Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1897)
- Date
- 1897-01-29
- Page
- Seite 58 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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I 58 hinter den Ohren in die grauen Haare verlor, hervor. Der weiße Bart glänzte wie Silber. Er freute sich des Sonnenlichtes und blickte durch seine Brillengläser auf die enge Gaffe voll Licht, in die von oben ein schmaler Streifen blauen Himmels hineinfiel. Es war eine Nachmittagsstunde. Die Bewohner der Stadt waren in lebhafter Bewegung. Ans den.anderen Straßen, die belebter waren als diese, kam ein starkes Geräusch und Wagengeraffel, in dem das Ohr des Juden gleich etwas Ungewöhnliches zu erkennen vermochte. Berek hörte einen Augenblick zu. Dann schüttelte er den Kopf wie zürn Zeichen, daß er die Bedeutung dieses Gemurmels wohl verstanden. Ein Leichenzug zog durch die Straßen und näherte sich immer mehr. Inder engen Gaffe entstand eine Bewegung, wie gewöhnlich, wenn das Volk sich anschickt, etwas mit Neugierde zu betrachten. Auf den Trottoirs erdröhnten eilende Tritte, und der Schall lauter. Stimmen zog durch die Luft. Berek stand ruhig auf der Treppe seines Hauses und blickte in die Richtung, üou welcher der feierliche Gesang sich näherte. Nur wenige Schritte trennten ihn von dem Ende der Gaffe, durch welche die Leichenzüge gewöhnlich kamen. Dieser wurde auch bald sichtbar. Hinter der hohen Waud des Hauses, kamen zuerst einige Gestalten in Weiß hervor. Das schwarze Kreuz hochaufgerichtet im Sonnengold, die Fahnen in Roth und Blau, und die brennenden Fackeln leuchteten wie eine Kette gelber, trauriger Flammen. Der. Todteugesang wurde vom Chor üngestimmt und vermischte sich mit dem dumpfen und langsamen Geraffel der Wagenräder. Der Leichenwagen, mit sechs Pferden bespannt, führte einen silberstrotzeuden Sarg. Hinterher wieder Fahnen und Fackeln, und hinter dem Prachtwagen zog eilte lange Reihe von Menscheit. Sie schritten langsam in feierlichem Gang dahin. Die schweren Kleider der Frauen schleppten sich über das Straßenpflaster, und lange, schwarze Kreppschleier verhüllten ihre Gestalten. Es war einer der reichsten und prächtigsten Leichenzüge, die in dieser Stadt je gesehen worden waren. Durch die großen Gläser seiner Hornbrille betrachtete Berek ruhig den vorüberziehenden Leichenzug, und nur manchmal schüttelte er in Gedanken den Kopf. Aber als ein paar abgerissene Sätze aus dein Gewühl der Menge zu ihm hinaufdrangen und irgend eine Erinnerung iii ihm weckten, da erbebte er, richtetesich kerzengerade auf und fing an, den ersten Besten auszufragen. .„Was? Wer? Wer denn? Der Graf? Welcher Graf? Wer ist denn da gestorben? Wessen Begräbniß ist das?" Mit diesen sich auf seine blutleeren Lippen drängenden Fragen eilte er auf das Trottoir und versperrte irgend einem der Vorübergehenden den Weg. „Nun, was ist denn? Halte nrich nicht auf, Jude! Wessen Begräbniß?' Das Begräbniß des Grafen ^Strumienicki! Was noch? Was hältst Du mich noch am Rockschooß? Welcher Strumienicki? Der Vater . . . der alte Graf Xaver. . . . Laß mich, ich habe Eile!" Jetzt ließ er den Rockschooß des Mannes los und zum Himmel blickend rief er:. „Er ist gestorben? Der Herr Graf Xaver ist gestorben? Wie kann das nur möglich sein? Warum ist er gestorben? Er war ja noch ganz gesund, als er jüngst bei mir war! Er war ja noch so jung und so schön und so lustig, und jetzt ist er tobt? Wieso ist das nur gekommen?" Die Vorübergehenden, die eilten, um das schöne Begräbniß sehen zu können, stießen ihn bei Seite und sahen mit Verwunderung auf den alten Mann, der durch die große Hornbrille in den Himmel sah und ein banges Klagelied anstimmte: Einer stieß ihn fast an die Wand des Hauses, und einige halbwüchsige Bursche schrieen: „Sieh, sieh, a Meschuggener!" Aber dies alles dauerte nicht lange; denn der alte Jude fing, wie von einer unbezwinglichen Gewalt ergriffen, an zu laufen, so rasch er konnte, in der Richtung, in die der Leichenzug sich' bewegt hatte. Mit den Händen den langen Kaftan hebend, lief er von einem Trottoir auf das andere; von Straße zu Straße. Er lies rasch und dachte an nichts anderes, als den Leichenzug zu erreichen. ' Dieser bewegte sich sehr langsam vorwärts, und darum war es auch nicht schwer, ihn zu erreichen. Berek konnte sich auch bald der letzten Reihe anschließen, aber damit gab er sich nicht zufrieden. Er lief noch immer weiter und schlängelte sich geschickt durch das Gewühl, wo es am stärksten war. Er arbeitete sich sogar mit den Fäusten durch, bis er unmittelbar hinter den -Leidtragenden sich befand. Das waren die nahen und entfernten Verwandten des Todten. die Freunde der Familie, die nächsten Bekannten des Hauses, alte und junge, schöne und häßliche, alle aber in feinen Trauergewändern, ein wenig steif in den vornehmen Trauermanieren, hinter ihnen Allen das Gerassel einer unübersehbaren Wagenreihe und dann erst die Volksmaffe in einer gewissen Entfernung. Berek verlangsamte seine Schritte und ging inmitten der Reihe dieser Herren und Damen. Ihr Gang war langsam und feierlich, er trippelte vorwärts und stolperte auch manchmal über einen Stein. Neben dem eleganten Trauergefolge nahm er in seinem flatternden Kaftan sich mehr als seltsam ans. So ging er weiter. Er hatte wahrscheinlich auch die Aufmersamkeit erregt und, man wunderte sich, woher er gekommen unb wieso er hier hineingerathen. Er aber ging ruhig weiter mit. Endlich aber fing er an zu überlegen: „Nu, wie bin ich eigentlich hergekommen? Wozu bin ich wie ein Verrückter gelaufen? Was gehe ich hier mit?" Aber er ging doch weiter. So lange er gelaufen war und sich durch die Menge Bahn brechen mußte, dachte er an nichts, getrieben ^durch eine instinktive, aber doch unbesiegbare Gewalt. Jetzt fing er an, sich über sich selbst und über die Anderen zu wundern, die mit ihm hinter dem Sarg neben den Freunden und Verwandten einhertrotteten mib über die Steine stolperten. „Nu, warum ist er damals bei mir so lange, fast die ganze Nacht gesessen? Warum hat er mit mir wie mit einem Brudergesprochen? Warum bin ich hinter dem Wagen einhergelaufen, als ich erfahren habe, daß er darauf liegt? Warum laufe ich noch jetzt hinterher?" So dachte er und wunderte sich immer mehr über sich selbst, wie über den Todten, ging aber ruhig weiter. Hinter der Stadt lichtete sich das Gefolge. Die Felder fingen zll grünen an, die jungeli Birkenbälune glänzten silberhell und begannen sich mit frischen! Laub zu bedecken. Berek war schon lange Zeit nicht außerhalb der Stadt gewesen, und jetzt, da er ins Freie kanl, da erinnerte er sich unwillkürlich an Strumienica. Der Wind, die Birkenbäume, der ganze Duft, der die Landschaft erfüllte, alles erinnerte ihn an die Heimath. Wieder steht er an dem Zäun des Gutshofes, sieht dieselben Bäume, denselben Fluß und horcht, wie der Vogel im nahen Walde sein „Kuckuck" ruft. Er richtete seinen Blick auf den silbernen Sarg: „Das war Dein Anfang .und der meinige!" Durch ein weitgeöffnetes Thor ging der Leichenzug in den Kirchhof ein, und in den blllinellgeschmückten Grabstätten und zwischen den hohen Kreuzen verlor er sich. Der alte Jude erschrak plötzlich, blieb wie festgebannt stehen, und nachdem die Menge an ihm vorübergegangen war, blieb er allein. Er schlich hinter die Bäume und ließ den Kopf hängen. „Wozu bin ich nur hergekommen? Was mache ich hier?"