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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-02-05 · Heft 6 (5.2.1897) · p. Seite 70

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 6 (5.2.1897)
Date
1897-02-05
Page
Seite 70 (sequence 10)
Language
German
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ich die alte Klosterruine mit den dazu gehörigen Grundstücken für drei Jahre pachte, mit dem Rechte, sie innerhalb dieser Zeit zu einem vereinbarten Preise zu kaufen." . ' „Um nach den Kostbarkeiten zu graben," fiel der Doktor ein, „welche die ehrwürdigen Klosterfrauen in ihrer Augst vor den Schweden vergraben haben?" „Nicht so ganz," war die Antwort, „es handelt sich um Schätze, von denen die Nonnen keine Ahnung hatten. Kurz, ich will eine Zuckerfabrik bauen." „Hör' einmal, Abraham," rief der Doktor aus, indem er von seinem Stuhle aufsprang. „Ich habe Respekt vor Dir. Du kannst Reichthümer aus der Erde stampfen, Dir wachsen Millionen auf der flachen Hand. Du bist ein kaufmännischer Napoleon. Dein Platz ist garnicht hier in diesem philisterhaften Erdenwinkel, Du gehörst nach Süd-Afrika oder zum mindesten nach Kalifornien. Du verdienst Ermuthigung." ( Der Doktor machte eine Pause, preßte seine Cigarre krampfhaft zwischen die Lippen und stieß dann den Rauch in kunstvollen Ringen in die Luft. „Darf man fragen, woher das Kapital zu diesem Unternehmen kommen soll?" sagte er nach einer Weile. „Das ist meine Hauptsorge," erwiederte der Angeredete. „Kleine Ersparnisse habe ich wohl selber bis zum Betrage von fünfzigtausend, und für den gleichen Betrag will die gräfliche Gutsverwaltung Aktien zeichnen. Dann rechne ich auf etwa hunderttausend aus der bäuerlichen Bevölkerung, wozu mir der Einfluß des Pfarrers Weber von Miklau helfen soll." „Ja, der gehört noch zur alten Schule," fiel der Doktor ein, „die hat noch humane Prinzipien, wie mein braver alter Pfarrer in Fabiansberg. Die jüngere Kaplanokratie wird nicht mehr ein Unternehmen-unterstützen, das von einem Juden geleitet ist." „Der alte Herr," bemerkte Awrom, „weiß, wie sehr mein. Projekt der Landwirthschaft nützen wird. Dann ist er mir speziell ein guter Freund. Ich habe auch ihm zu liebe die Jmkerzeitung abonnirt," setzte er lächelnd dazu. „Und weiter?" fragte der Doktor. . „Weiter," lautete die Antwort, „brauche ich noch, was zu einer halben Million fehlt." Der Doktor nahm eine neue Cigarre aus seiner Cigarrentasche und steckte sic an dem Stummel, den er bis dahin im Munde gehalten Hatte, in Brand,, er balancirte sie eine Weile auf und abwärts zwischen den Zähnen, und mit einem Male den Rauch ans den aufgeblasenen Backen hervorstoßend, sagte er: „Na, kleine Ersparnisse habe ich selber, sagen wir, zum Betrage von fünfzigtanseud, die ich in einem industriellen Unternehmen investiren möchte." „Das ist ein Vertrauen," sagte Awrom mit ungeheucheltem Erstaunen, „mit dessen Besitz ich mir nicht geschmeichelt hätte." „Na, ich glaube an Fortunätus' Seckel," meinte der Doktor lachend. „Du gehörst offenbar zu Jenen, denen die Gnade verliehen ist, durch einmaliges Umwenden des Thalers aus eins zwei' zu machen. Dann ist das schöne Wort „Heimath", dort laufen doch unsere mächtigsten Gefühle zusammen." Der Doktor preßte wieder die Lippen fest auf einander und blies mächtige Rauchwolken -gegen, die Decke, ohne ein Wort zu sprechen/ Auch sein Freund saß. ihm schweigend, gegenüber. Der Kellner kam mit einem Zeitungsblatt an ihn heran. „Das Abendblatt gefällig, Herr Kreisphysikus?" Der Doktor ballte die Faust, riß die Augen auf und machte eine Geberde, als wollte er vom Stuhle aufspringen, , um den kleinen Jungen an der Kehle zu packen. „Unglücksmensch?" rief er nnit verstelltem Zorn, „glaubst Du, daß ich auf meine alten Tage lesen lernen soll?" Der kleine Junge sprang mit erheucheltem Schrecken einem - Schritt zurück.- „Entschuldigen der Herr Kreisphysikus, aber ich dachte, der Herr Kr.eisphysikus können lesen."- „Danke für Deine gute Meinung , Franz," jagte der Doktorindem er einige Kupfermünzen aus der Westentasche nahm mud sie dem Kleinen in die Hand drückte: „aber sieh' mal an," sagte er, nach einein Billardtische deutend, um welchen mehrere Herren herumstanden, sage dem Herrn Doktor Dörfler, wenn er seine Partie beendigt hat, möchte ich ihn,gerne auf einige Augenblicke sehen. Ziehe ihn aber nicht auf, wie Du mich aufgezogen hast, der wird's nicht so leicht hinnehmen wie ich." „Danke höflichst, danke ganz ergebenst, Herr Kreisphysikus!" rief der Kleine, sich mehrere Male rasch nach einander verbeugend, „werd's bestellen!" - Der Doktor versank wieder in sein träumendes Sinnen, mit Daumen und Zeigefinger die Zipfel seines Schnurrbartes kräuselnd, wobei er abwechselnd zur Decke hinauf und auf die Dielen hinabschaute. „Heimath, Heimath," sagte er endlich, ich wollte in hem alten Nest nicht begraben sein, geschweige dort leben, aber es ist doch der einzige Erdenwinkel, für den ich wirkliches Jntereffe habe." ,IIie mihi ante omnes terrae angulus, riäet,“ setzte er, zu sich gewendet, fort. „Es freut mich, dcks zu hören," bemerkte Awrom, „Du stehst bei uns in dem Rufe, uns absichtlich zu meiden." „Kann mir das lebhaft vorstellen," erwiederte der Doktor, „daß ich die öffentliche Meinung der Khilla beleidigt habe. Aber nimm' mir das als Oberhaupt der Gemeinde nicht übel. Ich kann nicht zu Euch herauskommen. Erstens erinnert mich die . alte Ghetto- Anlage an die traurigen Zeiten, wo die Regierung es sich zur Aufgabe stellte, die Juden zu demoralisiren. - Das wäre freilich eine Quelle der Befriedigung, wenn die Prinzipien schon ausgestorben wären, die einer solchen Politik zu Grunde lagen, aber das ist leider nicht der Fall, und wenn ich heute das väterliche Haus sehe, ist es mir, als. wollte mau mich wieder dort hinaus verweisen und ,Mir die Praxis in christlichen Häusern untersagen und mich zum Oberamtmann betteln schicken, wenn ich heirathen wollte,, u. s. w., u. s. w.-, u. s. w." Der Doktor trommelte unruhig mit den Fingern auf der Marmorplatte des Tisches herum und schwieg eine Weile. „Nimm mir's wieder nicht übel, Freund Kultusvorsteher," fuhr er fort, „Ihr wöget es als Stolz, als „Rischuß" oder als Gott weiß was ansehen, aber ich kann Eure Gemeinde nicht leiden. In den guten alten Zeiten gab es noch Intelligenz, Charakter/und Arbeitsamkeit; heute habet Ihr nur die dümmste und faulste Bettlerbande draußen behalten, und Eure Armenversorgung, das ist ja die reinste Trainirungsanstalt für Professionsbettler." „Ich möchte doch die Bitte umkehreu," fiel Awrom ein, „und Dich ersuchen, mir es nicht übel zu nehmen, wenn ich mir die Bemerkung erlaube, daß Du zu hart. über uns urtheilst. Du warst . niemals in der Lage, Armuth aus eigener Erfahrung kennen zu lernen. Du weißt eben nicht, wie sehr die Energie und der Unternehmungsgeist des Menschen leiden, wenn er bei jedem Schritte, den er aus seinem Elend heraus machen will, sich von unübersteigbaren Schranken umgeben sieht. Wahrscheinlich sagst Du auch zu Deinen weiblichen Patienten, wenn sie über Migräne klagen, wie unser Arzt in solchem Falle zu meiner Frau sagt: Sie müssen ein wenig Selbstüberwindung haben; ja, aber das ift's gerade, woran es fehlt." „Hm, hm," sagte der Doktor, ihm fest ins Gesicht sehend, „hat Deine Frau auch solche Zustände?"

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