Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1897)
- Date
- 1897-02-12
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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78 Zur Ehrung Philipp Melanchthous. ^Geb. 17. Februar 1497.) Von Prof. Dr. Ludwig Geiger. ch halte es für eine Pflicht delitscher Juden, die großen Männer Deutschlands an ihrem Weihetage zu ehren. Aus diesem Grunde komnle ich gern der Aufforderung des Redakteurs dieser Blätter nach, auch an diesem Orte einige Worte über Melanchthon zu sagen. Die Leser wissen auch ohne meine Ailgabe, daß Philipp Melanchthon der ebenbürtige Genosse Luthers in der deutschen Reformation und nach dem Tode des Führers der eigentliche Vater der theologischen Bewegung war. In einen: bekannten Bilde Lucas Cranachs werden die drei Häupter des deutschen Protestantismus so von einander unterschieden, daß Luther als Prediger (Redner), Buggenhageu als Priester (Seelsorger), Melanchthon als Lehrer dargestellt wird. Ein Lehrer war er. Der gute Lehrer muß zahllose Gaben besitzen, darunter die zwei vorzüglichsten: Friede, damit er seinerschweren Thätigkeit vollkommen nachgehen kann, Geduld, insbesondere mit Denen, die seiner Obhut auvertraut sind. Beide besaß Melanchthon in hohem Grade, während Luther sie llicht kannte. Schon dadurch bot er zu dem Meister, den er als solchen betrachtete, zu Luther, die schönste Ergänzung. Auf die Sprache gründete er das Heil seiner Kirche; diese Kunde der Sprache zu verbreiten, war sein Lebenswerk. Wenn wir deutschen Juden uns mit unseren deutschen Volksgenosten der freien Forschung rühmen, so dürfen wir Luther für diesen köstlichen Segen bewundernd preisen, wenn wir, was ja von uns in weit größerem Umfange geschieht als von Deutschen anderer Konfessionen, unseren Kindern die Segnung klassischer Bildung zu Theil werden lassen, sind wir Melanchthon dankbar verbunden. Aber sind wir nicht als Juden auch anderweitig ihm zu Dank verpflichtet? Luther polterte seiner Natur gemäß und polterte auch wider die Juden; Melanchthon hatte kaum Gelegenheit, sich über oder gegen die Juden auszusprechen. Alls dem Leben Melailchthoils ist feine Begegnung mit Juden bekannt; unter seinen Schriften keine, die er wider die Juden richtete. Wir sind leider von den großen Mämlerll der Deutschen nicht verwöhnt, so daß schon solchem Schweigen Anerkennung gebührt. Auch in einer andereli Beziehung ist sein Schweigen bemerkenswerth. Melanchthon wurde, als er nach Luthers Tode das anerkannte Haupt der Protestanten war, über vieles, was nicht streng zu seinem Bereich gehörte, um Rath gefragt und ertheilte ihn, wie es einem Parteihaupt zukam. Aber auch dann bewährte sich seine Milde und seine-Mittelstellung, die freilich bewirkte, daß er es Wenigen ganz recht machte. ’ So hatte er sich zweimal (1553 und '1555) über den Wucher zu äußern. Die meisten anderen damaligen Theologen uild Juristen hätten die Gelegenheit ergriffen, Zinsnehmen völlig zu verdammen lind bei dieser Verdanimung ein entrüstetes Wort über die Jllden 311 sagen; Melanchthon thut lveder das Eitle noch das Alldere. In lateinischell Gutachten (de mutuationibus) unterscheidet er ein pflichtmäßiges (honesta) und ein schädliches (damnosa) Wuchern, verurtheilt letzteres und erklärt, daß die, welche 10 bis 20 Prozent nehmen, aus der Kirchengemeinschaft auszuschließen seien. Während in diesem Falle, obwohl eines der Gutachten nach Regellsblirg abgegeben zu sein scheint, der Jllden gar nicht gedacht wird, ist in einem nnberen, für den Köllig von Dänemark bestimniten „von Verbot und Strafe des Wuchers", von den „geizigen Juden" nur an einer Stelle die Rede, wo. auf eine im 2. Buch Esra, Kap. 5 betriebene Einrichtung hingewiesen wird. Sollst will das ganze Gutachten, ohlie irgendwie der Juden zu gedenken, kleinen und großen Wucher unterscheiden, jenen, den über 5 oder 6 Prozent, als strafbar, diesen, das Geldleihen gegen eine geringe Vergütung, als erlaubt bezeichnen. Melanchthon verwahrt sich dagegen, daß ein in solchem Sinn erlassenes königliches Edikt geeignet sein könne, „den geringen Wucher zu stärken." Doch -solches Schweigen oder Nichtverurtheilen würde nur-zu lauer Anerkennung veranlassen. Melanchthous Ruhm besteht nicht in der Abfassung theologischer Gutachten, sondern in seiner Lehrthätigkeit, seinem Gelehrtemvesen. Diesem Lehrer gebührtnoch ein besonderer Dank. In dem Zeitalter des Humanismus, in dem er lebte, trat an die Stelle der lateinischen Sprache, die auch im Mittelalter, und zwar ausschließlich, aber in ziemlich verderbter Gestalt geherrscht hatte, das reine klassische Idiom. Mit ihm verband sich das Griechische : „Kundig zweier Sprachen" war ein schöner Ehrentitel. Reuchlin fügte diesen zwei Sprachen die dritte hinzu: Hebräisch. Ihr zum Siege zu verhelfen war keineswegs leicht, denn Reuchlin wurde als Judengönner verschrieen, bekämpft und verurtheilt, und alle diejenigen, die hebräische. Bücher lasen, hatten unter dem allgemeinen Vornrtheil zu leiden. Melanchthon, der Reuchlins Großneffe war, trotzte dieseni Vorurtheil. Zwar an dem Reuchliuschen Kampfe, der seine Ursache in dem bekannten Streit über die Judenbücher hatte, betheiligte er sich, seiner friedfertigen Natur gemäß, wenig, so daß er in seiner Vorrede zu den „Briefen berühmter Männer", die er zu Gunsten Renchlins herausgab, das eigentliche Streitobjekt umging. Aber hebräisch zu studiren und zu lehren ward er nicht müde. ' Er benutzte seine Kenntnisse des Hebräischen nur einmal, freilich mehr der Noth gehorchend als den: eigenen Triebe, zu einer 1510 in Wittenberg gehaltenen Vorlesung über .den hebräischen Psalter. Dagegen vertheidigte er mehrfach den Werth der hebräischen Sprache in seinen Reden. Wie er als rechter Philologe gegen alle Uebersetzungen protestirte, so mußte er schon in dieser Eigenschaft auf die Ursprache Hinweisen. Aber diese schien ihm auch sonst, besonders seiner Kirche wegen, nützlich und nothwendig. Daher wies er 'in einem, wahrscheinlich von ihm iirspirirten Schulplaue für eine Gelehrtenschule in Eisleben 1525 der hebräischen Sprache einen Platz unter den Unterrichtsgegenständen an, wogegen er sie für die Mittelschulen verwarf. Einer Schrift von P. Eber über die Geschichte der Judeil von der Rückkehr aus der. babylonischen Gefangenschaft bis zum Untergange Jerusalems stellte er eine Vorrede voran, andererseits machte er gelegentlich den Verslich, eine Schrift zu empfehlen, in der der Versuch gemacht wurde, aus der Josephsgeschichte die Wahrheit des Christellthums zu erweisen. Wie er, der gelehrte Philologe, in Sachen der Etymologie freilich die kiildliche Anschauung seines ganzen Zeitalters theilte, das Hebräische benutzte, um aus ihm lateinische Worte zu erklären — ein Versuch, der trotz seiner Verfehltheit die ungemeine HochschÜtzung des Hebräischen zu erkennen giebt —dafür ist Folgendes ein charakteristisches Beispiel: Das Wort Germani wollte er weder alis dem Lateinischen, noch aus dem Deutschen, sondern aus dem Hebräischell herleiten, lind zwar aus den beiden Worten gerim anim, „welche elende Verbannte bedeuten". Die „Schönheit" dieser Etymologie verkündet er in folgenden Sätzell. „Es hat viel heilige Männer gegeben, welche unter den Völkern zerstreut wohnten und die Lehre von Gott ausbreiteten, und in der That: Gott hat sich eine Kirche aus den Heiden auch zu jener Zeit gesammelt. Ich glaube, daß auch die Zucht bei den Germanen wegen solcher Männer bescheidener gewesen ist. sowie ihr seht, daß dieselbe von Tacitus gerühmt wird." Spricht sich in dieser Stelle eine Hochschätzuug der hebräischell Sprache aus, die freilich den Lehrer zu wunderlichen Schlüssen führt,