Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1897)
- Date
- 1897-02-26
- Page
- Seite 102 (sequence 6)
- Language
- German
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102 gewöhnlich zur Antwort: Man dürfe die Antisemiten nicht einer ernsten Erwiederung würdigen, sie werden sich, wie jenes sabelhafte Thier, mit dem eigenen Stachel tödten. Fabelhaft ist dieses Thier allerdings gewachsen. Was da in dem niederösterreichischen Landtage von den Gregorigs und Schneiders aufgeführt wird, das übersteigt die ärgsten Befürchtungen. Wir verweisen nur ans die „Waisendebatte", diesen Schandfleck, der sich aus der Tagesgeschichte kaum verwischen läßt'. Als wir diese Debatte lasen, erinnerten wir uns an das furchtbar ernste Wort des II. Buches Mosis: „Wittwen und Waisen sollt ihr nicht bedrängen; wenn ihr sie bedrängen werdet, und sie werden zu mir schreien, werde ich erhören ihr Geschrei"; alles Uebrige mögen sich die Herren vom niederösterreichischen Landtage selbst Nachlesen, womit der „Vater der Waisen" ihre Dränger bedroht. Eine neue Partei ist inzwischen, und sagen wir es nur, mit Hilfe der Juden emporgekommen, und sie wirbt auch um die jüdischen Stimmen—an den jüdischen Herzen liegt ihr wenig, — es ist die sozial-politische. Die Herren von dieser Partei bilden eine Art Vermittelung zwischen den Alt - Liberalen und den Sozialdemokraten. Auch sie wollen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, sie wollen die Judenfrage in der Weise lösen, daß sie sehr einfach behaupten, es gebe gar keine Judenfrage, die Juden müßten ganz in der großen Volksmasse aufgeheu, man dürfe bei einem Menschen nicht nach dem Bekenntuiffe fragen u. s. w. und was der schönen Redensarten noch mehr sind. Mit Verlaub, wer hat denn die Judenfrage geschaffen? Vielleicht die Juden? Will nicht der Jude wie jeder andere Mensch behandelt werden? Wer aber macht ihn tagtäglich darauf aufmerksam, daß er ein Heerdenthier niedrigeren Ranges ist? Wer sondert ihn ab? Oder wollen die Herren Sozial - Politiker, daß sich die Juden ihres Namens entledigen, wie es der sozial-politische Vertreter im niederösterreichischen Landtage, der Dr. Moritz Benedikt, gethan hat, der es als den größten Schimpf betrachtete, als ihm Ehren-Schneider das Wort „Jude" zurief? Das werden weder Sozialdemokraten noch Sozial- Politiker erreichen, daß wir auf unser Judenthum verzichten, das älter ist als alle „Programme" der Gegenwart, jenes Judenthum, welches „Throne bersten, Reiche zittern" sah, und dem eine Vitalität innewohnt, die gerade jetzt die stärksten Proben besteht. Freilich es ist auch vieles, sehr vieles faul in unserem Judenthum, wer wird es leugnen? Die alte Zerfahrenheit ist da wieder eingetreten. Vor allem, was ist es mit der nationalen Judenbewegung? Sind wir Juden eine Nation, wie die Deutschen, Tschechen, Franzosen? Haben wir einen nationalen Staat? Haben wir eine gemeinsame Sprache? Was einigt uns in diesen schweren, düsteren Tagen? Einer unserer Feinde, der Wäschehändler Gregorig im niederösterreichischen Landtage, hat es ausgesprochen, die Juden macht das Festhalten au der Religion stark. O, wenn es so wäre! Aber das nationale Judenthum will von der Religion nichts wissen. Gestehen wir es nur, das mittelalterliche Gewand, in dem das Judenthum der Jugend entgegentritt, kann auf sie wenig Reiz ausüben. Und wir stecken noch ganz im Mittelalter. Sehen wir unsere jungen Rabbiner an, sie glauben das Judenthum zu retten, wenn sie an die alten Gesetze mit einer nahezu ans Lächerliche streifenden Skrupulosität sich klammern und verhüten, daß der Hauch einer neuen Zeit die alten, schier morschen Gebeine belebe. Ich stehe nicht an, hier die Meinung auszusprechen, den. heutigen Juden fehlt es an befähigten Führern. Der Talmud mag etwas sehr Großes und Bedeutendes sein, er mag das Judenthum erhalten haben, aber heute verlangt das Judenthum von seinen berufenen Hirten mehr als Talmud. Lernen wir doch von unseren christlichen Mitbürgern! Wer von den christlichen Priestern wird heute mit den Kirchenvätern ins Feld ziehen? Der jüdische Rabbiner , soll ein.jüdischer Volksmann werden, er soll nicht allein „trauen und begraben", er soll belehren und führen. — Vor allem lasse man das Feuer der Begeisterung für die jüdische Idee, welche Gottlob, trotz aller Ungunst der Verhältnisse, noch in unserer Jugend glüht, nicht verlöschen, man sorge nur dafür, daß das Feuer nicht verzehre, sondern erwärme, nicht vernichte, sondern erleuchte, nicht zerstöre, sondern belebe. — Wenn die Hirten im Judenthum jetzt die Zeit nicht verstehen, dann werden die wild fluchenden Wogen über unseren Häuptern zusammenschlagen und uns in den Abgrund des großen „Nichts" schleudern. Darum auf zum Kampfe, ehe es zu spät wird —das ist der Ruf, der an unsere Hirten ergeht. ' * Iwri. Briefe aus Bulgarien. ^or mehreren Jahren trat der Antisemitismus seine Wanderung in die Ehemalige türkische Provinz, das nunmehrige Bulgarien, aus den verschiedenen Kulturstätten des eliropäischen Kontinentes an. Das unverdorbene Naturvolk der Bulgaren hatte in seiner 500 jährigen Leidensschule (?) der Türkei weder das Bedürfniß noch die Möglichkeit besessen, die in so bescheidenen Verhältnissen lebenden Juden zu beneiden, geschweige denn zu hassen. Zu Ende der türkischen Herrschaft trat deshalb eine augenblickliche Verschlimmerung der Verhältnisse ein mit dem Momente der Insurrektion seitens der Bulgaren gegenüber der großfürstlichen Herrschaft, an welcher blutigen Bewegung aber die Juden nicht theilnahinen. Dieses apathische Beiseitestehen der Juden, die in der höchsten Gunst der türkischen Regierung gestanden, vielleicht die Dienste, welche sie der Regierung jener Tage geleistet, erregten und provozirten die bulgarische Bevölkerung und gab nun den Anstoß zum Judenhasse aus politischen Gründen. Der lnoderne Antisemitismus in seiner sozialreligiösen Gestalt konnte einige Jahre hindurch nicht zum Ausbruche gelangen. Fehlte es ja hier zu Lande an den berühmten alttestamentarischen und talmudischen Gelehrten ä la Rohling, Stöcker, an Geschichtsforschern ä la Treitschke, an Demagogen wie Lueger, Schneider rc. Kurz, der antisemitische Nährboden fehlte ganz oder zum größten Theile in Bulgarien. Und als die jungen Bulgaren sich in den Besitz dieses herrlichen Bodens setzten und der Ehrgeiz sie antrieb, den Pflug und die Sichel mit der Feder und dem Papier zu vertauschen, als diese jungen Bulgaren ein unwiderstehlicher Drang zum Herrschen — id est zum Beamtenthum, Tschynowuitwo, erfaßte — da rannte Alles, was nur Hände und Füße hatte, ins Ausland, um so bald als möglich als hochwerthige Beamten des. Staates angestellt zu werden. Wenn diese junge Generation ihre noch wenig vorbereiteten Köpfe sonst unter den bescheidenen Schafpelzmützen verbarg, weiteten die Civilisations- . Aspiranten und die jüngsten Kulturträger Europas diese ihre Kopfbedeckung in hochaufragende, glänzende Cylinder aus und so mußte ja als Naturgesetz das entstehende Vacuum mit irgend einem Stoffe ausgefüllt werden. Dieser Stoff wälzte sich ja an allen heiligen und unheiligen Stätten herum, es ist das — der Antisemitismus. Diesen mep'hitischen Giftstoff brachten die jungen Studenten in ihre Heimath und machten hier die ersten Versuche in jenem Genre.