Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1897)
- Date
- 1897-02-19
- Page
- Seite 90 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228202-3228211--53491-3267417- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
90 Findet das gesondert Examen in den Neligionsfächeru. unter Vorsitz eines Rabbinatsmitgliedes statt, dann ist gewiß sicherste Gewähr geleistet, daß die Anforderungen weder zu hoch noch zu niedrig gestellt werden. Wie mit einem Zauberschlage hört dann auch für die Dainen das Gönnerthum., auf, und an die Stelle desselben, oder reiner Liebe und Barmherzigkeit, tritt die gebieterische Förderung eines zwar wohlwollenden, aber durchaus würdigen Und gerechten Abwägens der Leistungen, die allein als Maßstab der' Berechtigung für die Lehrverwendung auch in dem Fache zu geltenhaben. Die Kolleginnen danken dann ihre Einstellung als Religionslehrerinnennicht .'mehr der Gunst, sondern mit Stolz erfüllt es.sie. dieselbe ihrem Wissen und Können. allein zu verdanken. ' Auch; die Behörden bekämen etwas mehr Respekt vor dem jüdischen Religionsunterricht, der ziemlich stark diskreditirt ist, weil gegenwärtig noch ein Schiff ohne Steuer auf weiter See treibt und schließlich von den Klippen zerschellt zu werden droht. Dem Einwnrf, daß durch einen besonderen Religionsunterricht und eine diesbezügliche Abschlußprüfung eine zu große Ueberbnrdnng entstehe, begegne ich zum Voraus damit, daß dieses Verfahren seit vielen Jahren sich' auch in den Lehrerseminaren gut bewährt hat lind auch die Damen nicht überanstrengen würde, die nach dem Ausspruche einer hohen Persönlichkeit im Gemeinderathe Alles können, was sie wollen. Zuletzt endlich möchte ich nicht unerwähnt lassen, daß ein derartiges Institut besser der Gemeinde als' ausschließlich privater Wohlthätigkeit seine Entstehung verdanken muß, damit ihm das Gemcindeintereste, worauf es angewiesen ist, nicht fehle. Die Würde, das Ansehen und die Bedeutung der Anstalt wächst, sobald sie der festen Stütze der Gemeinde nicht entbehrt. Ueberdies darf die Existenz einer solchen Anstalt in keinem Augenblick bedroht, sondern muß stets' durchaus fest fundirt sein, sodaß die an ihr wirkenden Lehrkräfte definitiv angesteüte und'gut honorirte Beamte .sind, die sich mit Lust, Liebe und Opferwilligkeit der guten Sache widmen und ihre ganze Kraft freudig in den Dienst ihres Berufes stellen. Gerade aus dem Grunde würde eine innige Verbindung der bereits bestehenden Mädchenschule mit dem zu errichtenden Seminar . zweckmäßig erscheinen; in ihrer Verschmelzung mit einander würden sie sich gegenseitig unterstützen und fördern, während eine Jsolirnüg mehr Mittel in Anspruch nehmen, die Organisation wesentlich erschweren und dennoch weniger segensreich in rein pädagogischer Beziehung wirken würde. — Auf Repliken mannigfachster Art bin ich gefaßt. So weiß ich bestimmt, daß man anführen wird, jede separatistische Bestrebung sei ein Krebsschaden, durch zu starkes Betonen konfessioneller Rücksichten geben wir unseren Gegnern Waffen in die Hand, uns noch weiter als bisher zurückzndrängen und auszuschließcn; wer sich selbst ansschließt, verdient ausgeschlossen zu werden, und dergleichen mehr. Solle schon etwas geschehen, so könnten besondere Religionskurse für die bereits anderweitig geprüften Lehrerinnen installirt werden. Doch darauf erwiedere ich, daß der Religionsunterricht nicht von den andern Fächern isolirt werden darf; ihn einer besonder» Kommission überweisen, die außerhalb des sonstigen Seminar - Unterrichts steht, ihn aus dem Seminar verweisen, hieße dem ganzen Unterricht sein Herzblatt heransreißen. Der Religionsunterricht soll gerade durch gegenseitige Bezugnahme alle anderen Fächer, wo cs sich ungezwungen ermöglichen läßt, befruchten und beeinflussen. Es g'iebt zwar keine jüdische Pädagogik, ebensowenig wie eine christliche, sondern eine allgemein menschliche, aber cs giebt und muß geben eine besondere jüdische - Religionswissenschaft. Diese ganze Darlegung. bitte ich aber nur als einen Versuch, als eine Art Enquete anzusehen; wiebei uns jetzt alles in Fluß kommt unb neue Ideen, weil sie zeitgemäß sind, alte verdrängen, so hoffe ich. — wenn auch nicht als Prophet einer neuen Zeit zugelten — so.doch mit Geduld angehört worden zu sein. Dixi •et animam salvavi meam. Ein jüdischer Lehrer. .,#) Briefe aus England. Von Rev. Dr. Chotzner in Belfast. f ie vorjährigen Monatshefte des Londoner „Pall Mall Magazins" enthielten eine Anzahl von interessanten Buchkritiken und leichtgeflügelten Causerien, die ihr Verfasser, der bekannte Novellist Zangwill, in einem Separatband unter dem Titel „Milrout?i'6Mäiee" („Ohne Vorurtheil") vor Kurzem veröffentlicht. hat. Höchst frappant sind einige darin vorkommende Sätze, die auf Juden, und Judenthum Bezug haben. In einem derselben weist der Autor aus die Aussage einiger moderner englischer Schriftsteller hin, welche dqhin lautet, daß es nämlich in England und anderswo verschiedene Coryphäen auf dem Gebiete der Kunst, Wissenschaft und Litteratur gebe, die von jüdischer Abstammung sind, ohne daß sie es selbst wissen oder gar wissen wollen. Indem nun Zangwill diese Aussagen vollkommen bestätigt, bemerkt er zugleich auch, daß solche Koryphäen sich aus dem Grunde im Strudel der Welt verloren uitd ihren jüdischen Ursprung mehr oder weniger vergessen und verschwiegen haben, weil sie sich der Gefahr der Ver- oder Nichtachtung entziehen und in Rübe und Frieden, leben wollten. ' So oft, meint Zangwill, auf denn Horizonte der schönen Künste und der Litteratur ein brillant scheinendes Lumen anftaucht, könne man mit einigem Rechte die Worte ausrufen: „Chercliez le Juif!“ In einem meiner früheren Briefe erwähnte ich der jüngst erschienenen „Erinnerungen" des Oxsorder Professors Max Müller, worin der Autor, von berühmten Komponisten seiner früheren Bekanntschaft sprechend, auch seines Jugendfreundes Mendelssohn- Bartholdy mit itiniger Liebe gedenkt und so manches Schöne und Lobenswerthe von ihm erzählt. Derselbe Professor spricht darin auch von litterarischen Celebritäten, die er mehr oder weniger kannte, und da erwähnt er auch-Heinrich Heine, den er als den größten . lyrischen Dichter bezeichnet, den Deutschland je produzirt hat. Letzterer, bemerkt der Autor, sei mit dessen Vater, dem Dichter der berühmten Müller-Lieder, kollegialisch befreundet gewesen/ von welcher Freundschaft einige Briefe Zeugniß abgeben, die Gustav Karpeles in seiner Biographie Heines veröffentlicht hat. Er selber, fügt er hinzn, habe Heine nur ein einziges Mal int Jahre 1846 in Paris, in der Rue Richelien, flüchtig gesehen und gesprochen. Der Dichter sei damals bereits ein Schatten seines Selbst und fast ganz des Sehens beraubt gewesen, hnüe ihn ober einen Moment als den Sohn seines langjährigen Freundes erkamtt tmd wehmüthig angelüchelt. Mit Mühe und sichtbarer AnstrengunL sei er dann weiter gerutscht und habe vor sich hin die Goethe'schen Worte gelispelt: „Das Manlthier sucht im Düstern seinen Weg." Professor Max Müllererwähnt anch — en passant — einen zweiten jüdischen Dichter uub Dramatiker seiner Bekanntschaft, und zwar war dies Wilhelm Wolfsohn. Verfasser eines seinerzeit häufig in Deutschland anfgeführten Dramas unter dem Titel „Blos eine Seele", der aber in jugendlichem Alter