Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1897)
- Date
- 1897-02-26
- Page
- Seite 103 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Charakteristik, -es bulgarisch-journalistischen Laien-Antisemitismus, von Boschiderow, der als gemeiner Verbrecher im Staatsgefängniffe Sofias seine arme Seele aushauchte, bis auf Mitakow den Strohmann-Redakteur der famosen antisemitischen „Bulgaria bez Jewreye" (Bulgarien ohne Juden), der eben eine vier? jährige Haft im gleichen Gefängnisse, Czerna Djamia, schwarze Moschee, verbüßt, bis auf die allerneueste Popen-Leistung, müssen wir konstatiren, daß alle Erzeugnisse den SteniPel des kindischen, des lächerlichen Pamphletirens an sich tragen. Drollig und zwerchfellerschütternd nehmen sich jene Aufsätze aus, welche biblische, talmudische oder midraschische Stellen behandeln, obschon die Pamphletisten wie bie Drucker das gedruckte deutsche Original vor Augen haben. Diese Naivetät, dieses kindische Nachlallen und Nachschreiben kommt mir als der beste Theil ihrer Machwerke vor, da es uns darüber Aufschluß giebt, wie viel Unverdorbenes in ihrem Kläfferthum liegt, und daß diese junschuldigen bulgarischen Antisemiten gewissen Suggestionen folgen, also Zwangsvorstellungen unterliegen. Wahrlich! Die bulgarischen Antisemiten, die über die spagnolischen Juden wegen ihrer Reichthümer (??) herfallen und spaltenlange Wiederholungen des Dziwutyn und Dziwutynska rabota oder Dzyfutska Dzyfutschtyna vernehmen lasten, gehören mehr in die Narrenthürme als in die Zuchthäuser. Es giebt wohl kaum ein so mäßiges, nüchternes, mit wenig Verdienst sich begnügendes Volkselement als die spagnolischen Juden. Vielleicht erregen eben dieser Sparsinn und diese ihre bescheidenen Ansprüche ans Leben wie an ihren Erwerbszweig den Haß der bulgarischen Konkurrenten. Seit geraumer Zeit schienen die Laien-Antisemiten ihre Thätigkeit eingestellt zu haben, und man vernahm bulgarische Stimmen, wie der „Plowdiw" in Philppopel, welche energisch gegen die in Tatar Bazardschik und Philippopel aufgetretenen Blutbeschuldigungen die Partei der Gerechtigkeit ergriffen. Wir wollen hierdurch nicht gesagt haben, daß das Rischus der Befrackten und der Cylindermänner abgenommen. Die Thatsache, daß drei Antisemitenblätter an den unverdaulichen Bibel- und Talnmdbrocken zu Grunde gingen, mag hier konstatirt werden. Nun aber sollte es besser kommen. Ein moderner, in russischtheologischer Drillanstalt erzogener Pope sah die Nothwendigkeit der Kreirung eines bulgarischen Popenblattes ein und fand den gewünschten Anklang. Der Pope Minkow, so heißt der gefeierte Theologe in Philippopel, trat in die Arena mit seiner Monatsschrift unter dem gewiß packenden Titel: Wera i Razum, Glaube und Vernunft. Wer von uns könnte es jemals einem geistlichen Schriftsteller verübeln, wenn derselbe eine so hohe, selbst weit über seine geistigen Fähigkeiten reichende Aufgabe sich stellt, seinen Kollegeil und seine Konnationalen Vernunft zu lehren? Allein, weit gefehlt! Diese Marke hängt vergebens am Halse seines ... Büchleins. Seine wahre Marke müßte lauten: „Lüge und Aberglaube" die er noch durch Citate aus der talmudischen!!! Litteratur zu bekräftigen sucht. Außerdem ist das Ding pikant durch unerhörte Histörchen. Natürlich stehen ihm die Vorbilder der großen Europäer zu Gevatter. Die Uebersetzungen aus Rohling und Genossen, diesen großen Theologen, bilden natürlich die Cau§e8 celebres. Es wäre eine Beleidigung des westeuropäischen Menschthums, wollten wir versuchen, den Inhalt anzugeben. Genügt es ja schon, wenn man das Residuum seiner Geisteskrankheit wiedergiebt: „Die Juden benöthigen Christenblut von ihrer Geburt bis zum Grabe." Was aber das Bedenkliche an dem Wahnsinn für die Juden Bulgariens bildet, ist das Einversiändniß und die Protektion zweier der höchsten Behörden des Landes, deren Aufgabe es ä priori ist, den Glauben vor Un- und Aberglauben, die Vernunft vor einer Mischinfektion der Dummheits- und der Bosheitsbazillen zu wahren. . Der Reverend Menkow, das lumen mundi in Philippopel, läßt uns und allen Jenen, die es wiffen wollen, gleich aus dem Titelblatte jeder Monatsschrift wiffen, daß diese von der heiligen Synode in Sofia und vom Ministerium gutgeheißen und subveutionirt werde. Darf man da nicht mit Recht vor der Gefahr zittern, welche diese neue Suggestion in der bulgarischen Geistlichkeit wie in dem des Glaubens und der Vernunft beflissenen Volkstheil Hervorrufen wird? Wer übernimmt die Verantwortlichkeit dafür, wenn unsere so bescheidene und friedliebende Geistlichkeit, man könnte sie die Bürger in Kutten nennen, denen keine besondere Eingeweihtheit in ihrer christlichen Religionslehre, wie viel weniger erst in der jüdischen, zur Verfügung steht, alle die Schändlichkeitn, die Wera i Razum dem Judenthum zu schreibt, glaubt und eines Tages über die „jüdischen Kindermörder" herfallen wird, um blutige Rache an ihnen zu nehmen? Man muß gerade der bulgarischen wie auch der serbischen Geistlichkeit uneingeschränktes Lob ob ihrer Toleranz gegenüber den Juden spenden, und gar mancher dieser Bürgerpriester, wenn /'er auch nichts von Horaz und Homer weiß, darüber, daß Jesus Christus ein Jude war und das alte Testament seine Grund-, lehre bildet, kann er sich zumeist Rechenschaft geben. Indessen, verkennen die hiesigen Spagnolen die kommende Gefahr keineswegs. Der Verein Zion gab die Anregung zur Erwiederung . und betraute eines seiner tüchtigsten Mitglieder, Herrn Don Pesach, einen Aschkenaji, mit der Abfertigung des berüchtigten Glaubens- und Vernunftapostels. Dieser Mann that es auch mit Sachkenntniß und Gewandtheit, mit Witz und Humor in bulgarischer Sprache. Leider konnte Herr Don Pesach seiner Aufgabe nur zum Theile gerecht werden, da mittlerweile der Cherem des Chacham baschi aus Konstantinopel die Herausgabe .des einzigen jüdischbulgarischen Blattes vereitelte. Diese Angelegenheit fand aber noch nicht ihren Abschluß. Der Vorstand der drei Hauptstädte Bulgariens, Sofia, Philippopel. Rustschuk, welche die Aussichtslosigkeit des Einschreitens bei der heiligen Synode wie beim Ministerium voraussetzten, wählten eine Deputation, welche, beim Ethnarchen in Konstantinopel über die neue Richtung in der bulgarischen Geistlichkeit Beschwerde zu führen und um seinen autoritativen Schutz zu bitten hätten. Was auch geschah. — Ausgerüstet mit all den Pamphleten nahmen am 1./13. d. M. die Delegirten Audienz beim Ethnarchen und wurden von Sr. Heiligkeit in huldvollster Weise empfangen. Man ist auf das Resultat der Audienz hier sehr gespannt. Wie gut wäre es, wenn das Oberhaupt der bulgarischen Kirche so viel Vertrautheit mit der rabbinischen Litteratur besäße, als der heiligen Synode in Sofia und dem angehenden Heiligen Minkow in Philippopel abgeht, wie bald müßten die Aftergelehrten ihre Afterwistenschaft dementiren und so die Einbruchspforte des so . unheilvollen antisemitischen Klerikalismus so rasch als möglich verschließen! Der Ethnarch Josef in Konstantinopel würde durch sein quos ego die schönste priesterliche That seines Lebens vollführen, die unserem Erzpriester Ahron zu ewigem Rnhme gereichte, die That der Friedensstiftung unter Menschen, und dadurch namenloses Unglück verhüten. O. Samuelsohn.