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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-01-29 · Heft 5 (29.1.1897) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 5 (29.1.1897)
Date
1897-01-29
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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gewonnen durch Dich," die meisterhafte Festrede. Der Jubilar erwiederte mit dem Verse beginnend, mit dem er vor 23 Jahren seine Antrittsrede begonnen. Mit dem Choral „Die Himmel rühmen" schloß die Feier in der Synagoge. Nachmittags 2 Uhr fand im Saale des „Hotel, de Pruffe" ein Festessen statt, an dem einige hundert Personen theilnahmen, von denen hervorgehoben seien die beiden Bürgermeister der Stadt, 'Gymnasialdirektor Dr. Müller, die Rabbiner von Beuthen, Ratibor, Königshütte, Gleiwitz, Tarnowitz, Zabrze und Sohrau. Nachdem Stadtrath Wiener den Kaisertoast ausgebracht und Rechtsanwalt Epstein die Gäste begrüßt, feierte Sanitätsrath Dr. Löbinger, zur Zeit Repräsentantenvorsteher, in zum Theil launiger, mit Begeisterung aufgenommener Rede den Jubilar, indem er darthat, daß der Jubilar bestrebt war, zu zeigen, daß die Juden praktisches Judenthum, Nächsten- und Vaterlandsliebe pflegten, nicht trotzdem, sondern — weil sie Juden seien. Dann toasteten Dr. Rosenthal auf die Kinder des Jubilars, Dr. Münz-Gleiwitz im Namen des oberschlesischen und deutschen Rabbinerverbandes, Amtsgerichtsrath Lewy-Beuthen im Namen des oberschlesischen Gemeindebundes und des Rybniker Waisenhaus- Kuratoriums, während der Leiter des Waisenhauses, Herr Katz, im Namen der Anstalt gratulirte, Dr. Goldschmidt-Königshütte im Namen der jüngeren Rabbiner und seiner Gemeinde, Dr. H. Hildesheimer-Berlin im Namen des Rabbinersemiiiars, aus dem der Jubilar hervorgegangen, Dr. Deutsch-Sohrau, nächst dem Jubilar der älteste Rabbiner Oberschlesiens, . auf das Festkomitee (Stadtrath Wiener, Dr. Löbinger und Max Fröhlich), Dr. Kopfstein-Beuthen auf die Gemeinde Kattowitz. Alsdann sprach der Jubilar, Allen herzlichst dankend, besonders aber seinem greisen, hochverehrten Lehrer, Herrn Rabbiner Dr. I Hildesheimer in Berlin, dem er ein Huldigungstelegramm zu senden bat. Während der Tafel waren zwei (von Dr. Glogauer und Schulamtskandidaten Sußmann-Hannover) verfaßte Tischlieder gesungen worden, während ein weihevolles Festspiel, „Konkordia", vor Schluß der Tafel aufgeführt wurde. Erwähnt sei noch, daß ein ganzer Band Glückwunschdepeschen eingelaufen war. Dem Jubilar wünschen wir noch eine recht lange, gesegnete Thätigkeit. OO Colberg, 24. Januar. Der 23. Jahresbericht über die Verwaltung des jüdischen Curhospitals in Colberg ist eben ausgegeben worden. Das ablaufende Berichtsjahr gehört zu den denkwürdigsten der Anstalt, die eine ansehnliche Vergrößerung durch Ankauf eines Grundstückes erfahren hat. Außerdem bildete sich in Berlin ein Komitee, das sich die Aufführung eines prunklosen, aber den Anforderungen der Gesundheitspflege angemessenen neuen Hauses und die Aufbringung, der dazu erforderlichen Kosten zum Ziele setzte und im November einen kräftige^, von edler Begeisterung getragenen Aufruf erließ. Der Rechnungsabschluß verzeichnet 36 993,45 M. an Einnahmen und 29 301,59 an Ausgaben. Vom Ueberschuß wurden 7150,27 M. ins Grundvermögen abgeführt ■ und 541,59 M. sind Kassenbestand am Schluß des Berichtsjahres. Die Mitgliederliste zählt 922 Personen (gegen 856 im Vorjahre), welche fortlaufend Jahresbeiträge zählen, und die Zahl der Mitglieder ist somit um 66 gewachsen; die Beitragshöhe ist von 7385,35 M. im Vorjahre auf 7803,35 M., also um 418 M. gestiegen. Auch namhafte Schenkungen sind im Berichtsjahre zu verzeichnen. Das Grundvermögen, das am Schluffe des Vorjahres mit 141 050,53 M. abschloß, ist auf 151866,28 M. angewachsen, wovon jedoch 3600 M. hypothekarische Schulden, welche mit dem Erwerb des neuen Grundstücks übernommen wurden, im Abzug zu bringen sind. Der Betrieb des Hauses wurde am 27. Mai eröffnet und am 28. September' eingestellt. Es sind 634 Personen wegen unentgeltlicher Aufnahme in die Anstalt vorstellig geworden, aber -nur 175 Personen konnten Aufnahme finden, der Rest mußte zu lebhaften,-Bedauern zurückgewiesen werden. Von den Pfleglingen des Hauses gehörten -66 dem männnlichen und 109 dem weiblichen Geschlechts an; darunter befanden sich 64 kränkliche, erblich belastete, scrophulöse oder rhachitische Kinder. Sämmtlich Pfleglinge des Hauses gehörten den ärmeren Volksklassen an, wie durch eingehende Untersuchungen vorher festgestellt wurde, und empfingen ausnahmslos zum Zwecke einer Sool- und Seebadekur sämmtliche Wohlthaten des Hauses, als Obdach, Verpflegung, Bäder, Arzneien und Kurmittel ganz unentgeltlich. Jeder Pflegling gebrauchte durchschnittlich eine Kurzeit von 30,8 Tagen/ wechselte aber im Einzelnen zwischen 15 und 56 Tagen. Als Aerzte fungirten wie in den Vorjahren die Herren Dr. Weißenberg und Dr. Heinrichsdorff mit bewährter Umsicht, Sorgfalt und Hingebung. L. Aus der Provinz Hannover, im Januar. Die kommissarische Verwaltung des Landrabbinats Stade ist behördlicherseits auf weitere drei Jahre dem Landrabbiner von Hannover übertragen worden. — In Aurich (Ostfriesland) feierten die Eheleute Bäckermeister- Buß und Frau ihre goldene Hochzeit und der Ehemann zugleich , das 60 jährige Meisterjubiläum. In diesen 50 Jahren war er ohne Unterbrechung der Koscherbäcker der israelitischen Gemeinde. Eine Deputation derselben überreichte dem Jubelpaare an ihrem Ehrentage einen prachtvollen silbernen Tafelaufsatz, und der Sängerchor brachte ihm frühmorgens ein Ständchen. Es giebt doch auch noch in Ostfriesland, wo der Antisemitismus besonders wüst betrieben wird, friedlichen Verkehr zwischen Christen und Juden. — In Hannover haben die Antisemiten am 18. d. M. einen Kommers zur Gedenkfeier an die Wiederaufrichlung des deutschen Kaiserreichs veranstaltet, der von etwa 200 bis 300 meist jungen Herren besucht war, die Galerien waren von Damen besetzt. Ein recht bedauerliches Zeichen der Zeit ist es, daß eine ganze Reihe von Lehrern unter dem Aufruf standen und zu den Rednern des Abends zählten, von denen, nach dem „Hannov. Courier", nur Herr Oberlehrer Dr. Hahne ohne jeden antisemitischen Anklang sprach. Die Festrede des Herrn Dr. Lindström aus Goslar, der jetzt in ganz Norddeutschland in allen Versammlungen als Redner auftritt, war selbstverständlich von antisemitischem Geiste ganz durchweht. K. Hannover, 23. Januar. Ein schwerer Unglücksfall bat unsere Gemeinde tief erschüttert und in Trauer versetzt. Herr Emil Speyer, ein junger Mann von 32 Jahren, der gegen acht Jahre als Religionslehrer und Hilfsvorbeter in unserer Mitte wirkte und zugleich an der Bildungsanstalt für jüdische Lehrer thätig war, wurde am Montag Morgen bei seinem Gange zur Synagoge von einem Wagen der elektrischen Bahn so unglücklich gepackt und niedergeschleudert, daß er am nächsten Tage seinen Geist aufgab. Der so früh Dahingeschiedene war ein außerordentlich gewissenhafter und pflichttreuer Lehrer, der in den Schulen, in welchen seine Hauptthätigkeit lag, durch seine große mit Liebe zu den Kindern gepaarte Lehrbefähigung und durch seine gediegene Vorbildung Ausgezeichnetes geleistet und durch sein bescheidenes, zuvorkommendes Wesen sich die allgemeine Liebe und Achtung erworben hat, was bei seiner Beerdigung so recht sichtlich hervortrat. Trostlos stehen an seinem Grabe seine junge Gattin, mit der er nur so wenige Jahre in glücklichster Ehe leben sollte, zwei unmündige Kinder und ein alter Vater, dessen schönster Stolz dieser Sohn war. Seine Mitarbeiter und Kollegen verlieren in ihm einen treuen, lieben Freund, dessen Andenken sie imnier in Ehren halten werden. Oesterreich-Ungarn. LZ Wien, 25. Januar. In der Sitzung vom 22/d. M. hat sich der gegenwärtige Reichsrath aufgelöst; was der nächste in seiner neuen Zusammensetzung bringen wird, ist bei den jetzt herrschenden trostlosen Zuständen wohl mit Leichtigkeit vorauszusehen, möglicherweise wird man darin auch Szenen erleben, die denen im jetzigen Landtage analog sein werden, wo die herrschenden Antisemiten sich nicht schämen, die Suspendirung'der jüdischen Stenographen zu verlangen und leider auch durchsetzen. — Der Reichsrathsabgeordnete Adolf S chwab ist am 19. an den Folgen einer schweren Operation, derer sich zur Behebung seines Magenleidens unterzogen hatte, gestorben. Mit ihm verliert das Abgeordnetenhaus ein kenntnißreiches Mitglied, dem insbesondere in allen steuer- und handelspolitischen Angelegenheiten die Bedeutung eines hervorragenden Fachmannes zukam. Von frühester Jugend hatte sich Schwab, 1833 in Prag geboren, dem Kaufmannsstande und den kaufmännischen Studien gewidmet, er bethätigte sein Wissen auch auf schriftstellerischem Gebiete/ und er führte das Referat über eine Reihe wichtiger wirtschaftlicher Vorlagen, zuletzt noch als Minoritätsreferent über die Verstaatlichung der Nordwestbahn. Er war einer der fleißigsten Arbeiter des Hauses. Als Politiker war Schwab, seitdem er im Jahre 1873 als Vertreter der Reichenberger Handelskammer ins Abgeordnetenhaus trat, ein überzeugungstreuer Anhänger der deuischliberalen Partei. Sein fachmännisches Wissen, dazu seine persönlichen Eigenschaften, sein bescheidenes, ruhiges Wesen, sein makelloser Charakter, der wohlwollende, Grundzug seines ganzens Gehabens, all das sicherte - ihm die Achtung bei Freund und Feind. Schwab war Jude, pnd das verdient in den gegenwärtigen Zeiten hervorgehoben zu werden. Er-

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