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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-02-12 · Heft 7 (12.2.1897) · p. Seite 81

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 7 (12.2.1897)
Date
1897-02-12
Page
Seite 81 (sequence 9)
Language
German
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81 Franz Schubert als Synagogen-Komponist. Ein Gedenkblatt zur hundertsten Wiederkehr seines Geburtstages. Von Ed. Birnbaum in Königsberg. III. HHi^oscheles war übrigens einer sehr angesehenen Prager L ™ Rabbinerfamilie entstammt. Sein Ahn Jsak Schulhof war. wie besten 1689 verbrannter Vater Salman Moscheles Schulhof, Beisitzer des Rabbinats von Prag gewesen/) und hellte noch existirt daselbst eine nach dieser Familie benannte Moscheles-Synagoge. Die Frau des Ignaz Moscheles, welche das erwähnte Werk „Aus Moscheles Leben" herausgegebell, war eine geborene Embden, Tochter des Adolf Embden in Hamburg. Die werthvollen musikalischen Handschrifteli, darunter Original-Partituren von Haydn, Mozart, Beethoven und Felix Mendelssohn-Bartholdy, und die Tagebücher ihres Manlies, welcher später unter Mendelssohn- Bartholdy Profestor am Leipziger Kollservatorium wurde, gingen auf den einzigen Sohn Felix über, der in Lolldon als Portraitinaler lebt. Derselbe war einer der größten Aussteller der englischen Abtheilling der Wiener Musikausstellung vom Jahre 1892. Außer Schllbert, Drechsler und Ignaz Moscheles Habel,, wie bereits angedeutet, noch andere Komponisten elltweder im Aufträge der Gemeinde oder auf Sulzers persönlichen Wuilsch im Interesse des Wiener Gottesdieilstes, der für viele andere Gemeinden mnstergiltig wurde, tonschöpferisch gewirkt. In erster Reihe glailbe ich hier nennen zu müssen den Orgailisten des Schottenstifts und Kapellmeister am Theater in der Leopoldstadt Franz Volckert, voll dem.der „Scliir Zion“ 9 Nummern enthält, meine bereits angeführte „Handschrift 74". aber weitere 7 Kompositioneil als sein Eigenthuni bezeichnet, darunter die Nrn. 36, 142 und 143 des „Schir Zion“. Eigenthümlicherweise wird seines Namens in den Katalogen der erwähnten Wieiler Musikausstellung nirgends gedacht. Auch der Böhme Wenzel (Wilhelm) Würfel, Profestor des Klavierspiels und Freund Chopills, hat für die Wiener 3 bedeutende Kompositionen geliefert, die dann im „Sehir Zion“ Aufnahme fanden. Er lvird in der erwähnten Schubert - Biographie von Kreißle Seite 379 Anmerkung 3 genannt, theilt aber in Bezug auf Verschweigung seines Namens in den Katalogen der Wiener Musikausstellullg das Schicksal Volckerts; auch seiner wird nirgends gedacht. Er war auch kurze Zeit Profestor am Warschauer Konservatorium. Ferner sind noch zu nennen der Profestor des Klavierspiels am Konservatorium zu Wien. Joseph Fischhof (1804—1857) und der Lehrer Sulzers, Ignaz v. Seyfried. Auch ihre Kompositionen haben Aufnahme im „Schir Zion“ gefunden. Ersterer lieferte alich die Musik zu den jüdischen Theaterstücken von I. Biedermann (Wolf, Gesch. d. isr. Kultusgem. in Wien, 1861, S. 178, Anm. — Solche jüdische Theaterstücke waren seiner Zeit in Wien sehr beliebt. Auch Saphir schrieb 1820 ein Stück „der falsche Kaschtail," das ich in seinen Werken vergebens suchte.) 0 Vergl. über ihn Dav. Kaufmann, die Erstürmung Ofens und ihre Vorgeschichte, nach dem Berichte Jsak Schulhofs (1650-1732), Trier 1895, und Kobak in seinem „Jeschurun" VI., Seite 134 ff. Daselbst Seite 144 Zeile 4 ist das Wort zn streichen. In dem Gemeindebuch von Prag, das ich vor 10 Jahren einzusehen Gelegenheit nahm, ist die Lesart riW mitt pH iTPlTP H pblH DHlöHlOHp Der dortige Reim hat mit den talmudischen iTTHl nichts zu thun. Der Name Moscheles ist dort mit Lame?, unter dem Mem und zwei Schwain unter dem ersten Scliin und Lamed punktirt, mutz also Moscheles und nicht Moschel's gelesen werden. Es wäre luidaukbar, wollte man nicht bei dieser Gelegenheit rühmend hervorhebell, welches Verdienst u,n die Verewigung und theilweise Gewinnung dieser synagogaleu Tonschöpfuilgen Slilzer für sich in Anspruch zil nehmen berechtigt ist. Diese Betrachtmlg würde aber für heute zu weit führen, oder iilindesteils über den Rahmen der uns gestellten Aufgabe weit hinaus gehen. Uns war es nur darum zu thuil, gelegentlich der huildertsteil Wiederkehr seines Geburtstages in Erinnerung z,l bringen, daß Franz Schubert auch als Synagogen-Komponist ben alten Ehrentitel „il piü dolce cigno“ verdient, obgleich die betreffende hebräische Kompositioli aus den angegebenen Gründen sich in der Synagoge nicht heimisch zu machen vermochte. Aber ohne Sulzer kein „Schii- Zion“, welchem wir die Erhaltung dieser einzigen Komposition Schuberts in hebräischer Sprache zu verdankeil haben.- Sulzer gai,z zu würdigen, wird die Aufgabe einer späteren Zeit sein, die sich indeß wird zu erinnern haben, daß vor ihn, der Synagogeilgesang eine ganz andere Gestalt hatte. Wie man im 13. Jahrhundert in der Kirche lioch „Hu, ha, hu, doniine Deus“ sang? 9, so sang und singt man zum Theil noch heute in den Synagogen. Die jüdischen Tonkünstler, an ihrer Spitze Meyer beer?) schämten sich fast, ihre Feder für die Synagoge einzntauchen. „Meine Ruh' ist hin, mein Herz ist schwer. Ich wollt, ich war' der Meyerbeer" singt ein lustiger Poet eines alten Mnsikerkalenders. Aber da kam der für sein Amt und seine Synagoge heiß erglühte Sulzer und zeigte, wie's gemacht werden muß, wenn „unsere" Künstler uns im Stiche lassen. „Wir haben ein einziges Mal Gelegenheit gehabt, eine Ahnung von dem zu empfinden," schreibt Franz Liszt?) „was eine judäische Kunst werden kennte, wenn die Israeliten alle Intensität des in ihnen lebenden Gefühls in Formen ihres eigenen Geistes kund gäben. Wir lernten in Wien den Kantor Sulzer kennen . . . Um ihn zu hören, gingen wir zur Synagoge, deren musikalischer Leiter und Vorsänger er war. Selten haben wir eine so überwältigende Erschütterung aller Saiten der Gottesverehrung und des menschlichen Mitgefühls erlebt, als diesen Abend, wo beim Scheine der den Plafond gleich Sternen übersäenden Kerzen ein seltsamer Chor anhub von dumpfen, gutturalen Stimmen, als wäre jede Brust eine Kerkerzelle, aus deren Tiefen sie sich rangen, um dem Gotte der Bundeslade in Elend und Gefangenschaft zu lobsingen, ihn mit festem Glauben anzurufen, voll der Gewißheit einstiger Erlösung aus endlos langer Sklaverei, einstigen Entrinnens aus diesem verhaßten Land, einstiger Wiederkehr in ihr Königreich vor den Blicken der entsetzten Nationen mit einem Triumphe voll unvergleichlicher Pracht. Beim Aussprechen dieser hebräischen Worte glaubte man dunkle Blumen sich von ihren Stengeln erheben und ihre klingenden Kelchblätter in die Lüfte verstreuen zu sehen; diese rauhen Töne, schimmernden Diphthonge und knitternden Endungen durchschwebten den Raum und streiften wie mit leckenden Feuerzungen das Ohr. Kein Weib durfte in den heiligen Kreis treten, als ob hier zur Verrichtung des Gebetes männlicher Muth und Stärke gehörten, als wenn jede schwächere Kraft ausgeschlossen werden müßte von den Unterredungen des auserwählten Volkes mit seinem zornigen und getreuen Gott, als wenn jeder Dritte unberufen wäre, zu richten über die erfüllten oder nicht erfüllten Bedingungen des mit ihm geschlossenen Vertrages. Kurze, rasche und regelmäßige Geberden schienen dem Auge diese schwungvollen Apostrophen rhythmisiren zu wollen. Man glaubte die Psalmen wie Geister des Feuers über sich schweben zu sehen, die dem Fuße des Höchsten als 9 Siehe „Sermones" im Katalog 200 des Antiquars Albert Cohn, Nr. 978. 9 Die einzige hebräische Komposition Meyerbeers in Naumbourgs Sammlung ist, wie ich anderwärts nachgewiesen habe, ursprünglich ein Gebet an die — heilige Jungfrau. („Kindergebet", Berlin, Schlesinger.) 8) Die Zigeuner und ihre Musik in Ungarn. Deutsch bearbeitet von Peter Cornelius. Pest 1861, S. 26. '

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