Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1897)
- Date
- 1897-02-26
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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61. Jahrgang. Nr. 9. Berlin, 26. Februar 1897 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung, erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen viertelsährl.3M. Redactenr: Gustav K arpeles. Begründet von Naütnner 33*- LuLwig Philippson- Lonn Verlags-Expedition: Gerlin« Jerusalemerstr. 48/49 .Alle »Zuwendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der .Allgem. Zeitung deS Judenthums", Berlin 8^., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Leitartikel: Die Pflege des Schönen im Dienste dex Religion. — Die Woche. — Die Unterrichtsverwaltnng und die jüdischen Lehrkräfte Berlins. Bon Rektor Dr. Adler. — Brief aus Oesterreich. — Briese aus Bulgarien. Bon O. Samuelsohn. — Briefe aus Australien II. Mitgetheilt von Dr. B. Königsberger. — lieber Rassenunterschiede. I. Bon Dr. med. Leopold Treitel. — Feuilleton: Andere Zeiten. Eine Erzählung von Gotthard Deutsch (Forts.). — Sei nicht den Bätern gleich. Bon Rechtsanwalt E. Lehmann. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Breslau, Aus der Provinz Hannover, Stuttgart, Metz, Wien, New-Aork. — Bon Rah und Fern. — Sprechsaal. — Miscellen. Nie Pflege des Schönen im Dienste -er Religion. B e r l i n, 21. Februar. die mißverstandene Religion kann uns von dem Schönen {jgsL, entfernen, und es ist ein Beweis für die wahre, für die' richtig. verstandene wahre Religion, wenn sie uns überall ‘ auf das Schöne zurückbringt.. Es giebt drei große Ideen, welche dem Edlen voranleuchten auf der Bahn des Lebens,, sie heißen: das Wahre, das Gute, das Schöne. Aber nur wer an der Oberfläche der Dinge haftet, .hält diese drei Ideen für dem Wesen nach verschieden und sagt: dev ist ein Künstler und formt das Schöne, der Andere ein Denker und forscht nach dem Wahren, der Dritte ein .Held der Tugend und übt. das Gute; Männer, die in den Tiefgrund der Gedanken schauen, haben es längst erkannt, daß diese Begriffe Zusammenhängen, daß sie sich ergänzen, daß sie dem Faden gleichen, von welchem Kohelet redet, dem Faden, der, weil dreifach verschlungen, nicht so leicht zerrissen werden kann. Vordem hat .man in der Natur, die Kräfte, welche sich da offenbaren, getrennt und aus einander gehalten. Wärnie, Bewegung, Elektrizität, Magnetismus, das schienen zuerst Dinge, die. man nur" versteht, wenn man sie sondert; .jetzt aber haben wir begriffen, daß der erste Schritt,.um in.ihr Wesen einzudringen, darin besteht,-..sie.; als innig verwandt anzusehen, sie gleichsam als die Erscheinungsformen einer und derselben Kraft zu betrachten. Und wie in der Natur, so muffen wir auch auf dem Gebiete des seelischen Lebens die Kräfte nicht trennen, sondern verbinden, wir muffen begreifen, daß die großen Ströme des Wahren, des Guten, des Schönen, welche die Menschheit befruchten und erquicken, aus einer Quelle fluthen; darum kann die Religion, welche die Wahrheit ist, keine Feindin, sondern nur die innigste Freundin der Kunst sein, welche die Schönheit darstellt. Und wiederum verliert sich der Künstler in ein leeres und eitles Formenspiel, wenn der schöpferischen Einbildung nicht der klare Kopf und das fühlende Herz sich hinzugesellt. Da, wo diese fehlen, sehen wir nur die Kunstfertigkeit, aber nicht die Kunst, das Handwerk, aber nichtden Geist, wir staunen über den Virtuosen, aber wir verehren nicht den Meister. Wenn nun Wahrheit und Schönheit so genau Zusammenhängen, so ist es naturgemäß, daß nur die mißverstandene Religion uns von der Schönheit entfernen kann, und der weise Meister fügt hinzu: es ist ein Beweis, au welchem wir, sei es die Wahrheit einer Religion, sei es unser richtiges Verständniß der wahren Religion prüfen können: sie muß uns überall auf das Schöne zurückbringen. Legen wir nun diesen Maßstab der Prüfung an unseren Glauben an, so bekunden uns gerade die in diesen Wochen verlesenen Schrifttheile, daß die. Kunst von Anfang an in den Dienst des Judenthums genommen worden ist, daß das Schöne verklärt und geweiht würde, indem es dem Schmuck des Heiligen dienle. Moseh hatte kaum das Grundgesetz der Religion seinem Volke verkündet und die nothwendigsten Anordnungen für den Verkehr der Menschen festgestellt, und sogleich schickte er sich an. ein Heiligthum zu errichten, an welchem der Erfindungssinn, der Kunstfleiß, die Opferwilligkeit des ganzen Volkes Anthejl nahm, um so die Wahrheit zu schmücken durch die Pflege des Schönen. „Das ganzeVolk versammelte Moseh um sich, als er an die Arbeit ging, und ordnete Allen That und Rath." Denn es ist nicht wahr, daß das Schöne ein Luxus ist, an dem -nur eine kleine Schaar Erwählter theil hat, wenigstens soll es. wenn es schon heut wahr ist, nicht für alle Zeit so bleiben; das war das Ausgezeichnete an dem Volke der Athener, daß dort für alle Feinheiten der Sprache, für den Adel des Bildners, für die Hoheit des Dichters'nicht nur so im Großen und Ganzen, sondern bis ins Einzelne, fast alle im Volke einen entwickelten Sinn, einen gebildeten und empfänglichen Geschmack besaßen, daß ein leiser Verstoß gegen Regel und Rhythmus nicht selten auch von dem scharfen und feinfühligen Sinn des einfachen Mannes bemerkt wurde. Und die, welchen Auge und Ohr geschärft waren für das Schöne, waren darum nicht verweichlicht, sondernhatten bekanntlich Muth genug, um eine Weltmacht, wie die persische, zu demüthigen. Wir sagen wohl im gewöhnlichen Leben: das ist nicht schön, und meinen, das ist nicht gut; denn die Sünde ist nicht nur das Unsittliche, sondern auch das Häßliche und das Maßlose; wer dem Schönen geneigt ist, dem ist die Sünde schon deswegen widerwärtig, weil sie nicht schön ift. Moseh wäre nicht der göttliche Seher, wenn er den erziehenden Einfluß des Schönen auf. Moral und Religion verkannt hätte. Kaum war Israel frei geworden am Schilfmeere, so verherrlicht Mose den Sieg durch ein Lied, das uns noch heut entzückt, nicht nur durch den erhabenen Schwung der Gedanken, nicht nur durch die markige Kraft der Rede, sondern auch durch die Harmonie der Rhythmen, durch die Schönheit der Form; und dieses Lied, nicht Moseh allein stimmt es an; er sorgt dafür, daß es zum Volksliede, zum nationalen