Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1897)
- Date
- 1897-02-12
- Page
- Seite 79 (sequence 7)
- Language
- German
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so ist besonders eine schon angeführte Rede über das Erlernen der hebräischen Sprache ein klassisches Zeugniß für diese Hochschätzung. In ihr bekämpft Melanchthon mit allen Mitteln die gegen die Erlernung der Sprachen erhobenen Widersprüche. Mit großer Schärfe wendet er sich nicht etwa gegen die übertriebenen Christen, die von der Sprache der Juden abriethen, reicht gegen die Unwissenschaftlichen, die vom Studium überhaupt nichts wissenwollen, sondern gegen die Ueberwissenschastlichen, gegen die klassischen Philologen, die, stolz ans ihr Besitzthum, sich vou dem Hebräischen abwendeten. Seine Worte lauten: „David besitzt einen Anker, mit welchem er sein von Winden und Fluthen geschütteltes Schiff errettete, einen Anker, der dem Themistokles, Perikles und ihresgleichen unbekannt war, denn er weiß, daß er und sein Staat in Gottes Schutz steht, und stark durch diese Hoffnung, wirft er im Unglück nicht die Waffen fort, verläßt nicht seinen Platz und wartet auf ein günstiges Geschick. Solche Weisheit, größer und heilsamer als die des Themistokles, lernt aus der Betrachtung des jüdischen Staates, den wir nicht einen barbarischen schelten wollen, da er die Kirche Gottes ist." Wer ein solches Wort gesprochen hat, muß auch von den Juden an seinem Ehrentage begrüßt werden. Das Hohelied. Bon Georg Brandes. IV. as „Hohelied" ist im nördlichen Palästina entstanden. Mit Ausnahme der Namen Engeddi, Jerusalem mit) Hesbon gehören alle erwähnten Namen dorthin. Zur Altersbestimmung der Dichtung dienen besonders folgende Einzelheiten. Es steht: „Du bist schön, meine Freundin, wie Tirza, lieblich wie Jerusalem." Tirza wird zuerst erwähnt. Jedoch Tirza war die Hauptstadt im Reiche Israel nur vou der Regierung des Jerobeam bis zu der des Omri (vou 975 bis 924). Omri baute Samaria, das dann die Hauptstadt wurde. Es ist sehr unwahrscheinlich, daß man nach jener Zeit Tirza zuerst genannt haben würde. Sehr, auffallend und auf den gleichen Zeitpunkt weisend ist die Mäßigung, womit über die Lebensführung und den Luxus von Salomo gesprochen wird. Sie deutet auf eine Zeit, die ihm nahe liegt. Die Wache des Königs besteht nur aus 60 Kriegern. Sein Arsenal birgt nur 1000 Schilde. Sein Harem faßt nur 60 Frauen und 80 Kebsweiber. Dies klingt alles glaubwürdig. Nur kurze Zeit später, und die Sage hat sich schon der Person des Salomo bemächtigt, und die Zahlen schwellen an; zu jeder der genannten werden eine oder mehrere Nullen zngesügt. Im Buche der Könige faßt sein Harem schon 700 Königinnen und 300 Kebsweiber. Nach und nach werden seine Pracht und seine Reichthümer mit phantastischer Ausschmückung dargestellt. Daß die Teiche von Hesbon erwähnt werden, ist zunächst bezeichnend. Schon im Jahre 750 hatte Hesbon aufgehört eine jüdische Stadt zu sein. Snlamiths Erwähnung der Zelte von Kedar verräth ein weit zurückliegendes Zeitalter, wo das Verhältniß zu jenem ismaelitischen Stamme ein nahes war. Später wurde es feindlich. (Jesai 21,16.) . Für das Alter der Dichtung spricht die Erwähnung des Pharaowagens, da wir wissen, daß Salomo seine Pferde und Wagen in Aegypten kaufte. Doch mehr als jebe •; Einzelheit verräth der ganze Geist der Dichtung, ihr frischer Naturton. daß sie aus einem Zeitpunkte stammt, wo das Volk Israel noch keine Religionsgemeinde war, aus jener Vorzeit, wo es noch nicht den leidenschaftlichen Pietismus späterer Zeiten kannte, nicht die strenge aber nothwendige Disziplin der Gesetze. Nach den Tagen der babylonischen Gefangenschaft ging für lange Zeiten alle Lebenskraft des Volkes in der Bildung des besonderen Glaubens, des Gesetzes und der Zucht auf, und Dichtungen wie das Hohelied konnten nicht mehr entstehen. Welche Rolle Salomo auch in dieser Dichtung spielt, irgend einen Unterthänigkeitsgeist ihm oder der Königsmacht gegenüber findet man nirgends. Ein ganz anderer Geist herrscht in einer späteren biblischen Dichtung, dem Buche Esther, dessen Heldin, ohne irgend welche Liebe zu fühlen, sich beim Herrscher durch einen Hofeunnchen einschmeichelt. Man findet vielleicht nur einen einzigen Vergleichungspunkt zwischen dem Mädchen von Salem und ihr: sie müssen beide außerordentlich gut geduftet haben, sie verrathen im gleichen Grade die Leidenschaft für Wohlgerüche. Esther wird ja förmlich in Parfüms marinirt, ehe sie das Recht erwirkt, dem König Ahasverus zu Gesicht zu kommen (zuerst ein halbes Jahr in Myrrhenöl, ein weiteres halbes Jahr in anderen Wohlgerüchen, mit anderen Schönheitsmitteln bearbeitet) und über dem Hohenlied schwebt von Anfang bis zu Ende eine Wolke von Myrrhen- und Jasminduft. Niemand, der das Hohelied in einer unentstellten Uebersetzung liest, wird einen Augenblick religiöse Mystik in diesen Versen finden können. Die Vorstellung von Gott als Liebenden, würde für Männer und Weiber jener fernen Zeiten eine undenkbare Gotteslästerung gewesen sein. Der Dichter des Liedes hat sicherlich keinen geheinmißvollen Sinn hineingelegt. Es kann erst allegorisch erklärt worden ^sein, als die Frage, ob die alten Bücher als kanonische betrachtet werden konnten, erhoben worden ist. Es ist uns wahrscheinlich erhalten, weil es immerzu vorgetragen und aufgeführt wurde, ohne gerade als ehrwürdig angesehen zu werden. Erst zur Zeit Christi gab man, um die Ehre des alten Gedichtes zu retten, demselben eine allegorische Deutung; denn die Rechtgläubigkeit war nun zu der Behauptung gelangt, daß in den enthaltenen Büchern alles heilig sei. . Da inzwischen die Auslegungen vollständig willkürliche waren, so entstand eine Heerschaar von verschiedenen Erklärungen. Es war ja überhaupt die Zeit der allegorischen Auslegungen. In Alexandria erklärten die Neuplatoniker Homer allegorisch, Götter und Heroen wurden die personifizirten Kräfte des göttlichen Erdenlebens, und so erklärten Paulus und der Talmud das alte Testament. Im Talmud beginnt auch die religiöse Deutung des Hohenliedes. Besonders war es jedoch das Christenthum, das, in hohem Grade die jüdischen Vorstellungen über die kirchliche Heiligkeit der Schriften übertreibend, sich zu verzweifelten Bestrebungen verpflichtet fühlte, um einen geheimnißvollen Sinn in der alten Liebesdichtung zu finden. Renan hat einen ganzen Theil lehrreicher Beispiele für die Auslegungskunst jener Zeiten gesammelt. Theophilus vou Antiochia erklärt in dem zweiten Jahrhundert den Baum vou Libanon, woraus Salomo sich ein Bett machen ließ, mit Ruth, die in ihrem Schooße das ganze Geschlecht Davids barg, und das Bett