Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1897)
- Date
- 1897-02-12
- Page
- Seite 77 (sequence 5)
- Language
- German
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77 Hospitiren an Religionsschulen, das aber keineswegs als Ersatz, sondern als ein nur dürftiger Nothbehelf angesehen werden kann. Die vorhandene Lücke bleibt damit bestehen. Häufig liest man diesbezügliche Offerten in Blättern, bei denen ausdrücklich die Befäbigung zur Ertheilung des Religionsunterrichts gefordert wird, und seien es auch nur Stellen als Privatlehrerinnen in jüdischen Familien. Biele dieser Familien verzichten gern auf hervorragende Leistungen in der Musik zu Gunsten einer sorgfältigen Ausbildung in den Religionsfüchern. Es scheint ein leider trauriges Zugeständnis; unserer modernen Zeit zu sein, sich mit den allerdürftigsten Vorkeuntnissen in der Sprache, in welcher die ältesten Litteraturerzeugniste unseres Volkes geschrieben sind und in welcher der immer noch weitaus größere Theil unserer Glaubensgenossen Erhebung im Gebete sucht und findet, sich zufrieden zu geben. Eine weibliche Lehrperson, welche die landläufigen Gebete oder gar einen leichteren Abschnitt ans der heiligen Schrift zu erfaßen vermag, zählt geradezu als Rarität. Was würde mau wohl dazu sagen, wenn Jemand in englischer und französischer Littcratur unterrichten würde, ohne in dieser Sprache ein auch nur wenig Schwierigkeiten dardietendes Litteraturstück lesen zu können? Wie gewinnt eine Psalmenerklürnng von Seiten Dessen, der diese Dichtungen im Urtext zu lesen vermag, gegen den, der sich mit einer Uebersetzung begnügen muß, von der er selbst nicht sagen kann, ob sie zutreffend oder schlecht ist. Hier gilt's dem Hebel anzusetzen, den alten Schlendrian zu beseitigen und ganz neue Bahnen zu betreten. Die arge Vernachlässigung der hebräischen Sprache auch seitens der weiblichen Lehrpersonen giebt zu ernstem Bedenken Veranlassung. Soll dem Religionsnntericht der Platz eingeräumt werden, den er als Cent rum all'er Unterrichtsfächer, gleichsam als die Sonne, von dem alle belebenden Strahlen ansgehen, verdient, so muß sein Umfang eher erweitert denn vermindert werden. Daß das nicht die Ziele eines idealistischen Schwärmers sind, sondern vielmehr aller praktisch erfahrenen Schulmänner, wird mir unbeanstandet Jedermann einräumen. der es mit dem Erziehungsgeschäft im Allgemeinen und der religiösen Erziehung unserer Jugend iin Besonderen ernst nimmt. Soll aber dieser Forderung voll und ganz Genüge gethan werden, so muß eine Institution geschaffen werden, welche hierfür die Möglichkeit bietet. Und das kann nur ein jüdisches Lehrerinnenseminar sein. Brief aus Schweden. Sicht oft kommen Mittheilungen aus Schweden zu Ihnen, da die schwedischen Juden nicht gern von sich hören lassen. Ueberhaupt woüen sie nicht gern an ihr Judenthum erinnert werden. Und doch kann es ohne Zweifel von Interesse sein für das ganze Judenthum, daß die schwedischen Juden hier im Lande eine hervorragende Stellung einnehmen. So z. B. haben wir drei Senatoren, die eine hohe Stellung in der ersten Kammer des Reichstags einnehmen. Diese Herren sind Generalkonsul Fraenkel in Stockholm. Baudirettor und Ritter Philips ohn in Norrköping, dem ein Bischof als Gegenkandidat gegenübergestellt tuurbe, welcher bei der Senatorenwahl aber nur eine unbedeutende Anzahl der abgegebenen Stimmen erhielt, und der dritte ist der ausgezeichnete Jurist Dr. Philipp Lehman in Goteuburg. Diese drei Senatoren wurden auch, natürlich mit mehreren Notabilitäten, gewählt, die Sammlungen für das 25 jährige Regierungsjubiläum des Königs zu bewirken, um in König Oskars II. Namen einige Krankenhäuser für Lungenschwindsüchtige oder Tuberkulöse zu erbauen. Außerdem ist hier noch zu erwähnen der Rektor der Hochschule von Gotenburg, Professor Karl Marburg, wahrscheinlich der größte Kunstkritiker und Historiker in ganz Schweden. Ich erwähne ferner den Komponisten Walentin sowie auch einen der größten jetzt lebenden Dichter. Lew ert in. Nicht vergessen dürfte hier sein die hohe Stellung, die die beiden Rabbiner in Schweden einnehmen, nämlich Dr. Wolf in Gotenburg und Dr. Klein in Stockholm. Der Elftere hatte jüngst eine Audienz beim König, als derselbe aus Deutschland nach einer schweren Krankheit zurückkam. Herr Dr. Wolf überreichte dem König ein Huldigungsgedicht in hebräischer Sprache. Der Inhalt war inniger Dank für den Herrscher der Welt, der den König seinem Lande gesund wiedergegeben hatte. Der König zeigte bei dieser Gelegenheit, daß er eine Bibel in hebräischer Sprache mit einem Kommentar von französischen Gelehrten besitze, und erzählte, daß er dieselbe gern studire; auch Dr. Klein soll nun dem König, wie Sie ja wohl schon berichtet haben, Vorlesungen halten, und zwar über die Sekte der Effäer. Freilich ist auch unser allgemein beliebter König einer der gebildetsten und gelehrtesten Monarchen. Ich habe Ihnen hier nur einige Persönlichkeiten der schwedischen Judenschaft vorgestellt, aber es ist möglich, daß ich ein anderes Mal mehrere ausgezeichnete Männer, die auch noch Juden sind, vorführe. Ich kann aber nicht umhin, bei dieser Gelegenheit noch einer Persönlichkeit zu gedenken, die unserer Stadt Sundsvall angehört, nämlich des Bankdirektors Isidor Dehn, der am 20. v. Mts. sein 60 jähriges Jubiläum gefeiert hat. Obwohl in unserer Stadt verschiedene Konfessionen leben, ist auch nicht ein Bürger je so geehrt worden, als dieser. Sowohl die konservativen und liberalen als auch die radikalen Zeitungen haben in langen Artikeln voll Lob und Dank ihn. begrüßt. Ebenso feierten ihn mehrere Korporationen, und außerdem erhielt er eine kostbare goldene Uhr mit Kette von der Handelsbank, deren Direktor er ist, und die er zu einer der angesehensten Banken im Norden gemacht hat. Es ist aber nicht zu vergessen, daß Herr Dehn selbst bei Gedallje in Kopenhagen, bei Liepmann Rosenthal u. Co. in Amsterdam und zuletzt bei dem großen Finanzmann, Bankdirektor Dr. Edward Heckscher in Stockholm seine Vorbildung genossen hat. Er stammt von armen jüdischen Eltern, hat sich aber zu einer hohen Stellung emporgearbeitet. Herr Direktor Dehn erhielt auch ein herzliches Schreiben und die Photographie von dem Direktor der Finnländischen Nationalbank in Wasa, der zugleich Präsident der Finnländischen Bürgerschaft im Reichstage ist und vielleicht dabei dachte, daß die Juden, wenn sie auch in seinem Lande die Rechte genießen, sich gleichfalls auszeichnen würden. In Finnland ist es einem Inden nicht erlaubt, als Bankdirektor zu fungiren. — Daß die hiesigen Juden auf diesen Mitbürger stolz sind, versteht sich von selbst, obwohl er selbst leider verhindert ist, an den jüdischen Airgelegenheiten theilzunehmen, woran aber die hiesigen jüdischen Einwohner sehr viel Schuld haben, denn sie sind fast sümmtlich aus Polen und haben von der modernen Kultur nur wenig genossen. So verstanden sie auch nicht, die theilnehmende Hand, die er ihnen gereicht, anzunehmen. Trotzdem hat er sein jüdisches Herz sich bewahrt und ist ohne Unterschied der Konfession ein Wohlthäter ohne Gleichen. Es wäre lebhaft zu wünschen, daß alle Juden, die es zu hohen Stellungen in unserem Lande gebracht haben, dieses Beispiel nachahmen möchten. Doch darüber ein arideres Mal mehr und ausführlicher. M. N.