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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-02-12 · Heft 7 (12.2.1897) · p. Seite 80

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 7 (12.2.1897)
Date
1897-02-12
Page
Seite 80 (sequence 8)
Language
German
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m Tf t*» jpyMj, 7^ i v^^Äfvr 'f- *’ . 80 mit „der Seele, die Gott in sich trägt". Origenes gab in dem dritten Jahrhundert die erste vollständige Allegorie der Dichtung; es wird darin nur von der göttlichen Liebe gesprochen, und das' Gedicht ist der Brautgesang zwischen der Kirche und ihrem himmlischen Bräutigam Christus. Von nun ab war der einzige Sinn, den man nicht in die Dichtung legte, der buchstäbliche. Vor dem sechsten Jahrhundert fand sich nur eine einzige Stimme, die sich für eine gesunde Auslegung erhob: der Theologe des Alterthums, Theodorus von Mopsuhestia, dessen Ansichten von dem zweiten in Konstantinopel gehaltenen Konzilium verdammt wurden. Im Mittelalter gab es iiidjt einen Menschen, der einen Zweifel an dem theologischen Charakter der Dichtung hegte. Als die Mariaverehrung aufkam, wurde Sulamith Maria gleichgestellt, und fast alle Züge in der Dichtung auf die „Mutter Gottes" angewandt. In Salomo sah man nun den Typus für Jesus. Die ersten Protestanten unterschieden sich in diesen! Punkte in keiner Hinsicht von den zeitgenössischen Katholiken. Der erste, der nach Theodorus das Gedicht, das von Luther Hohelied benannt wurde, als ein weltliches Buch bezeichnete, war ein Priester in Genf, Sebastian Chastillon, der zur Reuaissancezeit lebte, .aber er ging zu dem Extrem über, es als eine unanständige Schrift anzusehen, die von der Liste der kanonischen Bücher gestrichen werden solle. Hugo Grotius schloß sich ihm an. Bossuets Auffassung war milder; das Buch habe einen doppelten Sinn, einen buchstäblichen und einen mystischen. In dem siebzehnten Jahrhundert sah Coccejus, Professor in Leipzig, in der Dichtung eine prophetische Darstellung der christlichen Kircheiigeschichte durch die Zeiten in sieben Perioden. Noch in unserem Jahrhundert hat sich diese Auslegungssucht erhalten. Rens; hat dafür eine Menge lehrreicher Beweise gesammelt. Leonhard Hug (1813) bewies, daß die Hirtin das Königreich der 10 Stämme bedeutet, die sich dein König Hiskia hingeben wollen. * L. Noack (1869) sieht in der Heldin die Stadt Samaria, die, von den Assyrern kürzlich erobert, das fremde Joch abschütteln und sich mit einem äthiopischen König verbinden will, der seine Residenz auf dem Libanon hat. G. Kaiser (1825) erblickt in der Dichtung eine Art Epos, das das Verhältnis zwischen Serubabel, Esrah und Nehemiah behandelt. Stellwagen (1860) erklärt also: Salomo wandert, müde der Regierung, in seinen Gärten umher, ohne sich um Staatssachen zu bekümmern. Eine Deputation von Landleuten bittet ihn, sein Königswerk wieder anfzunehmen. Thronrede: Er sagt, daß er die einfachen Leute liebe, drückt der Deputation die Hände, ladet sie zu Mittag („Speist und trinkt, meine Freunde!"), und die Deputation verspricht zum Entgelt, daß die Bauern regelmäßig ihre Abgaben bezahlen sollen. („Die tausend Seckel sind dein, Salomo!") Es war gleichwohl die deutsche Wissenschaft, die die mystische Auslegung vertrieb. Man wurde allmälig klar darüber, daß die Dichtung sich um nichts anderes drehe, als was sie selbst ausdrücklich sage. Dadurch war indessen keineswegs Einigkeit in der Auslegung der Dichtung herbeigeführt. Herder und nach ihm Daumer wollten im Hohenlied nur eine Sammlung lyrischer Gedichte sehen, ohne Einheit und Zusammenhang; aber Zeitgenossen Herders grübelten über die Dichtung als ein Ganzes. Bisher war man naiv von der Ueberschrist „von Salomo" als historischer Wahrheit ausgegangen, und int Vertrauen darauf, daß Salomo der Verfasser sei, sah man darin die Schilderung eines Liebesverhältnisses zwischen Salomo mib: dem Mädchen von Salem. 1771 behauptete ein Priester Namens I. F. Jakobi zum ersten Male, daß Sulamiths Geliebter nicht Salomo,^ sondern ihr Hirt war, und versuchte ihren Widerstand gegen den König und ihren Triumph über die Verführungen in seinem Harem nachzuweisen. Viele haben sich dieser Auffassung angeschlossen. die jedoch in keiner Weise hinlängliche Stütze in dem Texte findet. Andere haben die Dichtung so verstanden, daß Sularnith sich wohl dem Könige hingiebt, daß aber das Bild des Hirten in ihren Träumen wiederkehrt. Einige glauben eine feindliche Stimmung gegen die Königsmacht in der Dichtung zu finden, andere sind der Ansicht, daß sie bei Hofe aufgeführt worden ist. Wenn Einige jedoch annehmen, daß das Gedicht ursprünglich zu einem Hochzeitsfest geschrieben ist, während Andere behaupten, daß darin nicht eheliche Gefühle beschrieben sind, so haben diese Widersprüche keine Bedeutung. Man konnte sehr gut bei Hochzeiten Liebeslieder singen. Obgleich die Interpreten nicht einmal einig sind, ob das Hohelied Lyrik, epische Dichtung oder Drama ist, haben doch in der neueren Zeit fast alle Erklärer die Repliken zu vertheilen versucht und ein Schauspiel mit Akt- und Szenenvertheilung daraus geschaffen. Die Szene spielt dann bald im Harem, bald auf dem Lande. Aber die Willkür hat hier freies Spiel, und man einpfindet besonders stark die Unwahrscheinlichkeit, daß der Geliebte Sulamiths im Harem aus- und eingeht, so oft es Beiden gelüstet. Indessen glaube ich auch nicht, daß wir in dem Hohenlied die reine Lyrik vor uns haben. Es ist nicht geschrieben, um in Einsamkeit gelesen, sondern um gesungen, getanzt und aufgeführt zu werden. Und sein Kern war, wenn meine Vermuthung richtig ist, primitiv erotischer Tanz mit Gesang. Es ist eine Art elementarer Handlung, es ist ein Bund zwischen den verschiedenen Situationen gewesen, zu deneu die. zwei Liebenden zugelassen sind. Sie ist immer dieselbe, spricht z. B. stets von ihrer Mutter, nennt nie ihren Vater. Es spielt nicht nur zur Zeit Salomos, sondern auch in seiner Nähe, und Salomo spielt seine Rolle in der Dichtung; sonst würden nicht öfter die Wendungen Vorkommen: Während der König bei seinem Gastmahl ist, ein König ist in den Locken gefangen, — und es würde nicht der Einzug einer Königsbraut geschildert, nicht von Salomos Weinberg gesprochen werden. Aber das Nähere und Genauere ist dunkel. Der Text ist zu mangelhaft. Was wir nach meiner Ansicht vor uns haben, ist keine reine Lyrik und auch kein Drama, sondern eine Art elementaren, erotischeil Singspiels, gedichtet, um mimisch mit Tanz aufgeführt zu werden. Es sind Soli, Wechselgesänge uild Chor. Die Dichtung ist stets aufgeführt worden und daher zu uns gedrungen; aber als profane Poesie ist sie nicht so genau beachtet worden, wie andere biblische Dichtungen, unb darum ist sie uns mit stark verdorbenem Texte überliefert. Doch trotz all dieser Dunkelheiten und Räthsel offenbart das Hohelied — unvergleichlich wie es ist — eine ganze innere Welt in dem alten Palästina, die wir sonst nie entdeckt habell würden. Es ist der Frühling, dessen Blumenfülle von der späteru erhabenen Kultur und strengen Zucht Israels verweht wird. Es ist die saftige, duftende Frucht, welche das jugendliche, ursprüngliche Israel trug, bis sie von dem kämpfenden Priesterstaat verboten wurde. Es offenbart uns Eigenschaften des hebräischen Geistes, die wir sonst kaum geahnt hätten. Es bringt den Beweis, daß Zärtlichkeit, Anmuth und menschliches Feuer in diesem Geiste wohnten.

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