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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-02-19 · Heft 8 (19.2.1897) · p. Seite 95

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 8 (19.2.1897)
Date
1897-02-19
Page
Seite 95 (sequence 11)
Language
German
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95 blumengeschmückten Lokomotive stand der Oberingenieur in voller Gala - Uniform, und einem-Kupee erster Klaffe, das ein dienstbeflissener Schaffner sofort beim Anhalten des Zuges öffnete, entstieg der Statthalter/ ein hochgewachsener magerer Herr, den Kopf etwas vorgebeugt, aber sonst von einer Haltung, der man das Selbstbewußtsein des Aristokraten auf den ersten Blick ansehen konnte. Auf den Bahnhof, welchervon den Schützen und der Feuerwehr abgesperrt war, waren nur die Deputationen der Gemeinden, die in der Stadt wohnhaften Offiziere, die Geistlichkeit, bie Lehrer und die von auswärts gekommenen Vertreter der Presse zugelassen worden. Wer da unseren Bürgermeister im Frack und weißen Handschuhen, mit Clacquehut unter dem Arme sah, konnte sich wohl kaum in die Zeit hineindenken,; wo derselbe Mann einen neuen Anzug als ein nie erträumtes Glück betrachtet hatte. Der Herr Bürgermeister begrüßte Namens der Stadt den hohen Gast, dankte für die der Stadt zutheil gewordene Auszeichnung und versicherte, daß dieser Tag für alle Zeiten mit goldenen Lettern in dem Gedächtnisse der Bewohner dieser Stadt eingegraben bleiben werde, welche sich unendlich glücklich schätze, den Vertreter Sr. Majestät, des heißgeliebten Monarchen, in ihren Mauern beherbergen zu dürfen. Die Tochter des Rittmeisters von Bnrgheim überreichte mit tiefem Knix einen Blumenstrauß, und der Herr Statthalter dankte in wenigen Worten für den freundlichen Willkommensgruß, der ihm ein neuer Beweis für die Loyalität sei, mit welcher alle Bürger des Staates an Seiner Majestät, unserem allergnüdigsten Herrn, hängen. Die Deputationen wurden hierauf vorgestellt, und nun bestieg man die beceitstehenden Wagen; voran fuhr. der Statthalter mit dem Bürgermeister zur Linken, dann in gebührender Reihenfolge die Anderen; die Schützen präsentirten, der Feuerwehrhauptmann kommandirte: „Habt Acht!" und unter lauten Hochrufen setzte sich der Zug nach dem Rathhäuse in Bewegung. Im Sitzungssaale des Rathhauses nahm nun der gesammte Gemeindeausschuß mit den Vertretern der Vereine und Korporationen, den auswärtigen Gästen und einigen Notabilitäten, unter denen sich auch Mordche befand, Ausstellung, als der Statthalter, vortretend, eine Ansprache begann: „Es ist mir persönlich ein besonderes Vergnügen," sagte er, „in dieser alten Stadt zu verweilen, die sich in letzter Zeit so merkwürdig verjüngt hat und ohne Zweifel einer bedeutenden Zukunft entgegengeht.. .In vergangenen Jahrhunderten hat diese Stadt in Freud und Leid treu zum Herrscherhause gestanden, wie die Chronik ihres ruhmreichen Schützenkorps uns erzählt. Ihre Bürger sind auch heute noch so patriotisch wie ihre Vorfahren und werden sich, wenn es, was Gott verhüten möge, uothwendig werden sollte, mit Gut und Blut als treue Patrioten bewähren." Der Redner ließ , eine Pause, eintreten, welche die geschmeichelten Zuhörer zu mehreren lebhaften Bravorufen benützten. „Es gereicht mir," fuhr Seine Exzellenz fort, „zum besonderen Vergnügen, heute der Träger einer Mission zu sein, durch welche Seine Majestät diese Stadt allergnädigst auszuzeichnen geruht. Herr Bürgermeister! Ihrer. Energie hat diese Stadt einen glänzenden wirthschaftlicheu Aufschwung zu danken. Sie haben eine Periode der Prosperität eröffnet, die hoffentlich eine dauernde sein wird, Sie haben in ihren industriellen und kommerziellen Unternehmungen jene glückliche Verbindung der landwirthschaftlichen und industriellen Interessen angebahnt, welche bei der Nothlage der ackerbautreibenden Bevölkerung, die" — er sprach das Folgende mit erhobener Stimme — „der Kern und Stern des Volkes ist, der Regierung mehr als.irgend etwas anderes am Herzen liegt. Die heute eröffneie Bahn ist ein' neues Glied in der Kette derartiger gemeinnütziger Bestrebungen, und zur Anerkennung Ihrer Verdienste um das Zustandekommen dieser Bahn hat Seine Majestät mich beauftragt, Ihnen das goldene Verdienstkreuz mit.. der Krone zu überreichen." , Der Sekretär war während der letzten Worte näher getreten mib hatte dem Statthalter eine voneinem Seideubande zusammengchältene Rolle und ein Etui überreicht,. aus welch' letzterem Seine Exzellenz den - Orden nahm, den er dem Bürgermeister an einem vorsorglich schon angenähten Bande befestigte. Awrom war ausfällig blaß, und obwohl, er sich eine ziemliche Routine im Verkehre mit großen.Herren und im öffentlichen Auftreten erworben hatte, blieb ihm das Wort doch in der Kehle stecken. Er stammelte trotz des angenähten Bändchens etwas von unerwarteter und unverdienter Gnade und bat Seine Exzellenz, seinen huldvollsten Dank an den allerhöchsten Stufen des unterthänigsten Thrones uiederzulegen. Der Statthalter schien den Lapsusnicht zu bemerken, die Anwesenden hatten die leise gestammelten Worte zumeist gar nicht gehört, und im Uebrigen half ein dreifaches Hoch auf Seine Majestät dem Helden über die Fatalität hinweg. . Die. anwesenden Herren wurden, soweit. sie nicht auf dem Bahnhofe schon eingeführt, worden waren, vorgestellt. Seine Exzellenz hatte für Jeden ein verbindliches Wort. Die Reihe kam an Mordche. „Mein Vater!" sagte Awrom vorstellend.- Der Statthalter sah mit sichtlichem Interesse auf die verwitterten Gesichtszüge, die mit der fast aufrechten Gestalt des Greises merkwürdig kontrastirtcu, und bewunderte offenbar, wie sauber der altmodische Schabbesrock aussah und wie sorgfältig gebürstet der uralte Cylinderhut.war, den Mordche verlegen in der Hand hielt. „Sie müssen doch ein sehr alter Herr sein," sagte der Statthalter, während seine Blicke vom Sohne zum Vater glitten. - „Fünfzig vorüber, gnädiger Herr!" sagte Mordche in naiver Bouhommie. Der Statthalter wußte offenbar nicht, was er daraus machen sollte, denn wenn er auch an ungeschicktes Auftreten von Kleinstädtern gewohnt war, schien ihm in einer solchen Antwort doch, ein zu hoher Grad von Vertraulichkeit zu liegen. . Awrom trat dazwischen. „Exzellenz verzeihen, aber mein Vater ist nach Art alter Leute in diesem Punkte abergläubisch,-er ist im Dezember achtnndiieunzig Jahre alt geworden." „Achtundneunzig?" wiederholte der Statthalter mit lebhaftem Erstaunen. „Was haben Sie denn für ein Geschäft betrieben, daß Sie sich so gut konservirt haben?" . „Mein Vater war Gemeindebeamter." fiel Awrom rasch ein, „unb ist seit einigen zwanzig Jahren penfionirt." „Ich Hab mich viel geplagt, gnädiger Herr," plauderte Mordche in harmloser Weise, „von meinen jungen Jahren bis zuletzt, aber ich habe gute Kinder, Gott sei Lob, gute Kinder!" „Sie dürfen auf Ihren Sohn stolz sein," sagte der Statthalter heiter. „Vielleicht sehe ich Sie noch heute beim Bankett," fügte er hinzu, indem er sich zu dem Nächststehenden wandte. „Gott soll behüten!" sagte Mordche mit dem Ausdruck des Schreckens. „Heute haben wir ja unsere Feiertage." Ueber Awroms Rücken lief eine Gänsehaut. „Mein Vater," sagte er, „hält streng an den alljüdischen Gebräuchen fest, und jetzt sind die jüdischen Ostern da." „O, ich kenne das," siel der Statthalter ein, „ich habe ja lange genug in Prag gelebt, da essen sie nur Mazzes." Awrom sah zu Boden. „Nu, uü," fuhr der Statthalter fort, „halten Sie sich tapfer, alter Herr, damit Sie die Hundert voll machen." Mordche versuchte, dem Statthalter die Hand zu reichen, was dieser nicht zu bemerken schien, indem er sich zu dem alten Wacht-

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