Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-02-26 · Heft 9 (26.2.1897) · p. Seite 101

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 9 (26.2.1897)
Date
1897-02-26
Page
Seite 101 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228202-3228212--53507-3267434
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

101 Unsere Bemühungen werden sich zunächst dahin richten müssen, die Unterrichtsverwaltung davon zu überzeugen, daß der Falk'sche Erlaß vom 8. Juli 1875, an dem der Herr Minister „in jedem Punkte" festzuhalten erklärt hat, die angestellten jüdischen Lehrer, wie Herr Rechtsanwalt Dr. Fuchs einmal in einer Rede zutreffend auseinandergesetzt hat, zu ordentlichen Lehrern mit allen Rechten und Pflichten der ordentlichen Lehrer gemacht hat, während die Interpretation des Erlaßes durch die gegenwärtigen Schulbehörden Lehrer zweiten Ranges schafft, die man durch das Mißtrauen, das ihnen entgegengebracht wird, vor ihren Berufsgenoffen und Schülern herabwürdigt! Bei der Hochherzigkeit und dem Wohlwollen der Staatsregierung für die ihrer Obhut anvertrauten Beamten — und dazu gehören auch die ordentlichen Lehrer und Lehrerinnen jüdischen Glaubens an den Berliner Gemeindeschulen — steht sicher zu erwarten, daß die noch in Kraft befindlichen Reste von Maßregeln, welche einer Beamtenkategorie ein gedeihliches Wirken, unmöglich machen, gleichfalls außer Wirkung gesetzt werden. Die städtische Schulverwaltung, die für die Gleichberechtigung der jüdischen Mitbürger nachdrücklich und warm eingetreten ist, wird, wie wir mit Zuversicht hoffen, ungesäumt die Milderungen, die die jüngste Verfügung des Provinzial-Schulkollegiums zeigt, zur praktischen Verwirklichung bringen und die traurige Lage, in welcher sich gegenwärtig namentlich eine Zahl jüdischer Hilfslehrerinnen befindet, die infolge der früheren Verfügung plötzlich aus dem Schuldienst entfernt worden sind, nach Kräften verbeffern. Der städtischen Schuldeputation ist durch Vermehrung der bestehenden, theilweise überfüllten Religionskurse sowie durch die Bildung von neuen Kursen, zu denen die jüdischen Kinder von nahe bei einander liegenden Schulen herangezogen werden, die Möglichkeit gegeben, die Neuanstellung jüdischer Lehrer und Lehrerinnen als ordentliche Lehrkräfte der Schule herbeizuführen; von der der städtischen Schulverwaltung gegebenen Erlaubniß, neu einzurichtende Kurse mit „remunerirten", sogenannten „Religionslehrern" resp. „Religionslehrerinnen" zu besetzen, wird sie sicherlich sowohl im Interesse des Unterrichts wie des Lehrerstandes keinen Gebrauch machen; durch den neuen Typus von „remunerirten städtischen jüdischen Religionslehrern" würde, wie bereits in einem früheren Artikel dieser Zeitung ausführlich auseinandergesetzt worden ist, die Neuanstellung jüdischer Lehrkräfte auf Jahre hinaus unmöglich gemacht und ein Lehrer- Proletariat geschaffen werden, gegen das wir von vornherein nicht energisch genug uns verwahren können. Brief aus Oesterreich. fie Schlacht wird nun. bald beginnen. Einige sagen sogar, es werde ein Schlachten sein. Natürlich ist da nicht an Kreta und Griechenland zu denken, nicht an die Völker, die weit unten in der Türkei wild auf einander schlagen, sondern an die so zahlreichen Völker im Vaterlande selbst, welche nun wieder zur Wahlurne schreiten sollen. Es wird also eine Wahlschlacht oder, wie Manche mit bedenklich finsterer Miene Voraussagen, ein Wahlschlachten werden. Es wird da kein Blut fließen; da kennen wir die gemüthlichen Oesterreicher zu gut. Es wird alles friedlich abgehen. Auch die jetzt so wilden Sozialdemokraten werden zahm werden. Man versteht sich hierzulande gut auf das Zähmen der Widerspenstigen. Wie wunderbar zeigte sich dies bei der sogenannten Jungtschechen-Partei! Wie bald sind die Jungen alt, sehr alt geworden. Wie bald schwindet nicht nur Schönheit und Gestalt, sondern auch die holde Jugendeselei unvernünftiger Opposition, und wie süß schmeckt dann das Brod den verschiedenen Hofräthen, mit Orden ausgezeichneten, mit Stellen „saturirten" ehemaligen Kampfhähnen. Nichtsdestoweniger wäre es zumindest höchst ungeschichtlich, wenn man sich nicht sagte, daß die Bedeutung der diesmaligen. Reichsrathswahlen in Oesterreich eine viel größere ist als während unseres ganzen schier 36 jährigen Verfaffungslebens. Mindestens fünfmal so viel Wähler als in den letzten Wahlperioden werden durch das neue Reichsrathswahlgesetz ihrer Bürgerpflicht genügen können. Die Zahl der Wähler ist aus fünf Millionen vergrößert worden. Das kann schon als eine Verstärkung des Volkswillens bezeichnet werden. Ach, dieser Volkswille, er bleibt ja doch ewig eine große Lüge. Und besonders, wie man hier zu sagen pflegt, „bei uns zHaus" ist dies der Fall. — Da bilden sich Komitees und Klubs, Ausschüffe und Vertrauensmänner-Versammlungen, in denen sich die Herren das größte „Selbstvertrauen" aus- und zusprechen. Dann werden die Kandidaten aufgestellt, und dann heißt es: Nun gehe, große Heerde, zur Wahlurne und wähle liberal oder sozial, demokratisch oder volklich, sozial-politisch oder christlich-sozial, wähle klerikal oder radikal, wähle, Mameluke, das ist deine Bürgerpflicht, so wie du die Pflicht hast, Steuern zu zahlen und beim Militär zu dienen. So wird jetzt getronunelt und geredet, viel, sehr viel geredet. — Wie viel Wasser führen doch alle diese Redeströme mit sich! Und wie viel Gerölle und Schutt und Sand! Wie viel wird da gesprochen und versprochen! Besonders die Sozialdemokraten, die neuen Wahlberechtigten der sogenannten fünften Kurie, sprechen viel, sehr viel. Sie haben es insonderheit auf die Juden abgesehen. Ihnen verheißen sie zwar nicht das Land, in welchem Milch und Honig fließt, aber das nicht minder herrliche Land der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Immer, wenn ich von dieser Dreiheit höre, erinnere ich mich an eine ganz bezeichnende Anekdote, die einer meiner Freunde zum Vesten gab: Kam da einst ein Bäuerlein vom Lande nach Paris und fragte seinen gebildeten und gelehrten Begleiter, was denn die Aufschrift auf dem Staatsgebäude bedeute, welche besagt: L. E. F. — Der überlegene Erklärer läßt sich solcherart vernehmen: „Eibertö—pomt, Egalite — point, — Fraternite — pomt." Nun weiß ein jeder der gallischen Sprache Kundige — und wer ist es im Jahrhundert der „höheren Töchterschulen" nicht — daß „point" im Französischen nicht nur „Punkt", sondern auch „Nichts, keine Spur" bedeutet, — und so wird es wohl auch mit diesen Versprechungen und Erfüllungen aussehen. , Man verzeihe es den Juden, aber sie sind sehr, sehr mißtrauisch geworden. Wie viel hat ihnen die nun zu ihren Vätern versammelte ehemalige liberale Partei verheißen. Wie das liebe Stimmvieh hat ganz Israel für die liberalen Kandidaten sich geopfert. Und nun, was hat diese liberale Partei nicht an den Juden gesündigt! — Wir sind zwar nicht ganz der Meinung des Ministerpräsidenten, die er zu einem Mitarbeiter des „Echo de Paris" äußerte, aber es liegt viel Wahrheit in seinen Worten: Die liberale Partei hat' den Antisemitismus gezeitigt und so recht eigentlich zur Blüthe gebracht. Das war eine Partei, die im übel angebrachten Doktrinarismus mit allen Regierungen liebäugelte, die fettesten Pfründen zu ergattern sich bestrebte, dem Volke sich eiitfrembete und bei dieser wilden, verwegenen Jagd nach Stellen den ganzen Liberalismus einbüßte. — Die Antisemiten wurden förmlich gehätschelt und großgezogen. Erhob ein wirklich freisinniger Manm seine warnende Stimme, so bekam er

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.