Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1897)
- Date
- 1897-02-12
- Page
- Seite 84 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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84 und es ist besser so. Nun, um mich von dem Vorwurf der Bigotterie zu reinigen, will ich gestehen, das; mich die dogmatische Seite der Frage nicht so sehr interessirt. Was ich verabscheue, ist die Hintansetzung aller moralischen Qualitäten hinter der äußeren Stellung in den Kreisen, die man „gute Gesellschaft" nennt. Das ist mein Judenthuin. Im klebrigen: glückliche Reise! Ich könnte am Ende die Gelegenheit versäumt haben, dem Orkus einen neuen Bürger znzuführen. Auf baldiges Wiedersehen!" (Forts, folgt.) ■ Litterarische Mitthrilungen. Dr. M. Rawi cz: Der Traktat Sanhedrin ins Deutsche übertragen. Frankfurt a. M. Verlag von I. Kauffmann. Die Uebersetzung des ganzen Talmud ist eine Aufgabe, die für einen Einzelnen zu schwer ist; aber vielleicht wird das Ziel, den Talmud dem Verständniß der nichtjüdischen Gelehrtenwelt näher zu bringen, auch besser erreicht, wenn einzelne besonders interessante Traktate, welche gleichsam die ganze Weltanschauung des Talmud beleuchten, herausgehoben werden. Das talmudische Civilrecht mit allen den Ausdeutungen und Entwickelungen, welche es bis in unsere Zeit von den scharfsinnigsten Männern erfahren hat, würde, wenn es gelänge, davon in einer modernen Sprache ein klares Bild zu entwerfen, zweifellos den Juristen mehr interessiren. Ist doch dieses Civilrecht bis in die neueste Zeit in vielen Gegenden des Ostens aktuelles Recht, und es soll Vorkommen, das auch Nichtjuden zu den gelehrten scharfsinnigen Rabbinern, die auf den Talmud bei ihren Entscheidungen sich stützen, mehr Vertrauen haben als zu ihren „Natschelniks". Aber die Kriminalgesetzgebung, die wesentlich im Traktat Sanhedrin enthalten ist, ist doch weit mehr geeignet, Rückschlüsse auf den Geist des talmudischen Judenthums zu gestatten; es ist offenbar der Geist einer fast übertriebenen Milde, der, wohl nicht ganz in Uebereinstimmung mit der Bibel, z. B. die Todesstrafe nahezu völlig beseitigt. Was wird ferner unter der Hand des Talmud im Traktat Sanhedrin aus dem strengen Gesetz der Schrift, das den widerspenstigen Sohn mit Steinigung bestraft! Der Talmud spricht sich selbst sein Urtheil, wenn er sagt, das Gesetz gegen den widerspenstigen Sohn sei nie zur Anwendung gekommen; d. h. nachdem der Talmud so viele Kautelen zu Gunsten dieses Widerspenstigen trifft, war seine Anwendung einfach eine Unmöglichkeit. Der Talmud ist in einer Naivetät, die so vielen religiösen Reformatoren eigen ist, sich vielleicht dessen gar nicht bewußt, daß er gewisse Gesetze der Thora thatsächlich abschafft unter der Form, sie zu erklären. Für diesen talmudischen Geist ist der Traktat Sanhedrin ein außerordentlich lehrreiches Zeugniß. Nun giebt es für den Uebersetzer zwei Wege. Vor ungefähr zwei Jahrzehnten ist eine französische Bearbeitung des Traktats Sanhedrin erschienen, von einem gelehrten Polen Rabbinowicz, der, wie er in der Vorrede schreibt, seine gelehrten Werke meist in einem Pariser Cafä abgefaßt hat; er hatte kein Geld, fein Zimmer zu Heizen, und die gut katholischen Besitzer des Cafes gönnten dem polnischen Juden während des Winters ein Plätzchen, wo er bis Mitternacht arbeitete. Aber obgleich das französische Buch lesbarer ist als das deutsche, so ist es doch nicht brauchbarer. Rabbinowicz ist zu sehr der souveräne Herr des Textes, während der Uebersetzer der gehorsame Sklave desselben sein sollte. Rawicz ist ein außerordentlich fleißiger und bescheidener Arbeiter; er stammt aus einer alten Tälmudistenfamilie; sein Ahne war ein Meister in diesem Fache in jener vor Zeiten wegen ihrer Talmudkenntniß berühmten Gemeinde Lissa, die dazumal von sich rühmte, daß in jedem jüdischen Hause ein Bes-din, ein Biermänner-Kollegium von gediegenen Talmudisten vorhanden sei; so vom Ahnen ans den Sohn, auf den Enkel pflanzte sich diese Liebe zum Talmudstudium fort, und Rawicz hat uns ein wichtiges Hilfsmittel in seinen Übersetzungen gegeben, um besonders nichtjüdischen Gelehrten die Augen über den Talmud zu öffnen. Es ist ein verdienstliches Werk, durch Ankauf der bisher erschienenen Uebersetzungen den Verfasser zu weiterer Thätigkeit auf diesem Gebiete zu ermuthigen. In diesem Buche begegnen wir auch auf Seite 260 jener sonderbaren Notiz über den Tod Jesus, die später von der Zensur gestrichen worden ist, und die darum in sehr wenigen Ausgaben sich vorfindet. Die Wichtigkeit, die die Zensur diesem Referat beilegt, wird von dem wissenschaftlichen Urtheil nicht bestätigt. Nur ein einziger talmudischer Alltor wird in diesem Referate mit Namen genannt, das ist Ulla, dessen Blüthezeit in das erste Jahrzehnt des vierten Jahrhunderts nach Christi Geburt fällt und der in Babylonien, also innerhalb nichtchristlicher Völker, gelebt, hat. Danach zu schließen, ist der Bericht aus späterer Zeit und rührt von Männern her, die mit den Christen und der christlichen Tradition eine schwache Berührung hatten. Die Unterhaltung zwischen Jesu und den Richtern, wie wir sie dort lesen, ist ein Aneinanderreihen von mehr oder weniger witzigen Wortspielen, die weder dem Ernst der Situation noch dem Ernst des Mannes entsprechen. Das Ganze ist ein harmloses Produkt einer Phantasie, die mit dem wirklichen Gange der Dinge wenig vertraut war. Rawicz selbst fügt seiner Uebersetzung dieser Stelle keine Anmerkung hinzu. Je länger Rawicz aus diesem Gebiete arbeitet, desto mehr steigert sich sein Geschick, dem obersten Gebote der Treue gegen den Urtext gerecht zu werden. 8. R. Sprechsaat. Geehrter Herr Redakteur! ^^estatten Sie mir, einen kleinen Jrrthum in Ihrer wohlwollenden, mich betreffenden Notiz <Nr. 5 vom 29. Januar) zu berichtigen, den ich nicht hervorgehoben hätte, wenn er nur mein persönliches Interesse berührte. Es heißt dort: „Müde und enttäuscht . . . kehrte er . . . aus dem heiligen Lande heim." Nein. Während meines vierzehnjährigen Aufenthalts im Lande Israel bin ich nicht müde und nicht hoffnungslos geworden, und ich würde noch heut mit Freuden dahin zurückkehren, wenn ein Menschenfreund die Mittel zur Errichtung eines. Jüdischen Mädchenwaisenhauses gewähren wollte, das für Jerusalem dringend von Nöthen ist. Hochachtend Brüssel, 2. Februar. , W. Herzberg. ❖ Geehrter Herr Redakteur l jüngst wurde im Wochenbericht dieser Zeitung behauptet, daß man <33 in den kleinen und mittleren Gemeinden des Landes es mit einer „gewissen Bitterkeit" hervorhebe, wie gut die Berliner Gemeinde mit ihrer geringen Kultussteuer es habe. Eine solche bittere Empfindung der kleinen Gemeinden gegenüber der Berliner Gemeinde wäre durchaus ungehörig. Die Berliner ihnen ja nichts dazu, um die reichen Herren aus der Provinz nach der Hauptstadt zu locken. Aber was nach meinem Dafürhalten nicht ganz recht ist, ist, daß der Reiche, und sei es auch zu den besten Zwecken, bei dem Armen bettelt. Sobald irgend ein Plan zum wirklichen oder vermeintlichen Heile des Judenthums in der Großstadt auftaucht, dessen Verwirklichung Geld erheischt, flugs werden Briefe nach den kleinen Gemeinden gesandt, die ohnedies belastet sind, während in der Hauptstadt die begüterten Herren doch geradezu moralisch verpflichtet wären, mindestens das, was sie an Steuern sparen, der Wohlthätigkeit zu steuern. Z. B. an der Ostsee soll ein jüdisches Krankenhaus aufgerichtet werden; sollte es da nicht ein nobile officium der Berliner und anderen der Ostsee nahen Großgemeinden sein, aus ihrer Mitte das Kapital zu schaffen, soll man in weit von der Ostsee abgelegenen Städtchen dafür die Trommel rühren? Oder die Alliance wirbt neue Mitglieder von Berlin aus; Bravo! Aber während in einer kleinen Gemeinde Jeder, der es nur dazu übrig hat, dabei ist, ist in Berlin die Zahl der Mitglieder nur gering, und die Agitation hat dort noch viel zu thuu, bevor sie in die Provinz wandert. Dieselbe Alliance sammelt für einen verdienten Mann; muß man dazu wirklich die Komitees an allen kleinen Orten allarmiren? Können das nicht einige großstädtische Millionäre besorgen? Die natürlichen günstigen Bedingungen für die Verwaltung der Großgemeinden können in keinem Besonnenen Bitterkeit Hervorrufen; aber der Wunsch wird laut, daß die Großgemeinde die allgemein jüdischen Ziele, sei es der Wohlthätigkeit, sei es der Wissenschaft und des Unterrichts, sei es der Vertheidigung des Judenthums, mehr aus eigenen Mitteln bestreite und diese Forderungen weniger auf die ohnedies schwachen und belasteten Schultern der Provinzler abwälze. L. S. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.