zu geben hätte; darum will, ich sie auf gelegenere Zeit verschieben. In der illustrirten Zeitschrift, die ich Ihnen vor ungefähr einem Monat sandte, finden Sie treffende Abbildungen von Neuseeland, so daß Sie erkennen, wo die Ihnen übersandten Briefmarken von der Post gestempelt wurden und in denen sich auch jüdische Gemeinden befinden, darunter besonders: Christchurch, Wellington, Auckland, Dunedin. . . . Mit heutiger Post empfangen Sie auch eine neue illustrirte Zeitschrift, aus deren Abbildungen Sie ersehen können, daß es hier keine alten Ansiedelungen giebt. Denn vor 50 Jahren gab es hier noch keine Weißen. Die hier lebenden Urbewohner, Maori genannt, von' röthlichbrauner Farbe, bestatten ihre Todten gar nicht, sondern sie fallen gewöhnlich in den Kämpfen, die sie mit einander führen, und werden aufgegessen. Der Stärkere frißt den Schwachen auf. Trotzdem bilden -sie heut eine immerhin beachtenswerthe Rasse. Sie sind von hoher Statur, riesiger Körperkraft, dabei sonst durchaus gutmüthig; sie tätowiren ihren Körper, besonders aber.ihr Gesicht. Die Abbildung in der Zeitschrift ist nicht übertrieben. Sie bauen sich Höhlen, die sie Fall nennen, auf den Bergen und auch in der Ebene im Boden. Vor etwa 30 Jahren kamen 20000 englische Soldaten hierher; sie konnten Jenen aber nicht beikommen und mußten mir ihnen Frieden schließen. Sie lieben die Juden sehr, und es ist noch nicht vorgekommen, daß sie ihnen etwas zu Leide thaten. Noch einige Namen, die Sie vielleicht interessiren: Da ist zunächst Rev. Mr. Chodowski in Brisbane (Queensland), der früher Vertreter in.Christchurch auf Neuseeland war. Er stammt aus Polen und hat ein Jahr lang das Seminar des Herrn Rabbiners Dr. Hildesheimer in Berlin besucht, wo er auch Deutsch gelernt hat, und zwar spricht er es „hochdeutsch". Er ist jetzt Rabbiner in B. — Ebenda wohnt Honorable Isidor Lisner. Derselbe stammt aus Poseii und ist deutscher Konsul. Aus seiner Titulatur (Honorable) können'Sie schon ersehen, daß derselbe lebenslängliches Mitglied des Oberhauses (Upper House) von Queensland ist. — Zu emälfjneit wäre noch von meinen Bekannten der gleichfalls aus Polen stammende Rev. Goldrich in Ballarat und der mit mir verwandte Rev. Dr. Blaubaum in St. Hilda (Melbourne), beide im Staate Viktoria. Muttergemeinde in Südamerika in dem von den Portugiesen entdeckten und bevölkerten Brasilien und besonders in der Stadt Pernambuco bildete. Dorthin harte die portugiesische Regierung außer Verbrechern auch solche Marannen (Scheinchristen) deportirt, die sie nicht dem Scheiterhaufen überliefern wollte. Sie erleichterten den Holländern die Eroberung Brasiliens, das unter dem Statthalter Johann Moritz von Nassau (1624—36) eine holländische Kolonie wurde, und bildeten sich nachher zu geordneten Gemeinden aus. .

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