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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-01-29 · Heft 5 (29.1.1897) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 5 (29.1.1897)
Date
1897-01-29
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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hatte freilich nicht das Zeug, den antisemitischen Brandrednern mit Emphase entgegenzutreten, er war Einer von denen, welche durch ihr stilles Wirken: allein die Nichtigkeit der antisemitischen Theorie beweisen. Das Leichenbegängniß fand Vormittags am israelitischen ' Friedhof statt. Ober-Kantor Singer stimmte einen Trauerchoral' an, und unter, Gesängen wurde der Sarg ins Vestibüle getragen, wo Reichsraths- Abgeordneter Ritsche dem verstorbenen Parlamentarier einen Nachruf hielt, in welchem er unter anderem sagte: „Schwab vereinigte alle Eigenschaften edler Menschen, ohne nach. Gunst und Zeichen äußerer Anerkennung zu streben. Tief und groß ist die Trauer um ihn. Er war ein Hauptmann im politischen und nationalen Kampf. Deutsch war sein Sinn und human sein Wirken als Arbeitgeber; er war der Besten einer, die hier gewandelt. Dein Vermächtniß wird in uns leben, unseren Herzen wirst Du nie entrissen werden!" — Der Kaiser hat dem Chef der Hof-Weingroßhandlungs-Firma Emanuel Pollak u. Sohn in Wien, Wilhelm Pollak, in Anerkennung seiner verdienstlichen kommerziellen und gemeinnützigen Wirksamkeit den Titel eines kaiserlichen Rathes verliehen. — Vor dem Strafrichter des Bezirksgerichtes Fünfhaus, Adjunkten Dr. Ott, wurde die Verhandlung über die von dem Herausgeber der „Deutschen Zeitung", dem Gemeinde- und Stadtrathe Dr. Theodor Wähner, gegen den Herausgeber der „Ostdeutschen Rundschau", K. H. Wolf, eingebrachte Ehrenbeleidigungsklage zu Ende geführt. Wolf wurde schuldig erkannt und zu acht Tagen Arrests verurtheilt. Der Gegenstand der Klage ist bekannt. Beschuldigungen, die K. H. Wolf in einer am 21. Oktober v. I. im „Hotel Wimberger" abgehaltenen Versammlung von Deutschnationalen gegen den Herausgeber der „Deutschen Zeitung" erhob und welche in dem Satze gipfelten, daß man es hier, nämlich in Bezug auf Dr. Wähner und die „Deutsche Zeitung", mit „einem Pestpfuhl der Korruption zu thun habe", veranlaßen Dr. Wähner, gegen Wolf die Ehrenbeleidigungsklage einzubringen. Beide Herren sind Antisemitenführer! — Das Reichsgericht hat die Beschwerde der Burschenschaft „Liberias" gegen ihre Auflösung abgewiesen, und zwar mit der Begründung : Eine Verletzung des Gesetzes hat durch die Entscheidungen der Statthalterei und des Ministeriums nicht stattgefunden. Der Beschluß (jüdische Studenten für nicht satisfaktionsfähig zu erklären), der maßlose Angriffe gegen eine Kategorie von Staatsbürgern enthält, ging über das Statut der Burschenschaft hinaus; dieselbe konnte deshalb aufgelöst werden. — Die Staatsanwaltschaft von Wiener-Neustadt hat gegen den Führer der Christlich-Sozialen, den Gemeinderath Baumeister Adolf Foller, 'die strafgerichtliche Untersuchung wegen Majestätsbeleidigung eingeleitet. — Das Budweiser Bezirksgericht verurtheilte den christlich-sozialen Pater Senner aus Rudolphsstadt wegen Uebertretung gegen die öffentliche Sittlichkeit zu einer vierzehntägigen Arreststrafe. — Zu achtundvierzig Stunden Arrests wurde der Geschäftsdiener Knot verurtheilt, der den jüdischen Hausirer S. Scholder thätlich mißhandelte, aus dem einfachen Grunde, weil dieser Aermsten der Armen einer seinen Standplatz vor dem Fürsterzbischöflichen Palais inne hatte. — Der Kunstakademiker Carl Dreher wurde wegen Beschimpfung eines jüdischen Kollegen zu vier Tagen Arrests verurtheilt. Das ist das schöne, gemächliche Wien! Amerika. 6. 8 New-York, im Januar. Die der treuen Pflege verlassener und verwahrloster Kinder gewidmete Hebrew S heltering Guardian Society veröffentlicht ihren Jahresbericht. Die Anstalt beherbergt 714 Kinder und verpflegt sie mit einem Kostenaufwands von 67 830 Dollars, wovon nicht ganz 4000 Dollars aus Spenden stammen, während der Rest aus dem städtischen Säckel gezahlt wurde. — Ein Zeichen, daß wir im Lande des Religionsparlaments leben, ist die Thatsache, daß das konservative, fast orthodoxe Organ „American Hebrew" eine reich illustrirte Weihnachtsnummer herausgiebt, welche der Herausgeber in weiser Vorsicht jedoch nur Book-Number nennt. Da citire Einer noch Shakespeares: „What. is in a name?“ — Die von dem Baron Hirsch- Fonds gegründete Ackerbau-Kolonie in Woodbine, N.--J., hat am Danksagungstage im Beisein vieler jüdischer Notabeln aus New- Iork und Philadelphia eine Synagoge eingeweiht. Der Zustand der Kolonie und ihrer Fabrikanlagen soll ein glänzender sein. Hingegen hat die aus 150 Familien bestehende Kolonie in Atwood, Colorado, durch Uneinigkeit in ihrer Mitte schmählichen Schiffbruch gelitten. Eine k o ns essio ns l o se B ib e l ist - von einer frommen Frauengesellschast ausgearbeitet worden, und diese Anthologie soll in den öffentliche» Schulen in Gebrauch kommen, damit die Einwände gegen . das Bibellese» in dev Schule wegfallen. In Detroit, Michigan, hat der Schulrath diese Bibel approbirt, und der dortige Rabbiner, Dr. Großmann, hat dagegen Einsprache erhoben. ' Diese Thatsache gab einem dortigen Sensationspfaffen, Namens Blodgetst Anlaß, gegen den Rabbine^loszuziehen, indem er'in einer. Predigt sagte: „Modernes Judenthum'.ist organisirter Unglaube, und die Juden sollten dem Gotte Abrahams, Isaaks und Jakobs für das Asyl, welches ihnen die Vereinigten Staaten gewähren, dankbar sein." — Hermann Warszawiak, ein getaufter Judenmissionar, gegen welchen in letzter Zeit schwere Bedenken auftauchten, ist des Missionirens unter seinem halsstarrigen Volke überdrüssig geworden und ersuchte das New-Z)orker Presbyterium um Zuweisung einer regelrechten Pfarre. Das Presbyterium gab zu, daß man bei Beurtheilung eines -jüdischen Täuflings ein Auge zudrücken müsse, verweigerte aber doch die Gewährung der Bitte. — Im Verlaufe einer Debatte über Beschränkung der Einwanderung stellte Senator Morgan im Senate den Antrag, allen Einwanderern, welche nicht mindestens die zehn Gebote und die amerikanische Konstitution lesen können, das Landen zu verbieten. — Der Vorverkauf von Logen zu einem Purim-Maskenball, der am 19. Januar in einem New-Iorker Theater zu Gunsten des jüdischen Hospitals Mount-Sinai stattfinden wird, hat bisher die Summe von 11500 Dollars eingebracht. Der Vorverkauf von Logen zum jüdischen Wohlthätigkeitsballe in Chicago hat 6290 Dollars gebracht. Don Nah und Fern. ----Die antisemitische Monatsschrift „Das zwanzigste Jahrhundert" hat zu erscheinen ausgehört. Sie sollte den Antisemitismus „wissenschaftlich" begründen. — Im Prozesse des Dr..Fr. Lange gegen Dr. Karl Peters trat auch der bekannte Afrikareisende Graf Pfeil als Zeuge auf. Dr. Peters' Vertheidiger, R.-A. Koffka, suchte die Glaubwürdigkeit dieses Zeugen zu erschüttern. Er berief sich auf einen Briest den ein Herr Andrew, der in London etwa die Bedeutung von Siemens u. Halske habe, an Dr. Peters gerichtet habe.r Nach dem Inhalte dieses Briefes habe Graf Pfeil zu dem Herrn Andrew u. A. behauptet, daß er den Dr. Peters vernichten könnte, wenn nicht die deutschen Gerichte in den Händen von Juden wären. Wir bedauern, daß dieser Brief nicht veröffentlicht wurde. Es, wäre doch gut, wenn Graf Pfeil die Unzuver lässigkeit der deutschen Gerichte näher beweisen würde. Sonst wird Herr Dr. Peters als Judenfeind hingestellt und hier gilt er plötzlich als Schützling der Juden. Graf Pfeil ist übrigens der Schwiegersohn des Prof. Dr. F. A. Leo hier! — In Lissa ist Rechtsanwalt Wolf, Vorsteher des Repräsentantenkollegiums der jüdischen Gemeinde, zum Stadtverordnetenvorsteher gewählt worden. — KommissonsrathF. V. Grünfeld, der lange Jahre Vorsteher der jüdischen Gemeinde zu Landes H ut i. Schl, war, ist am 19. d. M. im Alter von 61 Jahren in San Remo gestorben. — Am 20. d. feierten die Eheleute M H. Jacobs und Frau Flora in Cleve die goldene Hochzeit in voller Frische und unter außerordentlicher Theilnahme auch der nichtjüdischen Bevölkerung. Der Jubilar bekleidete viele Jahre hindurch das Amt eines Stavtvertreters und Vorsitzenden des Vorstandes des Synagogenbezirks Cleve. Möge dem durch Biedersinn und Wohlthätigkeit ausgezeichneten Ehepaare noch ein langer und ruhiger Lebensabend beschieden sein! — P asil Meyer, der Führer der Antisemiten in Stuttgart, ist gestorben. O. Chayes, der auch im Auslande bekannte russische Bankier, Handelskammer- und Gemeinderath zu Odessa, ist zum russischen Kommerzienrath ernannt worden. Diese Würde wird in Rußland nur sehr selten verliehen. — Ein Raubmord wird aus der Ortschaft Parysow in Russich Polen gemeldet. Die aus acht Personen bestehende Familie des als reich geltenden jüdischen Schankwirths Josef Pos kl ins ki wurde in voriger Nacht von einer Räuberbande überfallen, beraubt und ermordet,. worauf die Mörder das Haus in Brand steckten und entflohen. — In Jassy ist Dr. I. Niemerower zum Prediger der jüdischen Gemeinde gewählt worden. — Wie jetzt berichtet wird, soll der „Reichstagsabgeordnete" Ah l w a r d t nun doch nicht nach Deutsch" land zurückkehren; er hat seinen Wohnsitz von Brooklyn nach Milwaukee verlegt. . Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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