Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1897)
- Date
- 1897-02-05
- Page
- Seite 63 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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bilden, sagen Sie. sollen erlittenes Unrecht anmelden, Klagen führen, den Schutz der Regierungen anrufen. Ist das ein Thun? Ist das Selbsthilfe? — Verehrter Herr Doktor, die Antisemiten sind entsetzliche Leute, aber tadellos sind auch die Juden nicht. Und ich glaube, daß ein Borwurf, den man ihnen mit Recht machen kann, der ist, daß sie sich der schweren Arbeit entziehen. Was soll ihr bester Freund antworten, uvenn er gefragt wird: Warum soll es unter uns eine Rasse gehen, die unsere Mühsalen nicht theilt? . Warum finden wir nicht einige Prozent Juden unter den Grubenarbeitern, Tagelöhnern u. s. w.? „Im Schweiße Deines Angesichts sollst Du Dein Brod verdienen." Dieses Gesetz gilt für alle Menschen. Mennes einen Fortschritt giebt, werden sich auch einst Alle diesem Gesetz unterwerfen. So wenigstens glaube ich. Mit besten Empfehlungen, verehrter Herr Doktor, Marie Ebner von Eschenbach. Die bedeutende und geistvolle Schriftstellerin findet also einen Grund für den Antisemitismus darin, daß die Juden sich zu wenig mit Muskelarbeit beschäftigen, und sie meint, daß wenn z. B. die Juden Bergwerksarbeiter wären, die Antisemiten sie für voll mischen würden. Dr. Ludwig Ernst sucht diesen Jrrthum dadurch zu widerlegen, daß er den geringen Werth der primitiven Muskelarbeit vom national-ökonomischen Standpunkt aus betrachtet. Aber soweit braucht man unserer Ansicht nach gar nicht zu gehen, um diese grundfalsche Ansicht zu widerlegen. Frau Baronin von Ebner- Eschenbach hat, wenn wir nicht irren, in einer ihrer feinsten Erzählungen einen armen jüdischen Dorfhausirer geschildert, und in jedem Fall sind solche oft zu ihr aufs Schloß Zdislavic gekommen. Glaubt die verehrte Dame etwa, daß diese Armen ihr Brod leichter verdienen als der Bauer, der /hinter dem Pfluge einhergeht? Und weiß die gefeierte Schriftstellerin gar nichts davon, daß die Juden in Rußland-und in Polen sämmtliche Handwerke, auch die schwersten und mühseligsten, betreiben, daß sie dort Ackerbauer und Eisenbahnarbeiter, Lastträger, Dachdecker, Steinklopfer und Holzflößer find und die schwersten Muskelarbeiten mit Fleiß und Geschick ausführen? Wahrhaftig, das Gesetz „Im Schweiße deines Angesichts sollst du, dein Brod verdienen" gilt für die Maste der Juden in erster Reihe. Man muß nur nicht immer an den verschwindenden Prozentsatz von Bankiers denken, und daun muß man ferner die historischen und sozialen Verhältnisse in Erwägung ziehen, um die Thatsache zu erklären, daß die Juden in manchen Ländern der Muskelarbeit sich weniger zuwenden als in anderen, wo sie diese fast allein betreiben.; * Es wird vielfach behauptet, daß seit den Berathungen des Ministeriums und Senats über die Lage der Juden in Rußland sich dieselbe zu bessern beginnt. Dies geschieht freilich in dem langsamen Tempo, das in Rußland jede Reformmaßregel aufweist, aber ein neuer und besterer Geist ist doch in dieser Richtung bemerkbar. So hat die Regierung eben in den einzelnen Bezirken das Gebiet, in dem die Juden sich ansiedeln dürfen, erweitert, auch der Senat hat wieder 'ein Votum zu Gunsten der Inden Verlautbark. In Kiew wurde ein Kaufmann. jüdischen Glaubens von der dortigen Polizei ausgewiesen, nachdem er sich etwa sechs. Wochen dort aufgehalten hatte. Er petitionirte, ihm einen sechsmonatlichen Aufenthalt zu gestatten, die Kreisregierung in Kiew entschied, daß ein so länger Aufenthalt nicht' vom Polizeimeister, sondern nur von höheren Autoritäten der Regierung bewilligt werden könne. Der Senat entschied nun dieser Tage, daß jüdische Kaufleute erster Gilde das Recht beständigen Aufenthaltes in Kiew haben, daß der Bescheid der Gouvernements - Regierung zu annulliren. sei und der Petent keiner besonderen Aufenthalts - Erlaubniß bedürfe., .... £ ■ Der Klub der Maccabaeans in London hat, den Lord Mayor am letzten Sonnabend zu einem Banket eingeladen. In der Erwiederung auf den ihm gewidmeten Toast sagte derselbe: „Ich bin zwar kenn strenggläubiger Jude, aber nichtsdestoweniger bin ich tief ergeben meinem Volke und meinem Glauben, und meine Kinder sind ihm ebenfalls ergeben. Es ist dies wie ein Schmerz ohne Thrünen, eine Armuth ohne Elend, eine Religioii ohne viele Ceremonien." Mögen sich Diejenigen, welche sich, wenn sie auch nur das kleinste Amt, im Staatsdienst erlangt haben, ihres Judenthums schämen, an diesem Bekenntniß des ersten Würdenträgers der. City von London ein Beispiel nehmen! Protokoll -er Worfln udsjitzung des Verbandes der jüdischen Lehrer-Vereine im Deutschen Reiche px Ser Lin am 28. und 29. Dezember 1896. nwesend sind alle Vorstandsmitglieder, und zwar: Dr. Ädler- (&M& Berlin, Blumenfeld-Adelebsen, Bernhard-Tarnowitz, Dr. Blaschke- Berlin, Goldschmidt-Köln, Gutkind-Kassel, Herbst-Liffa (Bez. Posen), Levi-Neuß. Der Vorsitzende, Rektor Dr. Adler, eröffnet Vormittags 9 Uhr die Sitzung, begrüßt die Versammlung mit herzlichen Worten und ersucht dieselbe um Genehmigung des von ihm schriftlich erstatteten und den einzelnen Vorstandsmitgliedern bereits früher mitgetheilten Geschäftsberichts über das erste Verbandsjahr. Die Anwesenden genehmigen den Bericht mit einigen unwesentlichen Aenderungen. Der Vorstand nimmt Kenntniß von einem Schreiben des Vorsitzenden des deutschen Reichsverbandes jüdischer Religionslehrer in Breslau, welches zwar vom 1. Dezember datirt, aber laut Poststempel' vom 23. desselben Monats aufgegeben und am 25. zu Händen des Vorsitzenden gelangt ist. Dieses Schreiben theilt den Beschluß des Reichsverbandes über seine Stellungnahme zu unserem Verbände mit; der Beschluß deckt sich mit dem des Vereins der jüdischen Lehrer für das Großherzogthum Hessen. Ein Verein hat den Antrag gestellt, der Verband möge an , den Landtag eine Petition richten, daß auch den Lehrern an den von Synagogengemeinden gegründeten und unterhaltenen Religion s sch u len die an diesen Schulen zurückgelegte Dienstzeit angerechnet und ihnen demgemäß die Dienstalterszulage gewährt werde. Der Vorstand kann sich nicht der.Ansicht verschließen, daß ein solches Bittgesuch aussichtslos sei, und lehnt den Antrag ab. Der Vorstand spricht Herrn Syndikus Dr. Minden in einem Schreiben seine Sympathien und seine nochmalige Anerkennung für die: sachgemäße und geschickte Leitung des ersten Delegirtentages aus Der Schatzmeister G u t k i n d - Kassel erstattet den Kassenbericht, nach welchem augenblicklich ein Kassenbestand von 164,35 Mk. vorhanden ist. Da noch verschiedene Ausgaben zu bestreiten sind, so wird das erste Verbandsjahr mit einem Defizit abschließen/ wasim Hinblick darauf, daß keine Vereinsbeiträge erhoben worden sind, dagegen aber beträchtliche Organisationskosten zu trägen wären, nicht zu verwundern ist. Im abgelaufenen Jahre wurden auf ihren Antrag 14 Vereine zur Abhaltung ihrer Jahresversammlung mit 1230 Mk. unterstützt. (Im Jahre 1895 waren 11 Vereine mit. 1250 Mk. bedacht worden.) Mn Antrag, die Vereinsbertrage pro 1896 nachträglich einzufordern, wird mitt 6. gegen 2 Stimmen abgelehnt. Nach §14 sollen die Kassenrevisoren vom Verbandstage gewählt werden. Da ein solcher noch nicht stattgefunden hat, beschließt der Vorstand, die Revision in diesem Jahre durch eine Kommission, bestehend aus den beiden in Berlin wohnenden Vorstandsmitgliedern und einem Mitglieds des Ausschusses des D. I. G. B., vornehmen zu lassen