Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1897)
- Date
- 1897-02-19
- Page
- Seite 96 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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96 Meister wandte, der das Kanonenkreuz auf.der.-Brust trug. „Geh fort, Vater!" flüsterte Awrom etwas unsanft dem Alten ins Ohr. „Leben Sie auch hundert Jahr, gnädiger Herr," sagte Morsche noch im Abgehen, „und bleiben Sie immer gesund." ,j| „Danke, ich werde mich bemühen," rief der Statthalter lachend. Äwrom glaubte in den Boden versinken zu müssen. Die Vorstellung ging vorüber, und der Statthalter machte seine Rundfahrt durch die Stadt, besuchte die Kirche, die Schule, das Hospital, Hie Synagoge und die Fabrik, nach deren Besichtigung er in die Festhalle geführt wurde. (Fortsetzung folgt.) ' . 4 Sprechsaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! <Mst es nicht merkwürdig, die hirnlosen Antisemiten haben den C& „Gehirnschlag" erfunden, resp. denselben als die beste Tödtungsart der Thierebezeichnet. Die.herzlosen, von Neid und Haß „betäubten" Judenfeinde haben unter der „Maske" barmherzigen. Thierschutzes Maske und Betäubung der Thiere zum Gesetze erhoben und dadurch den Israeliten in Sachsen und der Schweiz den Fleischgenuß unmöglich gemacht. — Was Wunder, daß unsere Glaubensgenossen im gemüthlichen Sachsen schon beim Worte „Gehirnfchlag" so ungemüthlich werden!? Ich habe in meinem Hyrkan-Vortrage die Mischnah (Sotha 47) einfach übersetzt und erklärt, wie sie vom Jerusalemischen und babylonischen Talmud, Tofiftha u.s. w. aufgefaßt und interpretirt wird, und .Herr Auerbach schlägt Lärm, als ob ich an dem „Gehirnschlag" der Antisemiten in Dresden die schuld trüge! Also, der Jerusalemische Talmud und ebenso Tosiftha z. St. berichten: Es war Brauch in Jerusalem „Y>^p pa VH" Man hat das Thier, um dessen Widerstand zu brechen, zwischen die Hörner, also aufs Hirn geschlagen, es also zu Falle gebracht und dann geschlachtet; Hyrkan hat aber diesen Schlag verboten, wlilfc btP BTlp ap^ weil vielleicht dadurch die Hirnhaut durchlöchert werden ^könnte und' es dann trefah wird! (Sotha 48.) Welcher, vernünftige Mensch kann demnach hier von etwas anderem als von „Betäubung durch Gehirnschlag" reden! Wenn Hyrkan diesen Schlag zwischen die Hörner deshalb verbietet, weil durch diesen Schlag die Hirn baut durchlöchert wird, dann muß es sich doch offenbar um den „Gehirnschlag" handeln! Herr Auerbach kritisirt aber, das Wort „Sitte", das ich gebrauche. Allerdings war es „Sitte", d. h. Brauch, Gewohnheit, wenn die „Sitte" auch eine „Unsitte" war! Ist der Gebrauch der Bouterolle heute nicht „Sitte", wenn die „Sitte" in unseren Augen auch eine „Unsitte" ist?! Sie gestatten mir, einen Satz aus der vom Hofrath Dr. Dembo im 'Jahre 1894 in Berlin gehaltenen Rede zu citiren, woraus sie ersehen, daß Dr. Dembo die Mischna ebenso auffaßt und erklärt, wie ich es in meinem Vorträge gethän. Herr Dr. Dembo sagt: „Wie ich Ihnen heute darlegte und bereits in der St. Petersburger medizinischen Gesellschaft, vor einigen Tagen auch in der hiesigen psychologischen Gesellschaft, betonte, stellt die sogenannte Betäubung des Thieres nichts anders dar als eine zwar für den Metzger bequeme, aber für das arme Schlachtöpser sehr schmerzhafte Niederlegmethode. Vor etwa vier Monaten las ich in der Mischna Maaserscheni V, 15, folgende Stelle: Der Hohepriester Jochanan hat die Schläger, welche das Opferthier vor dem Schächten durch einen Schlag auf den Kopf zu fällen pflegten, beseitigt und zum Niederlegen der Thiere Ringe eingeführt." — Dr. Dembo erblickt in der Mischna also auch nichts anderes, als Betäubung durch einen Schlag auf den Kopf ist ein Gehirnfchlag! Und das ist uns Israeliten nach Hyrkan streng verboten! Mit vorzüglichster Hochachtung . Jnowrazlaw, im Februar. Dr. Kohn, Rabbiner. •, Sehr geehrter Herr Redakteur! Äln dem Aufsätze: „Franz Schubert als Synagogen--Komponist II," schreibt Herr Oberkantor Birnbaum: „Nach der strengen Auffassung der jüdischen Liturgik dürfte dieser Vers, des Gottesnamens wegen, überhaupt nicht wiederholt werden. Und in der That findet man ihn in der ganzen synagogal-musikalischen Litteratur nirgends wiederholt." Ich gestatte mir jedoch, auf eine ebenso schöne als wirkungsvolle , und im Stile altsynagogaler Musik gehaltene - Komposition für das .Ml JDtP - Fest vom sel. Oberkantor Moritz Deutsch, enthalten in . dem Werke „Breslauer Synagogengesänge", hinzuweisen. Hier hat der Kantor im Schlußsätze 'HtoN' den Gottesnamen dreimal zu wiederholen. Auch in den in'demselben Werke enthaltenen l-slTl-Kompositionen für HDS und hl3D hat der Kantor den Gottesnamen zu wiederholen. Immerhin dürften derartige Kompositionen als Ausnahmen zu betrachten sein, welche bekanntlich die Regel nur bestätigen. Hochachtungsvoll Kolberg, 6. Februar. G. Levi, Kantor und Lehrer. * Sehr geehrter Herr Redakteur! (s^D^it Bezug auf den Bericht aus Serajewo in Nr.. 1 erlaube ich mir. Ihnen zu erklären: Es ist unrichtig, daß die hiesige österreichisch-ungarische israelitische Gemeinde seit ihrem Bestände 1880 ohne Rabbiner und Religionslehrer gestanden, da ich im Jahre 1882 als Rabbiner und Lehrer aus Neutra hierher berufen wurde und bis 1889 auf diesem Posten in beiden Eigenschaften erfolgreich wirkte. Unsere Schule, deren Direktor ich war, zählte stets 80—90 Schüler, von denen nur 38—45 dem Judenthum ängehörten, die übrigen Schüler waren die Kinder der höchsten Intelligenz hier, und zwar von Generälen, Obersten und anderen Offizieren nebst höheren Beamten, zu den Prüfungen waren stets Se. Exzellenz der Höchstkommandirende nebst den Spitzen der Behörden erschienen und sprachen sich stets lobend und anerkennend über die Leistungen unserer Schule aus. Gleichzeitig ertheilte ich in sämmtlichen Mittelschulen den Religionsunterricht. Im Jahre 1889, nach dem Tode des. Vorstehers Heinrich Löwy s. A, dessen Herz mit jedem Atom für Juden und Judenthum schlug, fand ich keine Freude mehr, unter der Leitung seines Nachfolgers auch weiter zu wirken, und so bin ich freiwillig von meinem Posten zurückgetreten und habe mit Bewilligung der hohen Landesregierung eine Buchhandlung errichtet. Nach meinem Rücktritt, 1889, hatte die hiesige Gemeinde zwei tüchtige Pädagogen als Lehrer angestellt, dieselben leiteten die vierklassige Schule und ertheilten den Religionsunterricht in.sämmtlichen Mittelschulen. Dr. Funk wurde erst im August 1896 als Schriftführer, Religionslehrer und Rabbiner aeceptirt. Es ist daher unrichtig, daß die hiesige Gemeinde so zerrüttet und verwahrlost auf dem Gebiete der Religion beim Antritt des neuen Rabbiners war, im Gegentheil kann ich mit gutem Gewissen, als echt konservativer Jude, den Mitgliedern der hiesigen kleinen Gemeinde das wohlverdiente Zeugniß ausstellen, daß ihr Sinn für Wohlthätigkeit und Judenthum die höchste Potenz erreicht. Was den Tempelbau betrifft, ist folgende Thatsache der Wahrheit entsprechend: Im Jahre 1892 bildete der Vorstand ein Tempelbau-Komitee, an dessen Spitze Herr Jos. Neuer gestellt wurde; die anderen Herren des Komitees, Glückselig, Brückner und Hirschler haben sich sammt ihrem Präses dieser schwierigen Aufgabe mit vollem Eifer unterzogen. Durch die von ihnen eingeleiteten Sammlungen im Okkupations-Gebiete gelang es, einen ansehnlichen Betrag zusammenzubringenso daß schon im Jahre 1893 ein Baugrund für 10 000fl. per Cassa angekauft werden konnte. Auch ich habe einige Sammlungen iu Kroatien und Slavonien gemacht, gegenwärtig verfügt das Komitee über ein Baarvermögen von noch 6000 fl. . Was die Darstellung von Massentausen in der hiesigen Gemeinde betrifft, kann ich als früherer Rabbiner konstatiren, daß seit meinem Hiersein, 1882, bis heute, nur zwei jüdische Familien das Christenthum annahmen, hingegen sind acht Christen unter meiner Leitung zum Judenthum übergetreten. Ich kann mit Freuden die Behauptung öffentlich aufstellen, daß die hiesige kleine Gemeinde aus Mitgliedern - besteht, die ihren Stolz darin finden, Juden zu sein! Hochachtungsvoll B. Buchwaldt. Druck und Verlag ^on Rudolf Mosse inB erlin. Verantwortlich sürdie Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.