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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-02-05 · Heft 6 (5.2.1897) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 6 (5.2.1897)
Date
1897-02-05
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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—7^7 —-n—. 61. Iahrgong. Ar. 6. Ssrlin, 5. Feirryar 1897 eitung des Audentbums. Gm unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-PreiS: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.Z M. Nedactenr: Gustav Karpeles. Begründet von Nalibiuer D- Ludwig PHUippson-Äonn Verlags-Drpedition: Kerlin, Äerusalemerstc. 48/48 Alle Zusendungen fltr Redaktion und! Expedition sind an die Adresse: Verlag der .Allgem. Zeitung deS JudenthumS", Berlin! 8^., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. I Verlag von Rudolf Masse, Berlin. I 3lti)ttlt. Leitartikel: Drei Interviews. — Die Woche. — Vorstandssitzung des Verbandes der jüdischen Lehrer-Vereine im Deutschen Reiche. — Franz Schubert als Synagogen-Komponist. II. Von Ed. Birnbaum. — Die Ehre in der Bibel. III. Von Dr. Josef Stier. — Feuilleton: Andere Zeiten. Eine Erzählung von Gotthard Deutsch (Forts.). — Prolog zur Einweihung der Shnagoge zu Barmen. Von Rahel Apfel. — Sprechsaal. Der Geirreiudebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Memel, Nakel, Breslau, Hannover, Düffeldors, Vurgpreppach, Wien. — Bon Nah und Fern. — Miscellen. — Geschäftliche Notizen. Drei Interviews. Berlin, 3. Februar. n einer der vielen Broschüren, die noch immer, gewissermaßen als Nachzügler der traurigen Bewegung gegen die Juden oder für dieselbell von Zeit zu Zeit erscheinen, finbcn wir eine sehr interessante Schilderung, die nach vielen Richtungen hin Beherzigenswerthes darbietet. Der Autor der Broschüre, ans die wir an anderer Stelle noch zurückkommen, giebt uns einen interessanten Bericht über drei Interviews in der sogenalmten Judeufrage. Seili erster Besuch galt einem hohen Kirchenfürsten, der zweite einem angesehenen Rabbiner, der dritte einer hervorragenden politischen Persönlichkeit, die noch bis vor Kurzem eine aktive Stellung im österreichischen Staatsdienste imie hatte, also drei Persönlichkeiten, deren hoher Bildungsgrad und deren gesellschaftliche Stelluilg sie gewissermaßen über die Parteien hebt. Es ist nun gewiß von hohem Interesse, die Aeußerungen dieser Persönlichkeiten zu hören. Der Kirchenfürst sagte: „Ich bin ein großer Freund und Verehrer des Judenthums, und was meine Kirche betrifft, so kann ich Sie versichern, daß eine Animosität oder Feindschaft gegen die Juden nicht besteht. Die Kirche duldet eine solche gar nicht! Wir nehmen ja sogar die Juden gerne in die Gemeinschaft unserer Kirche auf, und ihr früheres Judenthum hindert uns nicht, ihnen die Höchsten Stellen der kirchlichen Hierarchie zu verleihen. Ehrlich gestanden, hatten wir es auch nie zu bereuen, denn viele von ihnen wurden Zierden der Kirche, und der Fall, daß ein Jude fich unwürdig bewiesen hätte, ist nicht vorgekommen. Wenn es gleichwohl hier und da geschieht, daß ein untergeordneter Seelsorger sich über die Juden feindselig äußert, ist das wohl nur auf den individuellen Charakter des Einzelnen zurückzusühren, und — meinte lächelnd der würdige Herr"— auch daran sind die Juden zum Theil schuld. Wenn sich Jemand irr^abfälliger Weise über das Christenthum äußert und die Behörden-aus Unkenntniß des Falles oder aus Lässigkeit den Frevler nicht zur Verantwortung zögen, würde die kirchliche Oberbehörde einschreiten und, wenn nöthig, an maßgebender Stelle vorstellig werden. Es war kürzlich^in den Blättern zu lesen, daß ein Priester seit dreißig Jahren in der Kirche über die Juden beleidigende Aeußerungen that. Ich weiß nicht, ob sich das bewahrheitet, doch versichere ich Sie, daß, obschon ich viele Jahre meinem Amte obliege, diesbezüglich bei mir noch nie eine Beschwerde von Vertretern der Judenschaft eingelangt ist. Wäre das geschehen, seien Sie dessen versichert, daß eine Untersuchung eingeleilet und einem eventuellen Unfug gesteuert worden wäre. Wo aber kein Kläger, ist kein Richter. Und wir können doch nicht auf eine Zeitungsnotiz hin jedesmal eine hochnothpeinliche Untersuchung einleiten." Der Rabbiner äußerte sich folgendermaßen: „Das größte Unglück ist der Jndifferentismus, den die Juden in Bezug auf ihre Konfession an den Tag legen. Dieser Jndifferentismus aber kommt daher, daß kein kräftiges Centrum vorhanden ist. Es geht uns in dieser Beziehung, wie es den Deutschen erging, so lange sie politisch ohnmächtig waren. Ein Deutscher, der ins Ausland kam, schämte sich förmlich seiner Nationalität und suchte oft dieselbe zu verleugnen, um sich dem Spotte zu entziehen. Ihr Vorschlag in Bezug auf Assoziation ist sehr zu begrüßen, und es ist nur zum Staunen, daß dergleichen nicht schon früher in Angriff genommen worden ist. Eine solche Assoziation würde jedem Einzelnen eine moralische Stütze bieten, und gleichzeitig wäre eine Vertretung geschaffen, die Angriffen auf unsere Religion jederzeit wirksam begegnen könnte. Die Juden sind unstreitig große Patrioten, und jeder Jude ist seinem Lande und Volke treu zugethan. Sehen wir nach Deutschland, wo meine Wiege stand. Ich will nicht von den Leistungen sprechen, welche die deutschen Juden auf dem Felde der Ehre, zur Vertheidigung ihres Landes vollbrachten, nicht von ihrer Liebe und Anhänglichkeit an den Gesammtstaat, die sich durch kulturelle Leistungen bekunden, aber jüdische Gelehrte, Dichter und Künstler haben auch das geistige Gut Deutschlands derart vermehrt, daß, würde man das, was sie geschaffen, diesem Schatze entnehmen, eine große Lücke entstehen möchte. Was diese jüdischen Heroen geschaffen, gehört der Gesammtnation an. Um von der übergroßen Zahl geistiger Größen nur einige Namen zu nennen, gedenken wir an Spinoza, Mendelssohn, Heine, Börne, Meyerbeer u. s. w. Sie haben zur Ehre Deutschlands gewirkt, und nie fiel es Jemandem ein, ihr geistiges Inventar als speziell den Juden gehörend zu reklamiren. Und doch nehmen es sich einzelne Deutsche, denen man zumeist slavische oder jüdische Abkunft Nachweisen kann,, heraus, die Juden gar nicht als Deutsche anerkennen zu wollen, und was noch schlimmer, es finden sich wahrhaft Deutsche, die solchen Verräthern, welche durch ihr frevelhaftes Gebühren die deutsche Nation schwächen wollen, zujubeln. Im Uebrigen, was der liebe Gott thut, ist wohlgethan. Man muß die auferlegte Prüfung mit Demuth, wenn auch ohne Furcht und Zagen ertragen und mit dem Spruche unserer Weisen sich trösten: Auch das führt zum Guten! Die in dem heutigen humanen und fortgeschrittenen Zeitalter für unmöglich gehaltene wilde Hetze gegen die Juden wird immerhin auch einen guten Erfolg haben. Es wird die Juden aus ihrer Lethargie auswecken, sie werden zu dem modernen Mittel der Selbsthilfe, zur Assoziation greifen, sie werden dann bald als ein Faktor auf dem Plane erscheinen, mit dem man rechnen wird müssen. Ich begrüße Ihren Plan, der die Assoziation und Organisation der Juden betrifft, aus vollem Herzen. Diese Assoziation ist, wenn auch nich

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