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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-02-12 · Heft 7 (12.2.1897) · p. Seite 82

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 7 (12.2.1897)
Date
1897-02-12
Page
Seite 82 (sequence 10)
Language
German
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82 dienende Stufen sich neigen. Dann entrollten majestätische, siegesfrohlockende Klänge das Schauspiel der ganzen Kraft des Gottes Abels, und Noahs, Isaaks und Jakobs, und es war unmöglich, nicht mit allen Sympathien der Seele in den großen Aufruf dieses Chores einzustimmen, der wie auf riesigen Schultern die Last so viel tausendjähriger Ueberlieferungen und göttlicher Wohlthaten, so vieler Empörungen und Züchtigungen und so unerschütterlicher Hoffnungen trug. Und während die Phantasie des Christen sich niedergedrückt fühlte unter der Schwere dieser mahnenden Erinnerungsrufe, die vor dein Altar ohne Opfer, vor den wie zu Moses und Esdras Zeiten in Gold und Brokat gehüllten Pergamenten ertönten, während die heiligen Bücher in ihren rothen Einfassungen und im unheimlichen Glanz der Ampeln wie glühende Kohlen leuchteten, die, malig angehäuft, am Tage des himmlischen Gerichtes auf schuldige Häupter niederbrechen sollen, blieb das Antlitz dieser Menschen, die als Brandopfer sich selbst darbrachten, das Hohenpriesteramt durch sich selbst vertreten sahen,. die mit ihrem ganzen leidenvollen Leben ihren Glauben an die heißerflehte Rache besiegelten, es blieb regungslos, gleichgiltig, wie von undurchdringlichem Schleier bedeckt, zeigte weder Zorn noch Ekstase, während ihre Stimmen das provisorische Heiligthum wie in gewohntem Anruf mit dem furchtbaren dreifachen Namen „Jehovah! Adonai! Elohim! erfüllten." Wer diese Poesie- und farbenreiche Schilderung liest, wird wohl die Empfindung haben, daß auch Sulzer ein Genie gewesen sein muß. Und so ist es auch. War Schubert eine Sonne, so war Sulzer ein Genie in seiner Art. „Licht strahlt nur Licht ab, eine Sonne nur Sonne." II.II-^ -II—ll-- iw ®ut??nüEW CT MMM1 i 1 FEUILLETON 1 K l| 1 m iKmaeW SH UMMWWWMM8WNl«!WWNMKWWW!!W8W 3S 'HMDnmuiinsggit Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit, von Gotthard Deutsch. (Fortsetzung.) er Redende, der hinter des Doktors Stuhl getreten war und ihm die Hand auf die Achsel legte, war eine schlanke, einnehmende Erscheinung mit langem, hellbraunem Haar, das tief in den Nacken herabreichte, die Lippe war von einem leisen Schnurrbärtchen beschattet, ein kleidsamer dunkler Tuchrock mit aufgerichtetem Kragen schmiegte sich enge an den Körper an, um den Hals trug er ein goldenes Kettchen, an dem ein Kneifer nachlässig hin und her baumelte. Der Doktor, der im ersten Augenblicke überrascht aufgefahreu war, erhob sich lächelnd. „Haben Sie keinen Kummer, lieber Freund," sagte er, „ich werde doch bei den nächsten Wahlen nur dem von der „Tagespresse" empfohlenen Kandidaten meine Stimme geben.' Immer das kleinere Uebel wählen, das ist mein Grundsatz. Doch gestatten Sie, daß ich Ihnen meinen Freund Herrn Schwarzmanu vorstelle. Herr Dr. Dörfler! Herr Schwarzmann!" „Mein Freund," fuhr Max fort, nachdem die Herren sich erhoben, sich verbeugt und einander die Hände gereicht hatten, „steht im Begriff, eine Zuckerfabrik zu gründen, die eine Wohlthat für unsere Gegend werden soll. Ich setze voraus, daß diese Neuigkeit Ihre Zeitung interessiren wird. Das Unternehmen wird auch der Partei nutzen, denn Sie wissen ja, Industrie macht Liberalismus. Das wäre ein Wahlkreis fiir Sie, lieber Doktor. Ich höre schon im ^Geiste eine ihrer glänzenden Reden für das Recht des individuellen Kompetenzkampfes, von der Tribüne des Reichsraths gehalten." „Nur zu, Herr Kreisphysikus," sagte der Redakteur. „Es ist schon manche ironische Weissagung in Erfüllung gegangen. Uebrigens interessirt mich Ihre Neuigkeit sehr, und es wird mich sehr freuen, Herr Schwarzmann," fuhr er zu Awrom gewendet fort, „wenn Sie mir die Ehre Ihres Besuches schenken wollten. Sie werden mich um sechs Uhr beim Eintreffen der Post in meinem Bürcau finden. Um diese Zeit bin ich nur für intime Freunde zu sprechen. Indessen bitte ich jetzt, mich zu entschuldigen, meine Herren. Es ist mir ein Vergnügen gewesen. Auf Wiedersehen!" Max hielt wieder die Cigarre eine geraume Weile zwischen den Zähnen, bis er eine dichte Rauchwolke herausblies. Dann sagte er: „Ich werde doch noch fromm werden auf meine alten Tage. Der Talmud sagt: „Die Welt ist ein rollendes Rad." Und Recht hat der Talmud. Wenn unsere Vorfahren ein Geschäft machen wollten, so mußten der Amtmann, der Schreiber, der Amtsdiener e tutti quanti ihren Antheil vorher haben. Jetzt sind's nicht mehr die , Schreiber, sind's dafür Andere." „Alle krummen Wege können wir nicht gerade machen, sagten unsere Alten," meinte Awrom lächelnd. „Der Mann leistet mir einen Dienst und hat einen Anspruch auf seine Provision. Ich bin Dir übrigens außerordentlich dankbar für Deine werthvolle Theilnahme und hoffe, daß Dti sie nicht bereuen wirst. Ich glaube ein Recht zu haben, meinem geschäftlichen Instinkt zu vertrauen. Nochmals herzlichen Dank," fuhr er fort, indem er sich erhob. „Na warte!" sagte der Doktor, „nimm mich malmit. Ich habe Dir noch manche interessante Mittheilung 311 machen, denn ich interessire mich für die Geschichte, erstens, weil ich mein Kapital ' darin anlegen will, und dann, weil ich hoffe, daß es Dir gelingt, den Einen oder den Anderen von dem Kaddischsagen auf das Rübeufeld zu locken. Es wäre jedenfalls ersprießlicher." . Beide Männer erhoben sich und schritten ruhig neben einander ' her. Der Doktor schien eine Weile mit sich zu kämpfen. Endlich blieb er stehen. „Ich denke," sagte er, „Du könntest mit meinem Schwager darüber sprechen. Der trägt schon lauge das Gelüste mit sich herum. Verwaltungsrath zu werden. Geld und einflußreiche Verbindungen hat ec auch, übrigens will ich morgen meinen Baukdirektor sehen. Wenn die Landes - Kommerzial - Bank die Finanzirung Deiner Fabrik unternimmt, dann hast Du einen prächtigen Schritt vorwärts gethan." „Ich fange an, mich zu schämen," sagte Awrom lächelnd, „Du protegirst mich ja mit einem Eifer, wie es Dein seliger Vater that, .als er mich nach Pest brachte, doch ich bin nicht blöde und will mit beiden Händen zugreifen, nur möchte ich Dich zur Krönung Deiner Wohlthaten bitten, mich bei Deinem Schwager persönlich einzuführen." Der Doktor blieb wieder stehen, nahm seinen Freund beim Arm und sagte nach einer Panse, während der er seine Augenbrauen tief nach abwärts bewegte und die Unterlippe zwischen den Zählen einkniff: „Bedauere sehr; wir stehen leider ziemlich kühl mit einander. Die Gesellschaft ist mir zu aristokratisch." „Das ist keine Ermuthigung für mich," meinte Awrom. „Bei Dir ist es etwas anderes," meinte der Doktor. „Du bist, gleich Napoleon, Dein eigener Stammbaum. Uebrigens. wenn ich nicht irre, bist Du durch Deine Frau in Rosenbaums Verwandtschaft gekommen." „Nur muß ich fürchten," bemerkte Awrom mit einem Lächeln, das einen Beigeschmack von Bitterkeit hatte, „daß gerade diese Thatsache mich nicht hoffähig machen wird, wo Du Dich nicht mehr als vollwichtig angesehen glaubst."

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