Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-02-19 · Heft 8 (19.2.1897) · p. Seite 94

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 8 (19.2.1897)
Date
1897-02-19
Page
Seite 94 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3228202-3228211--53495-3267421
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

8 „\ wmm —-1 1———--1 1 1 1 K | FEUILLETON | 1 m tmnwtiniti Hiiuauimu —-1 I—I 1-—:-;--n--:-—-1 1—1 1—- Andere Zeiten. m Eine Erzählung arts dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit,' von Gotthard Deutsch. Vierundzwanzigstes Kapitel. Dein Verdienste seine. Krone. f er große Tag war endlich.gekommen. Die Fabrik. hatte nach mehrjährigem Bestände sich glänzend rentirt. Welch' mächtige .Veränderung! An dieser Stelle hatte ein kecker Raubritter vor einem halben Jahrtausend ein Kloster für die Chorfrauen .des Prämonstratenserordens gestiftet. Wer weiß, wie viele Juden er geschunden und beraubt hat, um mit ihrem Gelde sich die Vergebung seiner Sünden zu erkaufen!. .. •' Inzwischen hatten die Hussiten in ihrer Bilderstürmerei Kirche und Kloster zerstört, die Altargemälde in Fetzen gerissen und die Statuen der Heiligen zertrümmert. Die Gegenreformation richtet^ es wieder auf, und der dreißigjährige Krieg zerstörte es von Nettem/ So hatte , es über zwei Jahrhunderte als Ruine dagestanden, in .romarttisch schöner Lage, inmitten einer üppigen Wiese, am Ufer eines kleinen Sees und am Fuße eines Gebirgszuges, die sich tute ein von Gott geschaffener Wall und Graben .davor ausdehnteu. Und jetzt feierte diese Ruine' ihre Auferstehung, aber in welcher Weise! Die in ihren Umfassungsmauern erhaltene Kirche wurde eingedeckt und als 'Rübenmagazin verwendet, das Kloster selbst wurde zu .Beamtenwohnungen adaptirt, und da, wo die Chorfranen brevierbetend lustwandelten oder ihre Küchengemüse zagen, war die Fabrik errichtet worden. Es war fast, als hätte Jemand mit Absicht die großen Gegensätze mittelalterlicher und neuzeitlicher Anschauung neben einander stellen wollen, hier Weltflucht und Entsagung, dort Schaffensfreudigkeit und Genuß. In der Stadt selbst kümmerte sich , darum Niemand. Historisches/ Interesse ist in kleinbürgerlichen Kreisen nicht zu Hause. Die Klosterruine war altes Mauerwerk. Sie war gut genug zu einem Magazin. Wer weiß, vielleicht wird die Zeit kommen, wo man unsere Fabriken als Ueberbleibsel einer entschwnndeuett Kultur anseheu wird, wie wir die Pyramiden und das Kolosseum ansehen, oder wo die großen Werkstätten der Industrie halbwilden Hirten zum Aufenthalt dienen werden, wie jetzt die Paläste des Diokletian oder der Zenobia. Solche Gedanken kamen aber Niemandem heute, am Eröffnungstage der Bahn, an dem der Besuch des Statthalters erwartet wurde/ der das Städtchen in fretidige Aufregttng versetzte und die Bauern meilenweit aus der Umgebung herbeigelockt hatte. Die Bahn war die Folge der Zuckerfabrik, und die Zuckerfabrik war das Werk von A. M. Schwarzmann, der jetzt nur der Herr Bürgermeister hieß.' Ja, das Unglaubliche war zur Thatsache geworden, ein Jude saß auf dem kurulischen Stuhle der Rathsstube, welche noch zu Zeiten der älteren Mitglieder der lebenden Generation ein Jude nur mit Zittern 'betreten hatte! Geld ist eilte Macht, und Macht schafft Freunde, aber auch Neider. Das hatte Awrom reichlich erfahren. Die Stadt brauchte die Bahn, und die Bahn brauchte einen unternehmenden Kopf, der allerdings auch wieder des politischen Einflußes bedurfte. Diese allgemeine Ueberzengung verschaffte Awrom die einhellige Wahl-ztutl Bürgermeister, selbst der Stadtdechant .gab. ihm seine Stimme, denn ein gegnerisches Votum hätte sofort den Urheber verrathen. /" Für den Direktor-der Zuckerfabrik und Großindustriellen war es ein Leichtes, die Finanziirung des Bahnbanes durchzusetzen, wenn erst der politische Einfluß der Regierung gesichert war. Und' hier zeigte sich Awrom. den. erneuerten Ansprüchen seines Amtes vollständig gewachsen. Er veranstaltete einen Petitionssturm in allen Orten, die im Interessenbereiche, der Bahn lagert, er ließ den. Abgeordneten. des Bezirkes merken, daß. seine Wiederwahl. von der Konzessionirung dieser Bahit abhänge, er konferirte mit den Parteiführern, nim ihnen iln Vertrauen zu. sagen, daß der Bezirk für die liberale Partei unrettbar verloren sei, wenn die Bahn nicht noch in dieser Saison wenigstens ihre Vorkonzessiou erhalten sollte, er ließ sich von Dr. Dörfler dem Leiter des liberalen Preßbüreaus .vorstellen, dem er erklärte, daß die Bahn im eminenten Sintt eine Angelegenheit der ganzeit Partei sei. Die „Tagespresse" unterstützte das Projekt um so kräftiger, als ihr Redakteur Aktionär der Zuckerfabrik war und zum Lohne für seine publizistische Thätigkeit Prioritätenbesitzer der neuen Bahn zu ^werden hoffen durfte.. Endlich wurde auch eine Deputation an den Handelsminister abgeschickt, bestehend aus den Vertretern der Gemeinden des Bezirks, der Kaufmannschaft, des Gewerbevereins, des landwirthschaftlichen Vereins u. s. w., unterstützt von einem Gtitachten der Handelskannner und einer Empfehlung des Statthalters. Seine Exzellenz empfing die Herren sehr gnädig, zeigte sich über die Angelegenheit sehr gut unterrichtet und für die Interessen des Bezirkes sehr besorgt; er . hatte auch viel von dem gemeinnützigen Wirken des Herrit Bürgermeisters gehört; die Vorlage werde, wie er versicherte, im Eisenbahndepartemeut ausgearbeitet, und — die Geltehmigung Sr. Majestät, welche ja kaum ausbleiben dürfte, vorausgesetzt — werde sic noch in diesem Herbst dem Parlamente zugehen. Damit endet meine Macht, .sagte der Minister, bedeutsam lächelnd. Er'.hielt dann sehr freundlich Cercle, hatte für Jedermann ein paar verbindliche Fragen, sprach die Hoffnung aus, die Gegend, selbst zu besuchen, sobald es seine Anttsgeschäfte erlauben würden und entließ die Deputation in sehr huldreicher Weise. Das Resultat der Audienz wurde in die Heimath telegraphirt, und bei der Ankunft der Deputation wurde dem Herrn Bürgermeister ein großer Fackelzug gebracht. Der Sprechwart des Turnvereins hielt eine begeisterte Ansprache, die mit einem dreifachen „Gtlt Heil" für ben Vater der Stadt enbete. Der Herr Bürgermeister erwiederte, daß die Giite seiner Mitbürger ihn so sehr beschäme, daß er vergeblich nach dem richtigen Ausdrucke für seine Gefühle ringe, daß er überhaupt nicht ein Mann der Worte sei, aber sich bestrebeit wolle, die gute Meinung seiner Mitbürger zu verdienen, so lange sie ihn auf dem verantwortungsvollen Platze belassen wollten, auf welchen ihr Vertrauen ihn erhoben hatte. Zum Schluffe lud er alle-Theilnehmer an dem Fackelzugenach dem goldenen Löwen ein, um den schönen Abend würdig zu beschließen. Nicht endenwollende Hochs folgten, als der Zug sich nach dem Löwen in Bewegung setzte, und es ist beinahe überflüssig, zu bemerken, daß keilt koscherer Wein getrunken wurde. „Andere Zeiten!" pflegte Mordche seufzend zu sagen. Seine Exzellenz hielt Wort, die Vorlage wurde eingebracht und prompt angenommen; die liberale Partei behauptete den Bezirk und der Abgeordnete Engelbert sein Mandat. Die Bahn war vollendet und der Statthalter, der, wie man in unterrichteten Kreisen wußte, eine besondere Mission hatte, versprach, die Einweihung durch, seine persönliche Theilttahme zu verherrlichen. Böllerschüsse tutd Glockengeläute verkündeten die Einfahrt, des -ersten Zuges. Auf der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.