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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-02-19 · Heft 8 (19.2.1897) · p. Seite 86

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 8 (19.2.1897)
Date
1897-02-19
Page
Seite 86 (sequence 2)
Language
German
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meintlichen Heile des Judenthunis in der Großstadt auftaucht, dessen Verwirklichung Geld erheischt, flugs werden Briefe nach den kleinen. Gemeinden, gesandt, die ohnedies belastet sind, . Während in her! Hauptstadt' die reichen Herren doch geradewegs morasisEverpflichtet wKen^ inipdesteM das>. wassie aü Steuern sparen, der Wohlthätigkeit zu steuern." 'Und als Beleg hierfür werden in demselben' Briefe die Sammlungen für ein jiidisches Krankenhaus an der Ostsee, die Werbung von Mitgliedern für die Alliance oder Sammlungen für einen „verdienten Mann" angeführt.' Es wird dann noch von dem Einsender jenes Briefes, der, nebenbei gesagt, einer unserer ausgezeichnetsten Männer ist, zum Schlüsse der Wunsch ausgesprochen, „daß die Großgemeinde die allgemein jüdischen Ziele, sei es der Wohlthätigkeit, sei es der Wissenschaft und des Unterrichts, .sei es der Vertheidigung des Jndenthums, mehr' aus eigenen Mitteln bestreite und diese Forderungen weniger auf die ohnedies schwaches! und belasteten Schultern der Provinzler abwälze". Diese Anschauung, welche eine weitverbreitete ist, kann aber nicht entschieden genug bekämpft werden, weil sie auf durchweg falschen Voraussetzungen beruht. Es ist . nämlich eine ziffermüßig zu belegende, unbestreitbare Thatsache, daß Berlin thatsächlich bereits die Hauptlast an allen Werken der Wohlthätigkeit, der Wissenschaft und des Unterrichts sowie der Abwehr trägt, und zwar in einer Weise trägt, welche in gar keinem Verhältniß steht zur Größe und zum Reichthum Berlins — anderen Großgemeinden und dem Lande gegenüber, die von all diesen Werkeil. ungleich größeren Nutzen haben als Berlin selbst. Wir könnten da mit Ziffern aufwarten,; die Staunen erregen und so ziemlich alle anderen Großgemeinden Deutschlands, etwa mit Ausnahme von Frankfurt a. M., weit in den Hintergrund stellen würden.. Aber das. kann doch nicht unsere. Aufgabe sein, den' Gegensatz zll .verschärfen.. Wir haben nur die Pflicht, die wirklichen Verhältnisse klar zu legen und dadurch das Vornrtheil zu beseitigen. Wenn es sich.um Sammlungen für ein Krankeilhaus in Kolberg handelt, denn voll diesem ist die Rede, uild für diesen Zweck, nehmen wir an, eine Summe von;100000 Mark nothwendig wäre, so -machen wir uns anheischig, dem Schreiber jenes. Briefes und allen' Denen, die mit ihm gleicher Anschauung huldigen, genau nachzuweisen, daß Berlin bei diesen Sammlungen mit 90 Prozent und das ganze große Deutsche Reich -etwa mit 10 Prozent betheiligt sein wird. Wenn es sich um die Werbung von neuen Mitgliedern, für die Alliance handelt,, so schlagen, wir das bisherige Verzeichniß von Mitgliedern. auf und finden, daß Berlin über vierhundert Mitglieder zählt. Das ist nicht viel — aber wie viel Mitglieder haben denn die anderen Gemeinden im Verhältniß zu Berlin? Und was nun gar die Sammlungen für verdiente Männer anbelangt, so haben: dieselben thatsächlich nur in Berlin ein nennenswerthes Resultat, und es wäre geradezu beschämend, wenn wir da mit Ziffern aufwarten wollten. Sehen wir aber von diesem Mißverhältniß ab und werfen wir vielmehr folgende Frage auf: Würden die Vertreter jener Anschauung es im Interesse der Sache, für richtig halten, wenn Berlin allein sämmtliche Hospitäler im Lande bauen, sämmtliche Seminare errichten, alle Sammlungen bewirken, kurz alles, was für Wohlthätigkeit, Wissenschaft'und Unterricht sowie was zur Vertheidigung des Judenthums -nothwendig ist, aus den Taschen der paar Millionäre, die bei solcher Gelegenheit. immer ins Vordertreffen, geführt werden, bestreiten möchte? Sicher nicht. Nein, wir glaubenvielmehr, es sei,genau so eine moralische Verpflichtung des Landes,, sich an all diesen Sammlungen. nach Maßgabe seiner Kräfte zu betheiligen, wie es immer eine moralische Verpflichtung der.größten Gemeinden Deutschlands bleiben wird, den Hauptantheil an diesen Sammlungen zu tragen. Das ist das richtige Verhältniß,- nndMeun ^dieses Verhältniß- 'von beiden Seiten gewahrt) wird, ckann man auf ein gemeiirschaftliches undi<gedeihliches ZuHmmeNMirkemumAnieresse -des Judenthums hoffen, das heute -mehr denn! je ZaüerHiner?Knider '-bedarf und diesr'nach Hein Prophetenworte aus Süd und Nord, aus Ost und West zu treuem Zusammenhalten und zu vereintem Wirken aufruft. ''' Die Woche. Berlin, 16. Februar. Gfikm Reichstag gab es wieder Judendebatten. Bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit muß eben der Prügelknabe herhalten. Ohne die geringste Veranlassung citirte Herr v. Plötz in der Sitzung vom 11. d. M. die „Judenschutztruppe" des Äbg. Rickert, die mit gegen die jetzige Wirthschäftspo.litik hetzen soll, und zog sich deshalb seitens des Letzteren eine'kräftige Zurechtweisung zu. Herr Rickert sagte u. a. : Ich rechne es mir zur Ehre an, an der Spitze dieses Vereins zu stehen (Sehr gut!.links), und jede Schmähung dieser Judenschutztruppe von Herrn v. Plötz oder von Anderen wird mich in diesem Gedanken nicht irre machen. Wenn Herr v. Plötz nur eine Ahnung hätte von den hervorragenden Männern Deutschlands, die in diesem Verein Mitwirken (Lachen rechts) und heute schon dessen Bestrebungen verfolgen, so wird der Herr wohl etwas kleiner werden und seine Angriffe zurücknehmen. Die Judenschutztruppe hat die Aufgabe, unsere jüdischen Mitbürger in ihren staatsbürgerlichen Rechten gegen die Angriffe der Herren v. Plötz, Ahlwardt -und'Genossen zu schützen. (Großer Lärm rechts.) Daß Herr v. Plötz . mich um deswillen immer angreift, bedauere ich um seinetwillen;; daß. aber der Bund der Landwirthe sich vollständig auf antisemitischen, Boden gestellt hat, halte ich für einen Fortschrittweil ich jede Klarheit für einen Fortschritt halte. Antisemitismus und Bund der Landwirthe find heute identisch, (v. Plötz: Nicht wahr!) Bei einer Judendebatte kann Herr Stöcker natürlich nicht schweigen. In seiner Rede sagte er n. a. Folgendes: ■ ' Herr Rickert hat dann feine Betheiligung an der Judenschutztruppe zu rechtfertigen gesucht: (Abg. Rickert: Bor Ihnen nicht!) Nun, Sie haben doch hervörgehoben, daß an der Spitze der Judenschutztruppe viele hervorragende, intelligente Leute stehen. Herr Rickert, da Sie selbst an der Spitze stehen,- wird .ja Niemand daran zweifeln. (Heiterkeit.) Aber Sie werden nicht leugnen, daß es in Deutschland viele Männer im öffentlichen Leben giebt, die gegenüber den Bedürfnissen der Zeit blind sind-. Ganz besonders ist dies in den liberalen Kreisen der Fall. Niemand wird die Juden an sich bekämpfen; was man bekämpft, ist .ihre Anmaßung, Ausschweifung und Verwüstung des Staatskörpers. Im Geheimen erkennt jeder Deutsche, der . noch einen-Rest von christlicher Gesinnung hat, im tiefsten Grunde das Berechtigte des Antisemitismus an; allerdings giebt es auch Unberechtigtes! Die Antwort, die der „theure Gottesmann." am folgenden. Tage wiederum von dem Abg. Nickest erhalten, mochte ihn wohl darüber belehren, daß er nicht gut daran gethan, sich in derartige Debatten zu mischen. In dieser Rede Rickerts heißt es u. a.: Ich will über den Prozeß Stöcker-Witte nichts sagen, ich glaube, die weitesten Kreise sind vollkommen darüber aufgeklärt, und es lohnt nicht, darüber noch ein Wort zu verlieren. Nun ist aber dem Abgeordneten Stöcker, zweifellos aus dem „Volk", was ihm ja sehr nahe stehen soll, klar geworden, daß eigentlich ich und die Judenschutztruppe ihn in Sachen Witte verfolgten. Herr Dietrich von Oertzen, der-neue Chefredakteur, hat nämlich in einem Leitartikel „Stöcker und Witte" vom 2. Februar Folgendes behauptet: - „Die Juden haben vor Jahren einen eigenen Aufpasser für Stöcker mit hohem Gehalt amstellen wollen — die Sache

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