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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-02-05 · Heft 6 (5.2.1897) · p. Seite 71

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 6 (5.2.1897)
Date
1897-02-05
Page
Seite 71 (sequence 11)
Language
German
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lieber Awroms Mmidwinkel fuhr ein schmerzliches . Zucken. „Ja, es sind jetzt 'andere Zeiten," sagte er verlegen, „wie mein Vater immer zu sagen pflegt. Meine gute Mutter pflegte über Kopfreißen zu klagen; Migräne stand in ihrem Lexikon nicht. Dann verband sie sich den Kopf mit dicken Tüchern und konnte dabei den ganzen Tag Wäsche waschen oder, wie gewöhnlich, vor Tags aufstehen, um dem Vater rechtzeitig den Kaffee reichen zu können, memt. er von seinem Wachdienst nach Hause kam. Auch meine selige Frau hat trotz ihrer Kränklichkeit keine Migräne gekannt. Wir sind aber ein weicheres Geschlecht. Ich sehe es an mir selbst." Awrom machte eine Pause und wandte das Gesicht nach einem Fenster,, als hätte ein Vorgang auf der Straße plötzlich seine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. „Wie lange bist Du verheirathet?" fragte der Doktor. „Vier Jahre," sagte Awrom tonlos. „Hast Du Kinder?" Awrom schüttelte stumm den Kopf. Eine neue Pause trat ein, die der Doktor endlich mit der Bemerkung unterbrach: „Du wolltest also sagen, wenn ich Dich recht verstehe : Ein Mann wie ich, der Sohn eines reichen Vaters, für den der Alte die Studienkosten bezahlte, der so viel Taschengeld erhielt, als er brauchte, der bei Eröffnung seiner Praxis sich ohne Schulden etabliren konnte, hat gar nicht das Recht, über Armuth zu sprechen." „Aufrichtig gestanden," sagte Awrom lachend, „das war meine Meinung, wenn ich sie auch nicht so-hart ausgedrückt hatte." „Da thttst Du mir Unrecht, lieber. Freund," erwiederte der Doktor ernst. „In meinem Berufe lernt man kennen, was Armuth ist. Ich tadle Eure Armen nicht, aber ich verurtheile die Art und Weise, wie Ihr die Armen züchtet, verstehe mich. Ihr von amtswegen, ihr Leiter, Führer und Berather der Gemeinden." „Wir wären sehr dankbar," sagte Awrom mit erzwungenem Lächeln, „wenn Jemand, uns den richtigen Weg zur . Lösung dieses Problems weisen wollte. Wenn wir den Armen nicht Hungers sterben lassen wollen, müssen wir ihm doch durch Gaben zu Hilfe kommen." „Zugegeben!" bemerkte der Doktor, ,,obwohl das noch sehr die Frage ist, denn ich bin der Meinung, daß es nöthig ist, aus Wohlthätigkeit wieder Gerechtigkeit zu machen, wie der jüdische Sprachgebrauch aus Gerechtigkeit Wohlthätigkeit gemacht hat. Was ich tadle, ist, daß Ihr mit den Geschäften, die Ihr den Armen gebet, mit dem Kaddischsagen, Grüberbesuch u. s. w., u. s. w. in dem Armen das Gefühl erweckt, als habe er etwas geleistet, was ihn zu einem Anspruch an die Gesellschaft berechtigt. Dadurch raubt ihr ihm systematisch jedes Ehrgefühl; Ihr verhindert ihn, zum Bewußtsein seiner Lage zu kommen und auch nur den Versuch zu wagen, sich aus ihr emporzureißen." V „Findest Du e's nicht zartsinnig?" fragte Awrom mit uugeheucheltem Erstaunen, „daß wir dem Armen das beschämende Gefühl ersparen wollen, der Beschenkte zu sein?" „Durchaus nicht," lautete die entschiedene Antworj. „Der arme. Mann soll wissen,, daß er beschenkt wird. Er bietet der Gesellschaft seine Dienste, an und die Gesellschaft weist sie zurück, darum muß sie den Mann so lange vor dem Hungertode bewahren, bis sie seine Dienste zu verwenden weiß." „Das klingt ja sehr sozialistisch, lieber Doktor," fuhr eine fremde, affektirte Stimme dazwischen, „Sie sind ja der reine Proudhon oder Karl Marx." (Fortsetzung folgt.) Prolog prr Ern weihung der SynagogeKarmen. s-dränget sich die Menge in den Gaffen — <£&§ Ein hastig Jagen ist's ohn' Ruh und Rast — Der Kampf ums Dasein treibt die Menschenmassen Zur Arbeit, zum Gewinn in steter Hast; Die Nächstenliebe irret durch die Straßen — Wer denket ihrer bei der Arbeit Last? — Die Lieb' zum Molde nur beherrscht die Menge, Und ihr erschallen frohe Lobgesänge! Was seit Jahrtausenden die Welt beglückte. Was manch'begeistert Dichterherze sang, Agas allen ird'schen Sorgen uns entrückte, Das Herz erfüllt mit sehnsuchtsvollem Drang, Was Judas König himmelhoch entzückte, .: Daß laut sein hehres Psalterlied erklang, — — Ist es geschwunden ganz von unsrer Erden? , Kann's nimmer uns zum Trost, zum Segen werden? Es hielt versteckt sich, es ist nicht geschwunden. Das Ideal, das unsrer Ahnen Hort! Hat eine Heimath wiederum gefunden, Zieht nicht mehr ruhelos von Ort zu Ort. Noch giebt es Seelen, die nach Weihestunden Sich sehnen, nach der Andacht heilg'em Wort, Die nach des Tages Last, des Tages Mühen, Dem irdischen Getriebe gern entfliehen! Als Israel einst-irrte durch die Wüste, Die Bundeslade gab ihm sichern Halt, Ihr Anblick bannte Leidenschaft und Lüste, Befestigte des' Glaubens Allgewalt; Als Salomo befahl, daß es sich rüste Zum Tempelbau hinströmte Jung und Alt, Erfüllte sreud'gen Herzens heil'ge Pflichten, Dem Ew'gen einen Tempel zu errichten. Es ist der gleiche Trang, der uns beseelet. Ein neues Gotteshaus hier zu erbau'n. Daß beim Gebete unser Herz sich stählet. Erhebet sich in inn'gem Gottoertrau'n; . Mit Idealem sich der Geist vermählet. Und eine neue Zukunft wir erschau'n, Wo harten Lebenskampfes wild Getriebe Gebändigt wird durch Gott und Nächstenliebe! Wie kommt es, daß Jahrtausende vergingen Und.unser Stamm in alter Kraft besteht? Nationen kamen und Nationen gingen — Doch wir bestehen fest und unentwegt!? Was ließ der Völker Schicksal uns bezwingen? Was hat in uns stets neue Kraft erregt? „Wir ließen uns den starken, festen Glauben, -Den. hehren Gottgedanken niemals rauben!" Wenn der Verfolgung Qualen uns bedrohten. Nicht enden wollte unsres Stammes Leid, Wenn blut'gen Haffes Feuerbrände lohten. Den Scheiterhaufen schürte grimmer Neid, — Wenn uns aufs Blut gepeinigt die verrohten Berthierten Haufen der vergangnen Zeit — Wir standen fest trotz der Verfolgung Grauen, Denn uns erfüllte inn'ges Gottoer trauen! Und wenn des Mittelalters gift'ge Pflanze — Der Glaubenshaß noch immer Wurzel schlägt — Ein böser Wind in wildem Wirbeltanze Den gift'gen Samen immer weiter trägt — Ist Gottvertrauen unsre starke Schanze, Die schützend ihre Mauer um uns legt, - Uns hoffen läßt, daß wahre Menschenliebe Einst sieget ob des Haffes wild Getriebe.

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