Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1897)
- Date
- 1897-02-05
- Page
- Seite 62 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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leicht, immerbin durchführbar, und was bedeutet Mühe, wenn es sich um eine so große, erhabene Sache handelt!" ' Der- Staatsmann dagegen erklärte: „Ich kann nicht umhin. Ihnen zu sagen, daß der ganze Anti-' semitenrummel lange nicht diese Dimensionen angenommen hätte, wenn ' die Juden selbst an maßgebender Stelle zur rechten Zeit eingeschritten wären. Personen, die ein gemeinsames materielles oder ideales Interesse haben, bedürfen einer Exekutive, welche die Interessen dieser Vereinigung nach außen vertritt. Die Advokaten haben nichts anderes gemein, als ihren Beruf, Aerzte und Handeltreibende Haben ihre ge-' meinsame Vertretung nach außen; wer es wagen würde, den ärztlichen oder Advokaten-Beruf als solchen anzugreifen,-der würde sofort einen ' gewaltigen Gegner vor fich haben. Die Juden haben ein gemeinsames großes, ideales Gutdas ist ihre Religion;' wer die Religion schmäht, verletzt jeden einzelnen Angehörigen derselben. Und trotzdem habensie in dieser Beziehung keine gemeinsame Vertretung, um einem Lästerer entgegenzutreten und ihn zur Verantwortung zu ziehen, Allerdings sind Gesetze da, welche die Religionen schützen sollen, aber die besten Gesetze taugen nichts, wenn sie nicht angerufen werben, weil selbst/Behörden unwillkürlich in deren Anwendung lässig werden. Ein Weltverein auf ,der Basis, wie Sie ihn angeben, ist allerdings durchführbar, allein es bedarf desselben gar nicht, eine einfache Vereinigung der Kultusgemeinden in Oesterreich und die Schaffung einer diesbezüglichen Exekutive wäre vollkommen genügend. Seien Sie versichert, daß, wenn eine Vertretung - mit einer Vollmacht sämmtlicher Kultusgemeinden Oesterreichs ausgestattet, die Sache in die Hand nehmen und sich um Schutz an die Regierung wenden würde, kein Minister könnte ein solches Verlangen unberücksichtigt lassen. Schließlich handelt es sich ja um über eine Million intelligenter Staatsbürger, die einen -Schutz anrufen,. der ja selbst dem Einzelnen nicht abgeschlagen werden kann. Ein großer Fehler der Juden ist es immerhin, daß sie sich nicht organisiren: sowohl zur Abwehr als zum Angriff. — Denn wenn die Lüge nicht energisch zurückgewiesen wird, so gewinnt sie nach und nach die Kraft der Wahrheit." Es ist gewiß kein Zufall, daß diedrei hervorragenden Männer zugleich den Juden den Rath gaben, sich zu affoziiren. Schade nur, daß dieser Rath entweder zu spät kam oder überflüssig war. Es existirt ja bereits eine derartige Assoziation: die Alliance Israelite Universelle l&flt feine anderen Aufgaben, als den Juden überall, wo sie als solche leiden, helfend beizusteheu. Und was hat gerade diese Assoziation an Beschimpfungen und Verfolgungen während der Autisemitenbewegüng zu erdulden gehabt! Auch in Wien selbst besteht eine israelitische Allianz. — was Hatkdiese7 dem Sturm gegenüber^ der dort noch immer tobt, leisten können? Und endlich. Haben nicht die Juden von Regierungen und Behörden, von Kirchenfürsten und Ministern wiederholt, nicht etwa Schutz, — denn das haben sie nicht nöthig, — sondern ihr gutes Recht gefordert? Und was haben sie dabei erreicht? So gut wie gar nichts. Der Ausgang der Audienz, welche der Vorstand derlWiener Gemeinde vor einigen Jahren beim Grafen Taaffe hatte, ist ja wohl noch in bester Erinnerung. Und ein ähnliches Schicksal hatten die Vorstellungen, welche Vertreter anderer Gemeinden in andern Ländern an maßgebender Stelle erhoben hatten. Entweder gar keine oder eine ausweichende Antwort — das war in den meisten Fällen das Schicksal solcher Rekriminatiouen. . Nein, auf diesem Wege ist für uns nichts zu erreichen. Gleichwohl sind die Meinungsäußerungen des Kirchenfürsten und des Staatsmannes für uns sehr lehrreich. Sie zeigen uns den Weg, den wir einzuschlagen häAn. Es ist das der Weg der Selbsthilfe. Und wir wollen es Denjenigen immerhin als ein Verdienst anrechnen, die uns,, sei es aus Haß, sei es aus Liebe, immer und immer wieder auf diesen Weg. Hinweisen. . Air Macht. Berlin, 2. Februar. (cjSSjlte große Begriffsverwirrung, v dir der Antisemitismus' im öffentlichen Leben verursacht hat, kann nicht deutlicher veranschaulicht werden als durch die seltsame Thatsache. daß die badischen Demokraten, die dortigen Antisemiten für ein geringeres Uebel halten als die Nationalliberalelt und. deshalb bei Stichwahlen für erstere eintreten wollen. Ihr Führer, der Abgeordnete Muser, hat 'sowohl in einer in Mannheim gehaltenen Rede, wie auch in einer Zuschrift an die „N. Bad. Landesztg." seinen Standpunkt wie folgt präzisirt: . „Nach meiner Meinung ist bei der derzeitigen politischen Lage in Baden und der heutigen Parteikonstellation im badischen Landtage die Wahl eines Antisemiten in diesen dann ein kleineres Uebel als die Wahl eines Nationalliberalen, wenn Jener unzweideutig für und Dieser gegen die unbedingte^Einführung des direkten Landtagswahlrechts und die von uns.erstrebte Reform der Gemeindeordnung eintritt." Die Auffassung des Herrn Muser ist um so auffallender, als er zugleich betont, daß „von dem Antisemitismus mit seiner reaktionären und. grausamen Negation eines Fundamentalsatzes der Demokratie — der Gleichberechtigung aller Staatsangehörlgen — g rn n ds ätzli ch eine unüberbrückbare Kluft trenne". . Änd trotzdem! * Man. hört so oft namentlich aus mittleren und kleinen Gemeinden Klagen über die zu hohen oder gar unerschwinglichen Gemeindesteuern, und im Gegensätze hierzu wird der geringe Prozentsatz der jüdischen Gemeindesteuer in Berlin gewöhnlich mit einer gewissen Bitterkeit hervorgehoben. Vielleicht ist es ein kleiner Trost, wenn wir hier mittheilen, daß es in manchen katholischen und protestantischen Gegenden nicht besser ist. In einer der jüngsten /Sitzungen des preußischen Abgeordnetenhauses hat der Centrumsäbgeorduete Dr. Bachem u. a. mitgetheilt, daß z. B. in Köln lange Jahre in der Stadt 60 Prozent Kirchensteuer und in den Vororten 150 Prozent gezahlt worden seien. In den Judustriebezirken werden ganz regelmäßig 150 Prozent der . Staatseinkommensteuer als Kirchensteuer bezahlt, und er könne eine Eiffelgemeinde Nachweisen, wo 300 Prozent Kirchensteuer bezahlt würden. Hier in Berlin sei man zu einer solchen Heranziehung der Kirchensteuer noch gar nicht gekommen, höchstens von 8 bis zu 15 Prozent- Diese Mittheilungen werden gewiß in jüdischen Kreisen Interesse erregen. * In der auch'sonst recht lesenswerthen Broschüre von Dr. Ludwig Ernst: „Die Juden, die verjudeten Christlich-Sozialen und Deutsch- Nationalen" (Leipzig 1896),. die wir in unserem heutigen'Leitartikel besprochen, befindet sich ein sehr interessanter Brief der berühmten Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach, der auf die Anschauungen, welche auch in vorurteilsfreien christlichen Kreisen über Juden herrschen, merkwürdige Schlaglichter wirft. Das Schreiben lautet: Schloß Zdislavic, Post Zdonnek, Mähren, 13. Dezember 1896. ' Verehrter Herr Doktor! Sie fordern mich auf. Ihnen meine Meinung über die Broschüre, die Sie mir freundlich geschickt haben, zu sagen; so will ich es denn ehrlich thun. — Mit vielen Ihrer Ausführungen bin ich vollkommen einverstanden; das Mittel, das Sie zur Bekämpfung der Furie des Antisemitismus vorschlagen, scheint wir aber viel zu schwach. Dem Beispiel , der Arbeiter können die Juden nicht folgen, die Arbeiter haben ein gewaltiges Mittel, sich gegen ihre Bedrücker zur Wehre zu setzen — den Streik. Welches Mittel steht den Juden zu Gebote?. Sie sollen Assoziationen