Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1897)
- Date
- 1897-02-26
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
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98 Hymnus werde; denn so heißt es: damals sangen Moseh und die Israeliten. Kaum hatte er die Religion des Geistes vom Sinai verkündet, und sogleich geht er ans Werk, daß ein Heiligthum errichtet-werde, daß das Schöne auch zugleich das Heilige werde. Ihm ist der Künstler von einem „göttlichen Geiste" beseelt, und dem Propheten ebenbürtig betrachtet er den Meister, der den rohen Stoff adelt durch die schöne Form. Und später, so oft Israel eine Periode des Aufschwungs und der Blüthe erlebte, so oft der jüdische Gedanke Triumphe feierte, hat unser Stamm auch der Schönheit gehuldigt. Daniel und Salomo haben dem Staate Macht verliehen und das Heidenthum zurückgedrängt, und sogleich blühte auch die Dichtung, die Kunst lebte auf, und ein herrlicher Tempel wurde errichtet. Als im Mittelalter Denker sich erhoben, die noch heute unser Stolz sind, Denker, die in einer Zeit der Finsterniß die Fackel der Erkenntniß entzündeten, die auf dem Boden der jüdischen Religion die Räthsel des Lebens zu lösen übernahmen, da gesellten sich ihnen sofort die Dichter hinzu, die in kunstvollen Rhythmen von allem, was unser Gemttth bewegt und beglückt, den Sang begannen. Als in diesem Jahrhundert Israel aus seiner Erstarrung erwachte, als wir uns darauf besannen, daß das Judenthum etwas mehr ist als ein Ceremoniell der Kirche, daß es ein Labsal der Seele ist, war es wirklich nur Eitelkeit und Lust am Prunke, wenn aller Orten die Neigung hervortrat, Gotteshaus und Gottesdienst zu verschönen? Das Schöne wird so oft als überflüssig bezeichnet, aber hier wenn irgendwo gilt das paradoxe Wort der Franzosen: Nichts ist so notwendig als das Ueberflüssige. Wie wenig ist im Leben schlechthin notwendig, vieles, das Meiste erscheint uns nur unentbehrlich, weil wir daran gewöhnt sind, weil wir es nicht entbehren wollen. Aber wollten wir uns wirklich nur auf das unbedingt Notwendige beschränken, das Leben würde so kahl und öde, daß es nicht zum Ertragen wäre. Hundert Dinge erscheinen uns bei genauer Prüfung als überflüssig, aber aus diesen überflüssigen Dingen setzt sich der Schmuck des Lebens zusammen. So ist es eine Verirrung, das Schöne fortzustoßen von der Schwelle des Heiligthunis. Selbst in Zeiten des Verfalls, wie z. B. im vorigen Jahrhundert, ist die Kunst des Sanges, wenn auch mit seltsamen Schnörkeln und Auswüchsen, in unfern Gotteshäusern gepflegt worden, und diese Sangesweise, die früher maßlos bewundert, jetzt maßlos verspottet und verachtet wird, muß wohl nicht ganz ohne originale künstlerische Prägung gewesen sein, da noch heute die berufene Kritik in den Werken israelitischer moderner Tonmeister mannigfache Anklänge an diese altjüdische Sangesweise findet, da Kunstsinnige diese alten Melodien sogar für unsere gegenwärtige synagogale Musik verwenden. Wenn schon in diesen schwersten Zeiten die Kunst nicht ganz verstoßen war, wie sollte der neue religiöse Geist sich von ihr wenden? Er hat sich nach dem Worte unseres großen deutschere Weisen auch dadurch in seiner Richtigkeit zu bewähren, daß er uns auf das Schöne zurück bringt, daß er die Stätten unseres Kultus und diesen Kultus selbst mit jener Schönheit schmückt, die von dem Prunke und der Schaustellung der Eitelkeit so verschieden ist, wie das Gold vom Flitter. Tadeln wir nicht, sondern preisen wir das Streben, unsere Tempel würdig, unseren Gottesdienst geregelt, unsere Andacht schön zu gestalten. Es war nach dem Worte der Weisen die mißverstandene Religion, welche es zuließ, daß der jüdische Gottesdienst lärmhaft, formlos und darob zum Gespötte der Welt geworden ist. Der neue Geist ist auch schon deswegen der rechte, weil er uns zum Schönen zurückführt. Berlin, 23. Februar, ine sehr wichtige Mittheilung, den sog. katholischen Antisemitismus betreffend, bringen in ihrer letzten Nummer die „Mitthellungen zur Abwehr des Antisemitismus". Das antisemitische Münchner „Deutsche Volksblatt" hatte am 31. Januar folgende Notiz gebracht: Bei seinem jüngsten Besuche in Rom trug der Herr Erzbischof von Prag, Graf von Schönborn, dem heiligen Vater vor, welch" unheilvollen Einfluß die Verhetzungen des Volkes von Seilen der Antisemiten in verschiedenen Ländern, besonders aber in Oesterreich-Ungarn, schon bisher gehabt haben, und wollte ihn dazu bewegen,' eine Encyeliea gegen die Antisemiten zu erlassen, damit rechtzeitig gewaltsamen Ausbrüchen zügelloser Leidenschaft, wie sie im Mittelalter so oft oorkamen, vorgebeugt werde. Der heilige Vater lehnte dieses Ansinnen ab mit folgender Erwiederung: „Herr Erzbischof, Sie mißkennen die Situation; die Verhältnisse sind nicht mehr so geartet, daß die Juden eines Schutzes bedürfen gegen das Volk, welches einen schweren Kampf auskämpft gegen die Uebermacht, die heutzutage auf Seiten der Juden ist." Da sie die Authentizität der päpstlichen Worte bezweifelte, wandte sich die Redaktion der „Mittheilungen" an einen Mann, von dem sie annehmen mußte, daß er. in der Sache vollständig instruirt sei. Dieser schreibt dem Blatte Folgendes: Der Bericht des „Bolksblattes" über die Antwort des Papstes auf die Vorstellungen Schönborns ist grundfalsch! Der Papst sagte: „Als Nachfolger jener Päpste, die trotz Ungunst der Zeiten (injuria temxorum) dem jüdischen Volke Günstiges dekretirt haben, muß ich die Lieblosigkeit und Ausschreitungen (oxoessus) der Antisemiten ernstlich verdammen (äamnars); aber in einer Zeit, wo der Streit noch im Flusse ist und die Regierungen ihre Stellung zum Antisemitismus nicht präzisirt haben, darf der apostolische Stuhl nicht zu einer endgiltigen Entscheidung hervortreten. Gedulden Sie sich demnach, Herr Kardinal, bis zum geeigneten Zeitpunkt (tempuo opportunum)." Das ist die Antwort des Papstes. Von welcher Bedeutung dieselbe ist, braucht wohl nicht erst auseinandergesetzt zu werden. Was werden aber die österreichischen Hetzkapläne dazu sagen? * In den Jahren 1347, 48, 49 war der schwarze Tod auch in Deutschland eingebrochen und forderte ungezählte Opfer. Das warein Naturereigniß, dem die Menschheit machtlos gegenüberstand. Aber menschliche Schuld begleitete mit furchtbaren Greuelszenen jenes elementare Ereigniß. Fanatischer Aberwitz rief gegen die Juden die blutigsten Verfolgungen hervor, von denen nur die Leidensgeschichte der Völker zu berichten vernrag. Tausende schuldloser, von gleicher Gefahr bedrängt gewesener Opfer wurden hingeschlachtet. Und da hat ein sogenanntes „Witzblatt" in unseren Tagen den traurigen Muth, die Gefahr der Pest mit dem Judenhaß in Verbindung zu bringen und dieser Verbindung in einem Poäm Ausdruck zu verleihen, deffen Geist folgende Zeilen kennzeichnen mögen: „Und wie das Gespenst immer schrecklicher droht, Europa zittert vor'm schwarzen Tod. Nur ruhig Blut, uns thut sie kein Leid, Wir sind gegen Pest schon lange gefeit. Die Pestbazillen vom Morgenland, Wir haben sie längst schon im Vaterland. Doch kommt die Seuche mit tückischem Schritt, Da nimmt sie vielleicht die Bazillen mit." Kennzeichnend aber ist, daß dieses an die schmachvollsten Zeiten so lieblich anknüpfende Machwerk einen Theil der Nummer bildet