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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-02-05 · Heft 6 (5.2.1897) · p. Seite 66

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 6 (5.2.1897)
Date
1897-02-05
Page
Seite 66 (sequence 6)
Language
German
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endlich, ohne tiefer zur Geltung gekommen zu sein, mit der Wiederholung des Wortes „l’ölom, l’ölom" schließt. Dieser Schluß ist aber nach jüdisch-liturgischen Begriffen ganz unkirchlich, da damit der Name Gottes „Adonaj" geradezu unterdrückt wird. Nach der strengen Auffassung der jüdischen Liturgik dürfte dieser Vers, des Gottesnamens wegen, überhaupt nicht wiederholt werden. Und in der That findet man ihn in der ganzen synagogalmusikalischen Litteratur nirgends wiederholt. Die Komposition Schuberts ist als Psalmkomposition im christlichen oder vielmehr katho.lischeu Kirchenstil ganz schön empfunden und angelegt; aber dadurch, daß sie sich nicht den Gepflogenheiten der Synagoge anschmiegen will, mußte sie ihr fremd bleiben— sie wird und wurde selbst in Wien fast gar nicht gesungen. Schubert wird sich darum wenig gekümmert haben. Kümmerte er sich doch selbst nicht um das Schicksal seiner größeren Werke, deren Erstaufführungen er gar nicht beizuwohnen pflegte. Aber der Umstand, daß Sulzer von seiner persönlichen Bekanntschaft mit Schubert nur wenig zu erzählen wußte, und daß Nottebohm die Gemeinde Wien als Besitzerin des Autographs dieses interessanten Psalms nennt, war mir Veranlassung genug, nicht allein die Geschichte dieser Komposition, sondern auch die Geschichte des musikalischen Gottesdienstes der Wiener Kultusgemeinde in der Zeit vor der Berufung Sulzers (Dezember 1825) zu verfolgen. Und da fand ich, daß vor hundert Jahren die Zustände in Wien wahrhaftig herzerquickend und erfreuend gewesen sein müssen. Zu jener Zeit konnte Mozart bei dem jüdischen Baron v. Wezlar wohnen und musiziren, ohne zu befürchten, hierdurch die Popularität seiner Künstlerschaft in Frage zu stellen; ein Beethoven durfte mit den Judentöchtern Lewinger und Auspitz in freundschaftlichem Verkehr stehen, die als dankbare Schülerinnen des großen Meisters ihre Treue zu ihm noch dadurch bethätigen durften, daß sie ihn in seinen letzten Tagen in Meidling bei Wien pflegten. Auch genirte es den großen Beethoven nicht, ein Gedicht eines „Jeitteles" in Musik zu setzen. Vater Mozart (Leopold) versuchte sich höchstens in Bekehrungskünsten an bem jüdischen Cellisten Sipruntini in London; ob sie ihm aber gelangen, steht noch dahin. Und zur Zeit des ersten Auftretens von Moscheles und des Knaben Meyerbeer in Wien dachte kein Mensch daran, ihre Konfession als Hindernitz aufzufassen und zu belächeln. Bei der mühevollen Aufsuchung jüdischer Quellen über die Vorgeschichte Sulzers, des anerkannten Regenerators des Synagogengesanges, wurde ich schließlich auf so manche Quellenschrift gewiesen, die im Dunkel des Wiener Gemeindearchivs vergraben liegen nwg. von dem schon G. Wolf, der verdienstvolle Verfasser der „Geschichte der Juden in Wien von 1156 bis 1876" klagt, daß man die Aktenstücke aus älterer Zeit kaum ansfinden könne. „Theils wurden sie verschleppt, theils legte man keinen Werth auf dieselben (wie dies auch in anderen Archiven der Fall war)." - „In neuester Zeit," fügt er hinzu, „wird für die Integrität des vorhandenen Materials Sorge getragen. Dasselbe ist -chronologisch geordnet." (a. a. O. S. 220 Amn. 1.) Da manche bewerkstelligte Nachforschungen ergebnißlos blieben, mußte ich mich auf zugänglichere Quellen beschränken. Und da fand ich vorerst in dem hebräischen Jahrbuch „Bjkkure haittiai“, Jahrgang 1823, Seite 188 eine „Darstellung" der Entstehungsgeschichte der Wiener israelitischen Kultusgemeiude, die den bereits erwähnten Aktuar Joseph Veit zum Verfasser hat und die lvohl verdiente, einmal in einer deutschen Zeitschrift vollständig abgedruckt zu werden. *) x) G. Wolf a. a. O., S. 125, Anm. 1 u. S. 150 weist auf diesen Aufsatz hin. Ihm verdanke ich auch die Aufklärung der Chiffre - — „Nicht minder," erzählt er, „war allhier der Mangel einer israelit schen Andachtsanstalt fühlbar. Denn da alle Religionsübung nur besteht in der unmittelbaren Beziehung sowohl unseres Thuns und Lassens, als unserer Gedanken und Betrachtungen auf Gott, als den Unendlichen, Einzigen, den Schöpfer des Universums, den Vater und Erhalter aller Wesen, so ist diese Religionsübung nie als vollständig zu denken ohne den einen ihrer Haupttheile: das Gebet, wo der Mensch, abgeschieden von allem Irdischen und Vergänglichen, das Herz zu seinem Schöpfer erhebt, dessen Eigenschaften betrachtet und von diesen Betrachtungen zum bewundernden Lobe und zur innigen Anbetung hingerissen wird, wo er ihm für empfangene Wohlthaten danket oder in Noth und Verlegenheit ihn um Beistand und Hilfe anfleht, wo er seinen früheren Lebenswandel überdenkt, begangene Fehler bereuet und gute Vorsätze für die Zukunft fasset. — So wie alle Nationen, haben auch die Bekenner der mosaischen Religion — als der Urquelle aller Erkenntniß und Anbetung des einen und ewigen Gottes — überall, wo ihre Verhältnisse es zuließen, diesen Andachtsübungen besondere, des erhabenen Zweckes würdige öffentliche Gebäude geweihet. —" „Die hier in der k. k. Haupt- und Residenzstadt Wien wohnenden .Israeliten hatten durch viele Jahre keinen zu dergleichen andächtigen Versammlungen gehörig geeigneten öffentlichen Ort. — Ein in dem „beim weißen Stern" genannten Hause gemiethetes Zimmer war nicht allein in keinem Betracht dazu schicklich, sondern auch so beschränkt und eng, daß nur eine geringe Zahl der hiesigen israelitischen Bewohner, und auch diese sehr unbequem, darin Platz fand, ein weit größerer Theil aber sich zur Abhaltung der Gebete in Privathäusern versammeln mußte." Veit weiß mm des Weiteren zu erzählen, daß am 17. Februar 1810 eine Versammlung abgehalten wurde, in welcher ein beträchtlicher Fonds zur Erweiterung des Hospitals Stande kam, und schließlich wurde von den Vorstehern (Vertretern) Hofmann und Biedermann der Vorschlag gemacht, „mit den eingegangenen und noch zu sammelnden Beiträgen ein eigenes Gebäude zu kaufen, in welchem u. a. ein besseres Lokal zur Abhaltung der Andachtsübungen hergestellt werden könnte." Am 8. Februar 1811 wurde der Plan zum Ankauf eines Hauses bereits vom Kaiser Franz genehmigt und am 13. Oktober desselben Jahres der Kauf des Hauses „Der Dempfingeryof" perfekt gemacht. Die feierliche Einweihung des Bethauses unter Absingung von geeigneten Psalmen u. s. w. fand ain 4. September 1812 — “p — statt. Dies war meiner Ansicht nach die erste Gelegenheit, zu welcher die Gemeinde bei dem Kapellmeister Joseph Drechsler die Einweihungsgesänge nebst Festkantate sowie eine ganze Anzahl von Gesäugen zu den hohen Feiertagen — die Einweihung fand drei Tage vor dem jüdischen Neujahrsfeste statt — bestellte. Als Sulzer Mach Wien kam, fand er wahrscheinlich dieselben bereits als eingebürgerte Gesänge der Wiener vor. Drechsler war ursprünglich katholischer Theologe, da er aber zum Empfang der Weihen noch nicht das gesetzmäßige Alter erreicht hatte, so begab er sich von Prag ' nach Wien, woselbst er 1810 die Stelle eines Korrepetitors aui Hofoperntheater bekleidete. Außer seinen 16 hebräischen Kom- ‘ Positionen, die Sulzer iu dem „8dbJr Zion“ veröffentlichte, besitze ich noch einige andere hebräische Gesänge dieses Komponisten in Abschrift. Ein zweiter feierlicher Gottesdienst unter Absingung mehrerer Psalmen fand, wie Veit erzählt, Sonntag den 5. September 1813, vor Abzug der Truppen gegen Napoleon, statt. Und als erst der sieggekrönte Kaiser in Wien seinen Einzug hielt, fand, nach stattgehabter Illumination des Gotteshauses, die Joseph Rossi in seinem „Denkbuch für Fürst und Vaterland", Theil I, Seite 82 und in dem dort vorhandenen Kupfer veranschaulicht und beschreibt, "einige Tage darauf, Sonntag den 19. Juni 1814, ein Dankgottesin Joseph Beit. Daß Beit im Jahre 1834 als Aktuar gestorben, berichtet Wolf in seiner Geschichte der israelitischen Kultusgemeinde in Wien, 1861, S. 179.

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