Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1897)
- Date
- 1897-02-05
- Page
- Seite 72 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Ob wir zur Kirche, zu dem Tempel wallen — Als Gottes Kinder fühlen wir uns hier! — Ein gleich Empfinden herrschet in uns allen. Und Gotterkenntniß heißet das Panier. Derselbe Wunsch dringt aus den heil'gen Hallen, Für Reich und Kaiser flehen innig wir! Die Gläubigen umschließt dasselbe Band Der. Treue für ihr deutsches Vaterland. Ein hehres Zeichen hohen reinen Strebens Sei uns der Tempel, den wir heut geweiht, Daß in dem harten wilden Kampf des Lebens Für edle Ziele Edle noch bereit! Doch ihre Opfer, sie find nicht vergebens — Ein Denkmal wird er sein für alle Zeit, Wird einstens künden, daß in unfern Tagen, In unsrer Stadt manch warmes Herz geschlagen! Und wenn das Dankgebet der gläub'gen Menge Im neuen Tempel sich gen Himmel schwingt. Der Widerhall inbrünstiger Gesänge Empor zu jenen höhern Welten dringt, — Dann werdet hören ihr die heil'gen Klänge, Die Harmonien, die uns das Weltall singt. „Es ist die Liebe, die die Welt regieret. Die Bruderliebe, die zu Gott uns führet." Rahel Apfel-Köln. Sprertzsaat. Sehr geehrter Herr Redakteur! er Aufsatz des Herrn Oberkantors Birnbaum über Schuberts synagogale Komposition ruft in mir das Gedenken wach, daß auch Conradin Kreutzer einst ein Tonstück für die Synagoge schrieb. Das kam so: Ein Schüler Spohrs, Julius Eichberg, der Sohn des damal. Kantors Eichberg in Düsseldorf, später Musikdirektor irgendwo in Amerika, ersuchte Kreutzer einst, auch einmal etwas für die Synagoge zu schreiben. Kreutzer willfahrte und komponirte einen Lecho-daudi. Eichberg hatte verwandtschaftliche Beziehungen zu dem damal. Kantor Bacharach in Heidingsfeld bei Würzburg, so kam es, daß die Komposition Kreutzers, freilich als alljährlich am PHirUUUaKÜ in der Synagoge zu Heidingsfeld mehrstimmig gesungen wurde. Ich sang z. Z. den Sopran. Die musikverständigen Zuhörer von damals find heute zum größten Theil nicht mehr unter den Lebenden, und so kann ich wohl mit Bestimmtheit behaupten, daß außer meinem Vater und mir die Melodie der äußerst wirkungsvollen IHro-daudi-Komposition Kreutzers nur noch sehr Wenigen bekannt sein dürfte. Vor mehreren Jahren nun wandte ich mich an Eichberg, dessen Adresse in Amerika ich erkundet hatte, ihn bittend, mir die Genesis des. Tonstücks zu bestätigen, auf Grund dessen ich es als unbekannte Komposition C. Kreutzers zu veröffentlichen gedachte. Ich erhielt jedoch leider keine Antwort. Ob Eichberg heute noch lebt, ist mir nicht bekannt. Hochachtungsvoll Hamburg, im Januar. S. Goldschmidt. ' * Geehrter Herr Redakteur! neuester Zeit ist über das Thema „Die Juden als Soldaten und <S> Vaterlandsvertheidiger" viel hin- und hergeschrieben worden. Während Beweise erbracht werden, daß die Juden in den Kriegen dieses Jahrhunderts voll und ganz ihre Schuldigkeit gethan haben, bestreiten die Antisemiten diese Behauptung. Ist es da nicht angebracht, 'mal ein paar Blätter aus der Geschichte aufzuschlagen,, um aus der Vergangenheit authentische Nachrichten zu reproduziren, wie sich die Juden als Vaterlandsvertheidiger benommen und wie im gleichen Falle sich ihre jetzigen Gegner, die Junker des 19. Jahrhunderts, gezeigt haben? Wir finden da in Webers Geschichte des römischen Kaiserreichs auf Seite 240 folgende lehrreiche Episode aus den letzten Kämpfen der ihr Vaterland vertheidigenden Juden gegen die Römer unter Titus Flavins Bespasianus: „Mit der Zerstörung Jerusalems war indeß die Eroberung Palästinas nicht beendet. Noch standen die beiden Festungen Machärus auf der Ostseite und Massada im Südwesten des todten Meeres in ungebrochener Kraft da, vertheidigt von den entschlossensten Streitern, die sich dahin geflüchtet hatten. Erst im dritten Jahre gelang es den zurückgebliebenen römischen Legionen, die letzten Zuckungen des großen Krieges zu ersticken." „Der letzte Kampf entbrannte um die hochgelegene Felsenstadt Massada, welche der kühne Eleazar mit den entschlossensten Männern besetzt hatte. Als die ringsum eingeschlossene und durch Brand und Stürme erschütterte Bergfeste trotz der wunderbarsten Gegenwehr der kühnen Männer endlich ihrem Falle nahe war, verbrannte die Besatzung alle ihre Schätze und gab den Weibern, Kindern und sich selbst den Tod! Als die Römer am nächsten Tage einzogen, fanden sie 960 Leichen und eine Brandstätte!" So die vielgeschmähten Juden als Vaterlandsvertheidiger! Und wie vertheidigten anno 1806 die adligen Herren im preußischen Heere ihr Vaterland gegen die Legionen Napoleons? Darüber schreibt ein anderer deutscher Geschichtsschreiber wörtlich wie folgt (v. Schlosser, Band 15, Fol. 400,401): „Die hochmüthigen adligen Herren im preußischen Heere benahmen sich nicht besser, als sie stets zu thun pflegen, wenn es blos das Recht, das Vaterland und die Freiheit gilt. Sie übergaben, um sich und ihre Güter zu retten, die ihnen anvertrauten Festungen auf schimpfliche Weise dem Feinde. Vor Allen zeichneten sich Romberg, Ingersleben und Kleist durch Feigheit und Niederträchtigkeit aus. Der 81jährige General Romberg übergab am 29. Oktober das befestigte Stettin einem von Murat vorausgeschickten Korps leichter Kavallerie auf die erste Aufforderung, obgleich die Stadt 6000 Mann Besatzung, 150 Kanonen und genügende Vorräthe hatte. Napoleon, selbst gerieth über die Feigheit des Kommandanten von Stettin so sehr in Verwunderung, daß er seinem Schwager spottend schrieb, er werde am Ende noch sein schweres Geschütz einschmelzen lassen müssen, da man in Preußen Festungen mit Husaren erobern könne." „Drei Tage nach dem Falle von Stettin übergab Ingersleben das ebenfalls im besten Vertheidigungszustande befindliche und noch dazu durch Moräste geschützte Küstrin einem feindlichen General, welcher nicht einmal Schiffe hatte, um über die Oder zu fetzen. Der adlige Herr Kommandant schickte den Franzosen seine eigenen Schiffe, um sie zum Einzuge in die Festung herüberzuholen. Magdeburg, die Hauptsestung des preußischen Reiches, deren Kommandant Kleist war, hatte nahe an 4000 Mann Besatzung, 800 Kanonen und Lebensmittel für mehrere Monate; nichtsdestoweniger öffnete Kleist am 8. November die Thore der Stadt dem Marschall Ney, welcher nicht halb so viel Truppen und durchaus kein Material zur Belagerung einer solchen Festung hatte. Auf ebenso unbegreifliche Weise kapitulirten die Befehlshaber anderer Festungen." Sind auch heute die Juden nicht mehr in Palästina, sondern in alle Welt zerstreut, sie lieben ihr Vaterland damals wie heute und werden es an der Seite ihrer Mitbürger christlichen Glaubens mit vertheidigen helfen, wenn es wieder darauf ankommen sollte. I. C., Veteran von 1870/71. * Geehrter Herr Redakteur! Mn einer der letzten Nummern Ihres Blattes bringen Sie die Notiz, <3*5 daß klerikale Blätter in Belgien die Nachricht von dem Uebertritt des Senators Montefiore-Levi und seiner Gattin zur katholischen Religion triumphirend mittheilen. Diese Nachricht ist vollkommen unbegründet, und ich bitte Sie, dieselbe in der nächsten Nummer entschieden zu dementiren. Mit vorzüglicher Hochachtung Brüssel, 27. Januar. Salvador Lävi. , Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.