Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-02-12 · Heft 7 (12.2.1897) · p. Seite 75

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 7 (12.2.1897)
Date
1897-02-12
Page
Seite 75 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228202-3228210--53471-3267396
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

75 hauprung oder Verbreitung ehrenrühriger Thatsachen in Bezug auf den^ Gott, an den man nach den Grundsätzen seiner Religion glaubt, oder in Bezug auf die Religionsgesellschaft, der man angehört, oder ihre Einrichtungen oder Gebräuche gleich verletzend für das Gefühl der dadurch Betroffenen, gleich störend für die öffentliche Ordnung ist, mag die Aeußerung in gutem oder in schlechtem Glauben gefallen sein. Der Glaube an die Wahrheit der ehrenrührigen Thatsache seitens des Behauptenden nimmt der Behauptung nicht den Charakter der Beschimpfung." * Der erste und einzige jüdische Bürgermeister in Preußen war der kürzlich verstorbene Marcus Goldring in Jaro-tschin. Die Bestätigung seiner Wahl im Jahre 1870 hatte er, wie die „Volkszeitung" berichtet, hauptsächlich der Bemühung des damals sehreinflußreichen Pailrmeutariers Dr. Eduard Laster, in dessen Geburtsort er diesen höchsten Ehrenposten bekleidete, die Bestätigung bei der Wiederwahl 1882 jedoch der Verwendung des jetzigen deutschen Botschafters in Konstautinopel, Fürst Radolin, zu verdanken. Dieser, der damals Oberhofmarschall des Kronprinzen war, hatte, da seine Güter in unmittelbarer Nähe von Jarotschin liegen, Gelegenheit, Goldring als einen durchaus tüchtigen Mann, der sich ans kleinen Anfängen — er war ursprünglich Klempner — cmporgearbeitet hatte, kennen zu lernen, und seinem Einflüsse ist es zuzuschreiben, daß die Wiederwahl trotz der 1882 herrschenden starken antisemitischen Strömung bestätigt wurde. Die Beerdigungsfeier des im Alter von 77 Jahren Verstorbenen, der ein glaubenstreuer Jude und lange Jahre hindurch auch Vorsteher der dortigen jüdischen Gemeinde war, fand unter großer Betheiligung aller Konfessionen und Stände aus der Stadt und Umgegend statt. * Ueber die jüdische Bevölkerung und die Gemeinden, welche im Innern von Klein-Asien, in Armenien und Kurdistan und im Allgemeinen in der gesannuten asiatischen Türkei — - mit Ausnahme von Syrien und den Küstenprovinzen — verstreut sind, besitzt man nur unbestimmte und oft sich widersprechende Nachrichten. Man weiß indessen, daß in allen großen Centren dieser endlosen Flächen kleine Gemeinden bestehen, die zumeist arm, wie auch in ihrer geistigen Entwickelung sehr zurück fitib. Die Israeliten unterscheiden sich dort weder durch ihre Kleidung, ihre Züge, noch ihre Sitten von ihren mohamedanischen oder ihren christlichen Mitbürgern. Sie leben in Frieden mit beiden; davon konnte man sich überzeugen zur Zeit der Unruhen in jenen Gegenden. Sie hatten unter den Folgen der Krisis, die das Land in Aufruhr gebracht, zu leiden, indessen waren ihr Leben und ihre Sicherheit — mit geringen Ausnahmen — nienmls bedroht, und ihre korrekte Haltung inmitten der entfesselten Leidenschaften hatte ihnen das Wohlwollen beider Parteien eingebracht. Indessen hat das Elend mehrere Gruppen von Israeliten gezwungen, sich nach Palästina zu wenden uitd dort einen Broderwerb zu suchen. Ein Korrespondent aus Jerusalem schreibt darüber an das Central-Kontitee der Alliance Isra&ite Universelle Gegen Mitte Oktober erschienen in unserer Stadt etwa 10 jüdischchaldäische Familien, die aus Orfa stammen, dem ehemaligen Edesse, auf hebräisch Ui- Chasdim, wohin die Sage Abrahams Wiege setzt. Wir find daran gewöhnt, Gruppen von Israeliten (stets arm) aus Rußland, Rumänien, Algier, Bagdad, dem Jemen re. nach dem geheiligten Lande zuströmen zu sehen. So sehr dieselben meist schwächlich, blutarm, dürftig zu sein pflegen, so sehr überraschten uns diejenigen aus Orfa durch die Schönheit ihres Typus; die Männer groß, stark, stattlich, die Frauen weiß, mit regelmäßigen Zügen, einige sogar schön. Ich frug sie, warum sie ihre Heimath verlassen. „Wir fühlten uns dort sehr wohl", sagten sie, „wir bebauten sehr fruchtbare, Mohamedanern gehörige Grundstücke. Wir gaben dem Besitzer 1(8, dem Fiskus ein zweites Achtel ab. Aber seit den armenischen Unruhen haben wir alle Ruhe verloren; die Mohamedaner sind sehr reizbar geworden, und während der Aufstände hat man uns oft mit den Armeniern verwechselt. So ist Einem von uns eine Tochter, dem Anderen eine Schwester oder ein Sohn hingeschlachtet worden; kurz, wir sehen uns genöthigt, uns zu entfernen und hier eine Unterkunft zu suchen. Wir wollen arbeiten. In unserer Heimath giebt es keine Armen, alle arbeiten. Inzwischen bat ich einen Verein junger Leute, „Bne Israel“, eine Kollekte zu Gunsten der braven Leute zu veranstalten, um ihnen Unterkunft, etwas Mehl, Reis, Oel re. zu beschaffen. Da es augenblicklich an Arbeit mangelt, kaufte ich ihnen Wasserbehälter, und sie verkauften Wasser. Ich stellte sie bei uns an und verwendete sie zu allen möglichen Verrichtungen, sogar als Grubenausräumer. Aber wie gesagt, es fehlt an Arbeit, und wir sind gezwungen, ihnen beizustehen. Da die Lokalbehörden infolge der von S. M. dem Sultan eingeführten Reformen bestimmt haben, 10 Gendarmen unter den Israeliten zu wählen, so sucht der Gendarmeriehauptmann sie heranzuziehen; indessen haben sie dies, des Sabbaths wegen, ausgeschlagen. Sie würden gewißlich tüchtige Ackerbauer, und man würde ein gutes Werk vollbringen, wollte man' ihnen Boden zur Bebauung geben. Sie haben wenig Bedürfnisse, sind energisch und kräftig. * Ost kamen in letzter Zeit Nachrichten über die traurige Lage, in welcher sich die Inden Persiens befinden, nqmentlich diejenigen, welche die von der Hauptstadt entfernten Gegenden bewohnen; insbesondere betroffen sind die Inden von Kirmandchah, die von Seiten des Stadtgouverneurs und der Mollahs (schiitischen Priester) sehr verfolgt und gequält werden. Hier eine neue Mittheilung, die sie am 16. September au das Central-Komitee der Alliance richteten: Wir haben die Ehre, Sie davon in Kenntniß zu setzen, daß unser Unglück zu groß geworden, als daß wir es länger zu tragen vermöchten. Wir sind verlassen inmitten einer fanatischen Bevölkerung, die uns erdrückt. Vor drei Jahren stahlen uns unsere Feinde etwa 9000 Frs. Vor Angst gingen fünf bis sechs Familien zum Islam über. Seitdem nehmen die Konvertirungen ihren Fortgang. Diese Konvertirungen erhöhen nur die Feindschaft der Mohamedaner uns gegenüber; denn unsere ehemaligen Glaubensgenossen, um uns zu veranlassen, ihrem Beispiel zu folgen, erhöhen das Maß unseres Elends. Sie verklagen uns bei den Gouverneuren und Geistlichen, die, um das Geld zu erpressen, uns grausam schlagen oder uns in Eisen legen und ins Gefängniß werfen. Um uns diesen Mißhandlungen zu entziehen, sind wir gezwungen, entweder unseren Glauben abzuschwören, oder ein hohes Lösegeld zu bezahlen, das Viele unter uns nur aufbringen können, wenn sie ihre Möbel verkaufen. Jeder Tag sieht unser Elend und unsere Leiden wachsen. Die Behörden, von denen die Geistlichkeit sehr gefürchtet wird, haben niemals den zahlreichen Bitten, die wir an sie gerichtet. Gehör geschenkt. Uebrigens verhindern es zwei höhere Beamte, daß unsere Klagen bis zum Gouverneur dringen. Wenn ein Jude stirbt und er einen Verwandten Hai, sei es auch im vierten Glied, der Muselmann geworden, so erbt dieser Abtrünnige die gesammte Hinterlassenschaft. Wenn der Jude eine zahlreiche Familie hinterläßt, so hat dieselbe keinen Anspruch auf die Erbschaft. So haben es die hohen Geistlichen beschlossen, um den Uebertritt der gesammten Familie zu veranlassen. Das Central-Komitee hat das Ministerium des Aeußerli ersucht, den unglücklichen Bevölkerungen zu Kirmanchah seinen Schutz angedeiheu zu lassen. Dasselbe hat außerdem ein Gesuch au den Minister gerichtet, in dem es heißt: „Wir hatten schon Gelegenheit, den wohlwollenden Einfluß der französischen Regierung zu Gunsten der Israeliten Persiens in Anspruch zu nehmen, und der Vertreter Frankreichs beim Schah wurde stets zu den Beschützern unserer persischen Glaubensbrüder gerechnet. Wir bitten Sie darum, Herr Minister, Se. persische Majestät darum ersuchen zu lassen, daß der zu Gunsten der Juden von Teheran erlassene Firma»

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.