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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-02-19 · Heft 8 (19.2.1897) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 8 (19.2.1897)
Date
1897-02-19
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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61. Jahrgang. Nr. 8. Berlin, 19. Februar 1897 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint w ö ch e n t l i ch. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. - Redacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner S*- Ludwig PHUippson-Lonn Verlags-Grpedition: LertinH Jerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der .Allgem. Zeitung deS Judenthums", Berlin. SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhalt Leitartikel: - Der Wasserkopf. — Die Woche. — Zwangsunterricht und Unterrichtszwang. Von Georg Minden. — Eine jüdische Lehrerinnen-Bildungsanstalt in Berlin. II. — Briefe aus England. Von Rev. Dr. Chotzner. — Die Ehre in der Bibel. Don Dr. Josef Stier. — Feuilletonr Andere Zeiten. Eine Erzählung von Gotthard Deutsch (Forts.). - Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten: Berlin, Breslau, Hannover, Magdeburg, Cöthen,- Barmen, Karlsruhe, Wien, Budapest. — Bon Nah nnd Fern. — Miseellen. Der Wasserkopf. Berlin, 15. Februar. s ist in den letzten Jahren Mode geworden, auf den Wasserkopf Berlin zu. schimpfen. Bei jeder Debatte über Berlin kann man im Parlament die schlimmsten Tiraden gegen die Reichshauptstadl hören. Und die Vertreter gewisser Parteien haben eine rechte Freude daran, wenn sie der Stadt Berlin irgend einen Budgetposten verweigern, oder wenn sie auf deren. Schultern irgend eine neue Last wälzen können. Neuerdings fängt man auch in jüdischen Kreisen an, diese Mode nachzuahmen. Ein gewisses Borurtheil gegen das jüdische Berlin besteht im Süden schon seit fast hundert Jahren. Aber während es dort zu schwinden beginnt, taucht es in anderen Himmelsgegenden mit um so größerer Heftigkeit auf. Und es lohnt sich deshalb wohl der Mühe, dies Borurtheil des Näheren zu beleuchten. Es giebt sehr viele und darunter auch gescheute Männer, die die Behauptung aufstellen, Berlin habe die Verpflichtung, in allen Fragen, die das jüdische Leben in Deutschland betreffen, sich an die Spjtze zu stellen und : in allen öffentlichen Angelegenheiten die Initiative zu ergreifen. Dagegen giebt es wieder andere und nicht weniger gescheute Männer, die der jüdischen Gemeinde Berlins die Berechtigung zu einem solchen Eingreifen rundweg absprechen, die es als eine Ueberhebung, ja als eine Schädigung des allgemeinen Interesses ansehen würden, wenn Berlin sich in irgend einer jüdischen Frage an die Spitze stellen würde. Fast scheint es sogar, als habe die letztere Anschauung die Majorität für sich,, und wahrscheinlich nur , aus diesem. Grunde hat der Vorstand der jüdischen Gemeinde ' in dem letzten Jahrzehnt es wiederholt vermieden, bei wichtigen- Anlässen sich an die Spitze zu stellen. Wo liegt nun die Wahrheit? Betrachtet man die Sache vom _ objektiven Standpunkt des Gesammtjudenthums. und ohne irgend ..eine landsmannschaftliche Voreingenommenheit, so hat, Berlin nichts nur die Berechtigung, son.dern sogar die Pflicht, in allen die deutsche' Judenheit betreffenden Fragen, sobald sie nicht in die Kompetenz^ -des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes fallen, die Initiative zu ergreifen. Nur das Borurtheil oder der böse Wille kann dies bestreiten. Von jeher-galt es in Israel als die Pflicht der Gemeinde, die numerisch die größte war, und die auch die angesehensten und einflußreichsten Männer besaß, in allen die Gesammtheit betreffenden Fragen voranzugehen. Ob nicht Berlin, wenn es dieses nobile okkeinni bei allen wichtigen Anlässen auf sich genommen hätte, . dabei in einen Kompetenzkonflikt mit dem Deutsch - Israelitischen Gemeindebunde oder zuweilen auch mit anderen Großgemeinden geraden wäre, ist freilich eine andere Frage, die uns aber hier nichts : angeht, wo wir eigentlich nur das Prinzip als solches zu besprechen haben. Geht man nun den Gründen jener Abneigung, die merkwürdigerweise im Süden wie im Osten unleugbar vorhanden ist,, aufmerksam nach, so wird man auch ohne großen psychologischen Scharfblick die verschiedenartigen Motive herausfinden, welche dies «-> Gefühl bedingen. In Süddeutschland sind es zum großen Th eil dieselben religiösen und ethnologischen Motive, welche auch bei den süddeutschen Katholiken die Abneigung gegen den Wasserkopf Berlin hervorgerufen haben. Berlin ist ihnen nicht fromm genug, und was aus Berlin kommt, es mag auch das Gleichgiltigste und Harmloseste sein, hat für sie immer einen ketzerischen Beigeschmack. Mit solchen Borurtheilen ist nun allerdings nicht zu rechten. Biel merkwürdiger sind nun aber die ethnologischen und sozialen Motive. Man kann bei einer Debatte über diese Dinge in Frankfurt a. M. oder iu München gelegentlich wohl die Aeußerung hören: „Berlin ist Polen!" Oder zum mindesten: „Berlin liegt ja schon an der polnischen Grenze!" Was damit ausgedrückt werden soll, bedarf wohl kaum noch einer näheren Auseinandersetzung. Woher stammt nun aber die Antipathie gegen Berlin, die auch im Osten unzweifelhaft herrscht, wo doch nach der Lage der Verhältnisse beide Motive nicht maßgebend sein können? Wir gestehen es offen ein, daß wir für diese Art des Bornrtheils keine Erklärung haben. Aber es wäre sicher von Jntereffe, wenn einmal ein psychologischer Forscher diesen Dingen auf den Grund gehen würde, soweit sie etwa auf religiöse und soziale Motive zurückgehen könnten. Im Grunde genommen sind es aber eigentlich weder diese .noch jene, die uns zu einer Betrachtung des Verhältnisses Herlins zu. den Provinzen nnd zum Reiche veranlaßt haben, sondern'es .ist un erster Reihe "die materielle Seite dieses Verhältnisses, die in einen; Sprechsaäl-Briefe der letzten Nummer in einer Weise angeschnitten wurde, 'diewir nicht unwidersprochen hingehen lassen dürfen.: Es-wurde dort der Wunsch ausgesprochen, daß das reiche Berlin doch'nicht immer -bei den armen Provinzen betteln gehen möchte.' .'Und'dann heißt es weites-: „Sobald irgend ein Plan zum wirklichen oder wer-

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