Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1897)
- Date
- 1897-01-29
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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57 FEUILLETON B3IBbE gllMlibsM Das Ewig-Menschliche. Eine Erzählung von Elise Orzeszko. (Schluß.) /^Erleichtert, mit Hellem Auge und ausgebreiteten Händen, sprach der Jude weiter: „Nu, hätt' ich damals die Uhr verkaufen können, durch die mir Gott seine Gnade erwiesen hat? Ich fürchtete ein wenig, sie zu verkaufen, um das Glück nicht von mir zu wenden, und es thaten mir auch die Kinder leid, für die der Vogel, der in ihr singt, die größte Freude und das angenehmste Spielzeug war, so daß, wenn er zu schlagen anfing, sie gleich zu tanzen begannen... Ich fand viele Käufer für sie, aber immer dachte ich: Später, später, sie soll noch ein wenig bei uns bleiben! Bis der liebe Gott mir eine schwere Krankheit geschickt hatte. . Er athmete tief auf, erhob die Augen zur Decke unb sprach weiter: „Als der Herrgott mir die Krankheit geschickt hatte, konnte ich fast einen ganzen Monat nicht schlafen. Wissen der gnädige Herr, was das bedeutet, wenn ein Mensch, der in seinem Innern große Schmerzen fühlt und im Kopf schwarze Gedanken hat. die ganze Nacht hindurch mit offenen Augen liegen muß und ins Dunkle starrt? Ich sah in dieser Dunkelheit viele Sachen, die kein guter Mann je sehen soll! Ich sah meinen Tod, und meine Kinder, die ohne mich in großem Elend sein werden, und meine Sünden, die den lieben Gott beleidigt haben, und große Furcht erfaßte mich, was mich als Strafe für sie auf der anderen Welt erwartet. . . Und als ich so dalag und mit offenen Augen solche Sachen sah, mit dem Moment, wo der Vogel in dieser Uhr schlug, verwandelten sich die Bilder, in der Dunkelheit aufgehängt, in andere. Und können sich der gnädige Herr denken, was ich im Dunkeln sah, als der Vogel rief? Da sah ich Strumienicka und mich selbst, wie ich am Zaun stehe und sehe in den Wald, der da dicht hinter dem Herrenhaus war. . . Ei, was für ein schöner Sommer! ... Der Garten, von dem sich das weiße Palais abhebt, ist so grün, und so feine Gerüche entsteigen ihm. . . Ueber dem Palais auf so einem großen Baum steht so ein großer Vogel mit langem Schnabel in so einem großen Nest und nährt seine Kleinen mit Fröschen, die er vom Feld mitgebracht. . . Und in diesem Wald, in den ich schaue, der so grün ist, macht ein anderer Vogel „Kuckuck" ganz ebenso wie der Vogel an der Uhr. . . Da sah ich diese Bilder, lachte ihnen entgegen wie ein Kind, wenn man ihm ein Spielzeug zeigt, und dankte dem lieben Gott, daß er mir so eine tobte Sache geschenkt hat, die in der Dunkelheit solche Herrlichkeiten malt. . Er schwieg und saß ziemlich lange, die Hände auf die Kniee gestützt, gesenkten Hauptes da. Der Graf, der, die Hand an der Stirn, aufmerksam zugehört hatte, war gleichfalls still geworden, und ihre gebückten Greisenhäupter umrauschte ringsum das Geräusch der Zeit, zustimmend. unaufhörlich: tak-tak, tak-to-tak, tak-to-tak, tak-to-tak. Nach einer Weile vernahm man inmitten des Geräusches die gedämpfte Stimme des Juden, der fast flüsternd weitererzählte. „Wenn ich Euer Hochwohlgeboren eine ganze Woche lang Geschichten von dieser Uhr erzählen wollte, käme ich auch noch nicht zu Ende. Aber eine will ich doch noch erzählen, und der Herr Graf möge sie geduldig anhören." Nun erzählte er, als seine liebe Malke nach Amerika fuhr, habe er sie nicht auf den Bahnhof geleitet, denn er fühlte, daß er das Weinen nicht würde unterdrücken können, und er wollte nicht, daß die Menschen seine alten Augen, die noch so weinen müßten, bemitleiden sollten. Und so habe die Tochter mit ihren'Kindern sich hier von ihm verabschiedet, in diesem selben Zimmer, und gingen weiter. Und er setzte sich auf die Erde wie leblos, hier in diesen Winkel. ... ja, hier in diesen Winkel, und vergrub seinen Kopf in beide Hände und stöhnte und weinte und klagte dem lieben Herrgott, daß er ein so großes Unglück über ihn habe kommen lassen. Aber Plötzlich habe er sich gedacht, daß man auch. hier den langen schrillen Pfiff der Lokomotive, mit dem sich der Zug aus dem Bahnhofe entferne, vernehmen könne, und er empfand eine große Sehnsucht, diesen Pfiff zu hören. „Ich möchte ihn doch hören," — habe er gedacht — „ich möchte wissen, wann meine Malke und ihre Kinder nicht mehr hier sind, wann sie für mich ganz verloren sind. ..." Er wußte, zu welcher Stunde und Minute dieser Pfiff gewöhnlich ertöne, lind im Winkel dieses Zimmers sitzend, fing er an die Uhr zu betrachten, diese Uhr mit dem Vogel. Er blickte und dachte: „In einer Viertelstunde, in zehn Minuten, in fünf, in drei Minuten. . Plötzlich ertönte ein so langer und schriller Pfiff, daß er ihm das Herz durchbohrte. Seine Malke war abgereist. Wenn sie auch noch lebe, für ihn sei sie doch todt. . . „Werden Sie glauben, gnädiger Herr, daß ich mich genau erinnere: Es war gerade 23 Minuten nach 10." Der Graf erhob sich nachdenklich und sagte: „Berek, ich verstehe es wohl, warum Du diese Uhr nicht verkaufeil willst. Du liest davoil, wie ich voll der meinell, die Vergangenheit ab." Der Jude schüttelte mit großer Zufriedenheit den Kopf. „Der gnädige Herr hat so wahr gesprochen. Der gnädige Herr liest auf seine Uhr, wie ich auf der meinigen, die Vergangenheit. Jeder hat eine solche." Sie standen sich gegenüber, bereit, auseinander zu gehen, und doch zögernd. DellN sie fühlten, wie um ihre greisen Häupter ein unsichtbares Band sich geschlungen hatte und wie die Welle der Zeit unaufhörlich inimer weiter floß. Tak-tak, tak-to-tak, tak-to-tak. Der Graf setzte sich wieder hin und machte sich's auf dem Stuhle bequem, als ob er zu einer lallgen Unterhaltulig dableiben wollte. Und aus dem Zimmer ertönte, wie eine sonore Baßstimme, der . Schlag der Uhr: Eins, Zwei, Drei. Bei dem vierten Schlag antwortete ihm, wie einem reifen Manne ein Jüngling, eine ganz düllne Stimme: Eills, Zwei. Und bei dem dritten Schlag, da mischte sich ein Chor von Stilllinen ein, dem sich immer neue zugesellten, und der ganze Chor schlug einige Mal zusammeil, bis er eildlich auseiliandertönte in drei und zwei Stimmen, die elf Uhr zum Schluffe verkündeten. * Einige Monate waren verflossen. Es war ein früher, heiterer, sonniger Frühling. Der alte Berek trat aus dem Zimmer mit den beständig tickendeil Uhren und stellte sich vor die Thüre auf die Treppe, die diese von dem Trottoir trennte. Das Sonnenlicht übergoß seine Gestalt, die jetzt plastisch hervortrat: klein, ein wenig gebückt, sehr schwach, in einem langen, abgeschabten Kaftall und einer eingedrückten Mütze mit schiefem Schild. Unter der Mütze trat im Sonnenlicht ein rundes, welkes Gesicht mit runzligen Backen und einer Brille, deren Horneinfassung die Schläfen durchschallt und sich