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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-02-12 · Heft 7 (12.2.1897) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 7 (12.2.1897)
Date
1897-02-12
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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NNWWUW if Professor Lew in gewünscht wird, wird von der Versammlung abgelehnt. Es folgt dann Punkt 9 der Tagesordnung betr. Einsetzung einer gemischten Kommission zur Vorberathung der Frage des jüdischen Religionsunterrichtes an den höheren Töchterschulen. Es handelt sich hier um die bekannte Eingabe, welche der „Liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde" an die Versammlung gerichtet hat. Der Referent, Herr Leonhard Sachs, befürwortet diese Vorlage und motivirt sie in derselben Form, welche der liberale Verein gewählt hatte Man dürfe selbst vor erheblicheren Kosten nicht zurückschreüen. Als Mitglieder der Kommission werden die Herren Sanitätsrath Jastrowitz, Geheimrath Marcuse, Leonhard Sachs vorgeschlagen An Stelle des von der Kommission designirten Herrn Sanitätsrath Blumenthal, welcher ablehnte, wurde von der Versammlung Herr Isidor Sachs gewählt. — Die Zahl der in das Hospital aufzunehmenden Siechen wurde hierauf nach dem Referate von Louis Sachs von 44 auf 50 erhöht. Drei noch auf der Tagesordnung stehende Punkte wurden wegen der vorgerückten Stunde abgesetzt. L2 Berlin, 9. Februar. Den zweiten der öffentlichen Vorträge zum Besten des Stipendienfonds der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums hielt gestern Herr Rechtsanwalt Bernhard Breslauer. Sein Thema war ein eng begrenztes und keineswegs verlockendes; aber die Art und Weise, in welcher der Vortragende sein Thema behandelte, war so liebenswürdig und anmuthend, so eigenartig und fesselnd, daß das Auditorium dem Vortrage bis zum Schluß mit dem lebhaftesten Interesse folgte. Herr R.-A. Breslauer sprach über das deutsche Centralkomitee für die russischen Juden. Und erst aus seinem Vortrage erhielt man eine genaue Uebersicht über die in der That sehr bedeutenden Leistungen dieses Komitees, das während der letzten russischen Ausweisungen mehr als zweihundertzehntausend Menschen befördert hat. Der Vortrag, der allgemeine Verbreitung verdiente und hoffentlich auch gedruckt werden wird, fand lebhaften Beifall. 22 Berlin, 9. Februar. George Davidsohn, der Chefredakteur des „Berl. Börs.-Kur.", ist am 6. d. M. unvermuthet im 62. Lebensjahre gestorben. Er hatte sich Tags zuvor nach Hamburg begeben, um dort im Stadttheater der ersten Aufführung des Musikdramas „Andres Chenier" von U Giordauo beizuwohnen, und war am anderen Nachmittag anscheinend im besten Wohlsein hier auf dem Lehrter Bahnhof wieder eingetroffen. Auf der Fahrt nach seiner Wohnung ereilte ihn der Tod. Als man die Thür der Droschke öffnete, fand man den kurz vorher noch rüstigen Mann als Leiche vor — ein Herzschlag hatte seinem Leben ein jähes Ende bereitet. Mit George Davidsohn verliert der Berliner Journalismus eines seiner angesehensten Mitglieder. In allen Kreisen der Gesellschaft war der liebenswürdige Mann bekannt und beliebt und in nimmer rastender Thätigkeit leitete er die Redaktion des „Börs.-Kur.", den er selbst vor mehr als fünfundzwanzig Jahren, am 1. Oktober 1868, begründet hatte. 18°>5 in Danz geboren, wurde George Davidsohn in Berlin namentlich durch seine feuilletonistischen Arbeiten in der „Berl Börs.-Ztg." bekannt, zu deren Redaktion er bis 1868 gehörte. Für das von ihm begründete Blatt setzte er seine ganze publizistische Kraft ein, und seine gewandte Feder bewährte sich sehr bald auch in volkswirthschaftlichen und finanzpolitischen Artikeln. Während er so zu einer Autorität auf finanziellem Gebiete wurde, gehörte die Neigung seines Herzens der Musik, und besonders war es Richard Wagner, dessen Kunst ihn entzückte und begeisterte. Er wurde einer der Mitbegründer der Wagnervereine, und alle Angriffe des Meisters und seiner Gesellen gegen die Juden vermochten ihn in dieser treuen Hingabe nicht zu beirren. Wagner selbst wußte diese Treue doppelt zu schätzen. Dem Verein „Berliner Presse" gehörte Davidsohn fast seit seiner Gründung an und er hat in früheren Jahren auch als Vorstandsmitglied dem Verein wichtige und werthvolle Dienste geleistet. Die Beerdigung fand heute unter allgemeiner Theilnahme der litterarischen Kreise statt. Rabbiner Dr. Map bäum hielt die Gedächtnißrede und schilderte in dieser das Leben und den Charakter des vortrefflichen Mannes, dessen Andenken bei seinen vielen Freunden treu bewahrt bleiben wird. Berlin, 8. Februar. Vor einigen Tagen brachten die Zeitungen die Nachricht von dem untersonderbaren Umständen erfolgten Tode einer hiesigen Lehrerin, Fräulein Giffard. Man fand die halb entkleidete Leiche der gänzlich vereinsamt gewesenen Dame zum Theile verkohlt neben einer erloschenen Lampe und einem Waschbecken in ihrer im äußersten Norden Berlins gelegenen ärmlichen Wohnung. Die. alte menschenscheue Dame war, wie sich nun gezeigt-hat, sehr vermögend, trotzdem hat sie ein elendes Leben geführt. Nach ihrem Tode fand man in ihrem Zimmer im vierten Stocke, das sie sehr selten heizte, nur ein halbes Brod und einen Hering, dafür nach längerem Suchen drei Obligationen im angeblichen Werthe von mehr als 86 000 Mark, von denen seit Jahren die Zinsen nicht erhoben waren. Ihr gesummtes Vermögen hat die Verstorbene testamentarisch zu gleichen Theilen einer evangelischen, katholischen und einer jüdischen Schule vermacht. Die Verstorbene war die einzige Tochter eines Juden, des Schriftstellers Dr. Julius Leopold Klein, des Verfassers einer Anzahl hervorragender, leider zu wenig bekannt gewordener Dramen, vor allem aber der berühmten, in zwölf Bänden erschienenen „Geschichte des Dramas". Dieses Werk, in dem Klein die Geschichte des Dramas von den ältesten Zeiten zu behandeln unternahm, welches aber leider ein Torso blieb, ist nicht nur ein Denkmal erstaunlicher Belesenheil, sondern auch eines feurigen, von idealer Begeisterung getragenen Geistes und durch seinen reichen Inhalt eine Fundgrube der Literarhistoriker. Klein, ein geborener Ungar (1804 in Miskolcz geboren), hatte in Wien und Berlin Medizin studirt, hierauf in Italien und Griechenland größere Reisen gemacht und sich nach einem stürmischen Jugendleben hier in den vierziger Jahren niedergelassen, wo er seine Dramen und sein großes litterargeschichtliches Werk schrieb und am 2. August 1876 im hiesigen jüdischen Krankenhause nach kurzem Krankenlager starb. In seinen letzten Lebenstagen standen ihm nur eine ausgezeichnete Frau aus der Berliner Gesellschaft. Ernestine Gerson, deren Haus lange einen Mittelpunkt literarischer Kreise gebildet hatte, seine Freunde, Sanitätsrath Dr. Reinke und Dr. Emil Schiff, zur Seite. R. Tilsit, 7. Februar. Am 26. v. M. fand hier zum Besten des hiesigen israelitischen Frauenvereins ein Bazar in den Räumen des Kasinos statt, und da konnte man die Wahrnehmung machen, wie das Gedeihen eines Vereins von den Leitern desselben abhängt, mit welcher Energie, mit welcher Liebe und Hingebung diese sich der guten Sache unterziehen. Seitdem Frau Rechtsanwalt Cohn und Frau Aron Bernstein Vorsteherinnen dieses Vereins sind, ist derselbe zu einer Blüthe gelangt, wie nie zuvor. Jeder spendet und trägt sein Schärflein für den Verein gern bei, weil auch viel Gutes gestiftet wird; mit beispielloser Hingebung und Aufopferung ist der gedachte Vorstand bemüht, das Leid der Hilfesuchenden zu mildern und dem Elend zu steuern. Daher war auch der Erfolg des Bazars ein bedeutender. Die Veranstaltung wurde durch Vorträge von Gesängen, ausgeführt von einigen Damen und von unserem Kantor Herrn Schidorowski, die einen allgemeinen, ungetheilten Beifall fanden, eingeleitet. In animirter Stimmung verblieben die zahlreichen Theilnehmer bis zu später Stunde beisammen. Lp. Ans der Provinz Posen, im Februar. Am 31. v. M. konstituirte sich in Posen der Verband der Synagogengemeinden des Regierungsbezirks. Der Vorstand hatte die Statuten ausgearbeitet, die als ^Grundlage der Berathung vorgelegt und angenommen wurden. Posen und Bromberg haben sich dahin geneigt, daß jeder Regierungsbezirk seinen eigenen Verband bilden solle. — Der Rentier W. Sokolowski aus Wreschen hat der dortigen Stadtgemeinde ein Legat von 3000 M., deren Zinsen alljährlich an Ortsarme vertheilt werden sollen, überwiesen. Außerdem hat die israelitische Gemeinde daselbst anläßlich seines Scheidens aus derselben 560 M und eine Spende von 1500 M. zum Bau einer Leichenhalle erhalten. — Der Rechtsanwalt Michaelsohn in Schroda ist zum stellvertretenden Bürgermeister daselbst gewählt und als solcher von der Regierung zu Posen bestätigt worden. — Am 29. Januar starb in Ostrowo der dortigen israelitischen Gemeinde, Rentier Lazarus Callomon, im Alter von 81 Jahren. Der Verstorbene war bis zum Tode seit ca. 40 Jahren Vorsitzender des fast 80 Jahre lang bestehenden Krankenverpflegungs- und Beerdigungsvereins und fast ebenso lange Repräsentant jener Gemeinde und zeitweiliger Vorsteher des Repräsentantenkollegiums. — Ende Januar hielt der israelitische Wohlthätigkeitsverein in Buk seine diesjährige Generalversammlung ab. Nach dem Jahresbericht betrug die Einnahme 1090.17 M. und die Ausgabe 692,66 M.

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