Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1897)
- Date
- 1897-02-12
- Page
- Seite 83 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Doktor blieb wieder eine Weile stehen, dann schob er seinen Arm in den des Freundes und sagte leise, säst ihm ins Ohr sprechend : „Ich will ganz offen mit Dir sein, lieber Freund. Ich glaube nicht, daß ich um meiner selbst willen nicht genug geschätzt bin; ich bin ja nachgerade ans den Posten eines Erbonkels auvancirt, und schließlich bin ich auch der Onkel Kreisphysikus, der sich schon durch diese Thatsache vortheilhaft vor dein Onkel David Rosenbaum, Firma I. Roseubaum und Arnstein, auszeichnet. aber ich selbst fühle mich dort nicht mehr behaglich. Seit mein' Schwager nämlich die Armeelieferung erhielt, die ihn, nebenbei ge-, sagt, vor dem sicheren Ruin rettete, ist eine große Veränderung in dem Hause vorgegangen. Der Oberintendant, der Oberrcchnungsrath, und wie sie sonst heißen mögen, die gesellschaftlich dort verkehren, und eine Anzahl jüngerer Offiziere haben einen Ton eingebürgert, der mir verhaßt ist. Fanny strahlt, wenn ihr der Oberrcchnungsrath „gnädige Frau" sagt oder ein Laffe von Lieutenant ihr die Hand küßt; die Männer, Rosenbaum sowohl als sein Schwiegersohn Weißensteiu, spielen die erbärmlichste Rolle, indem sie alle Impertinenzen von den jungen Offizieren eiusteckeu, ohne daß die Frauen, Fanny so wenig wie Hildegard, die geringste Ahnung davon haben, daß sie in ihren Männern gedemülhigt werden; kurz und gut, es fehlt ihnen an jeder Selbstachtung. — Im letzten Herbst — laß mich- Dir das im Vertrauen mittheilen — hatte der Verein Harmonie, bei dem die Offiziere selbstverständlich die führende Rolle spielen, ein Weiulesefest veranstaltet, zu dem die Herren Lieutenants Karten für die Damen brachten, merke, nur für die Damen. Da das Fest aber am Jom- Kippur abgehalten werden sollte, lehnte Fanny ab, weil sie. wie sie sagte, über den Tag anders verfügt habe. Ich schwieg, dann aber begann ein Oberlieutenant von Aspernfeld, nebenbei gesagt, rin Mensch, der mir in der Seele zuwider ist, ein richtiger Typus aus den „Fliegenden Blättern", mit aufgewichstem Schnurrbürtchen, geschnürter Taille und schnarrender Stimme, der sich nebenbei für Klementine, die jüngere Tochter des Hauses, sehr interessirt, den Damen zu-- züreden: „Gnädige Frau," schnarrte er, „ohne Sie wird das Fest nicht vollständig sein. Fräulein Klementine im Kostüm einer Winzerin müßte ja göttlich sein! Welche Gründe kann Ihr weiches Mutterherz haben, der geliebten Tochter diesen Triumph zu versagen?" Ich bin so fest überzeugt, daß der impertinente Kerl Fannys Gründe ganz genau. kannte und darum so zudringlich that, so fest überzeugt, als ich von der Wirkung einer Dose Arsenik bin, die ich ihm am liebsten adminislrirt hätte, ich bin auch überzeugt, daß Fanny so fühlte wie ich, trotzdem sagte sie lächelnd: „Ach, Herr Oberlieutenant, erst das Geschäft und dann das Vergnügen. Wir haben für diesen Tag unsere Näherin zur Anfertigung der Wintertoiletten bestellt. Die Dame ist nicht leicht zu haben und wird ihr Engagement nicht ändern. Wir müssen verzichten." Michwagte sie dabei nicht anzusehem In mir kochte es, doch behielt ich äußerlich meine Ruhe und sagte lächelnd: „Fanny, so tief bist Du gesunken, daß Du vergessen konntest, daß dieser Tag der Versöhnungstag ist? Ich schäme mich für Dich. Das kann nicht einmal mir altem Ketzer passiren. Wenn unser Vater das erlebt hätte, der sagte gewiß, der Großvater Red Schmul wird sich im Grabe umkehren." Die ganze Geschichte, besonders die Nennung des Großvaters Reb Schmul, wirkte wie ein Sturzbad. Fanny ward feuerroth, Klementine ließ plötzlich ihr Armband zu Boden fallen, um es in der wohlthätigen Finsternis; unter dem Tische suchen zu können, Hildegard kramte in ihrem Stickereikörbchen, das sie bis dahin nicht beachtet hatte, und Rosenbaum, der Esel, sagte: „Bei unserem Verkehr vergißt man solche Sachen." Ich allein that in aller Unschuld eine,; ' Schluck aus meinem Glase und steckte eine neue Cigarre' an. Du begreifst, daß ich nicht um das Seelenheil meiner Schwester besorgt war, sondern daß nur die Feigheit.mich verdroß. Wir sind ja noch ein wenig aus der alten Zeit. Wir haben es mit angesehen, wenn der arme Jude sich Mißhandlungen und Demüthignngen von übcrmüthigen Bauern oder hochfahrenden Beamten gefallen lassen mußte, aber seine Selbstachtung verlor er doch nie, und sein Beleidiger oder Peiniger hatte das strafende Bewußtsein, daß sein Opfer sich zum mindesten für nicht schlechter halte als er selbst. Darum kränkt es mich, daß diese Tugend uns verloren zu gehen droht, und in diesem besonderen Falle, daß man die Bewerbungen eines Menschen,, der nichts weiter ist als eine ansgestopste Uniform und — was doch,in den Augen von Geschäftsleuten eine Rolle spielen sollte — nichts hat als Schulden, daß man diese Bewerbungen duldet und ermuthigt." Der Doktor halte die letzten Worte laut und heftig gesprochen, seine Hände waren geballt, seine Augen leuchteten von einem geradezu unheimlichen Feuer, und sein Gesicht war geröthet, so daß sein Begleiter es für gerathen fand, ihm leise Zlizuraunen, daß er die Aufmertsamkeit der Vorübergehenden errege. Der Doktor strich mit der linken Hand mehrere Male seinen Schnurrbart zurecht und sagte dalin mit wiedergewounener Fassung: „Run, Du bist ja in Deinen heimathlichen Kreisen eine gesellschaftliche Notabilität und hast, wie ich höre, eine hübsche, junge Frau. Dll dürftest also reichlich Gelegenheit haben, das Benehnien solcher Herren wie meines prospektiven Neve« zu beobachten und zu bemerken, wie leicht man in Gefahr geräth, seine Selbstachiung zu verlieren." Awrom wandte bei diesen Worten seine Blicke nach einem Schaufenster, welches sie gerade passirteu, und der Doktor fuhr fort, als bemerkte er nichts. „Das ist also meine Generalbeichte. Dll begreifst, daß Faliuy mir den Großvater Reb Schmul nicht vergeben kann; ich war auch seit dieser Zeit nicht im Hause, außer wenn ich als Arzt gerufen wurde, und ich zweifle gar liicht, daß man von-meinen professionellen Diensten Abstand uehmeu würde, wenn mau das vor der Welt könnte. Also ich wäre jedenfalls kein sehr mächtiger Protektor in diesen Kreisen. Du hast übrigens den besten Empfehlungsbrief, den man in diesem Falle aufweisen kann, Deiile Erfolge als Kaufmailu. Im Uebrigen hoffe ich Dich bald wieder zu sehen. Bringe doch Deille Frau mit. Ich würde sie sehr gern feimeu lernen, und es sollte mich sehr freuen, Euch beim „Schwarzen Bären" zu Tische zu haben, oder wenn es koscher sein muß. weißt Du, daß Gutrud in gebratenen Gänsen, in Stopflebern und Krautstrudel eine Koryphäe ist, aber das muß ich vorher wissen, denn bei uuangeküudigten Gästen verwandelt sich die Milch ihrer frommen Denkart in gährend Dracheugift. Also, Gott befohlen, ich war ungebührlich lange von Hause abwesend und werde wahrscheinlich erwartet." Awrom stand eine Weile zögernd. „Hast Du sonst einen Wunsch, zu dessen Erfüllung ich Dir behilflich sein kailil?" fragte der Doktor. „Wunsch nicht gerade, aber da Du mich zu Deinem Vertrauten gemacht hast in Dingen, die mich mehr interessiren, als Du wissen kannst, möchte ich mir die Frage erlauben, ob Du über Pläne wie das veruluthete Projekt mit Deiner Nichte immer dieselben Anschaulmgeu hattest, vorausgesetzt natürlich, daß die Frage nicht indiskret ist." „Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie elvig neu," sagte der Doltor in munterem Tone. „Das sind Dinge, die längst begraben sind, vergeffen wie ein Todter aus dem Herzen, sägt König David,