Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1897)
- Date
- 1897-01-29
- Page
- Seite 56 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Deutlich wird das bewundernde Hinweisen des-Chors auf die Tanzende in den Worten: Drehe dich um! drehe dich um! O Mädchen von Sulem, Drehe dich um! drehe dich um, Daß wir dich sehen können! Sie: Was ist hier zu sehen An einem Mädchen von Sulem! Chor: Es gleichet Engelstänzen. Und nun folgt das Gegenstück zu der früheren Verherrlichung des Geliebten, seine Lobpreisung der Geliebten beim Tanze, von der Sohle bis zum Scheitel. Wie deine Füße schön in den Sandalen sind, Du Tochter eines hochgeborenen Vaters! Die Drehungen deiner Hüften Sind wie geschwungene Ketten, Ein Werk von Künstlerhand. Dein Schooß ist wie ein runder Becher, Worin nie ein gemischter Wein fehlt. Dein Bauch ist wie ein Weizenhaufen, Umgeben von Lilien. Deine Brüste stnd gleich Zwillingszicklein einer Gazelle. Dein Hals ist wie ein Elfenbeinthurm. Niemand, der sich über den plattesten Geschmack in der Poesie zu erheben vermag, wird sich daran stoßen, daß von nun ab in diesen alten Gleichnissen bestimmte Lokalitäten erwähnt werden, die wir nicht kennen. Der Vergleichungspunkt entgeht uns nothwendigerweise, und der Mangel an Proportion verletzt unsere rhetorischen Gewohnheiten. Aber gerade diese Eigenthümlichkeiten geben der Dichtung das uralte und morgenländische Gepräge: Deine Augen sind wie die Teiche zu Hesbon Am Thore Bathrabbims. Deine Nase ist wie Libanons Thurm, Der den Weg nach Damaskus beherrscht. Dein Haupt ist wie Karmel Und dein Haar wie Purpur. Ein König ist in deinen Locken gefangen. Wie bist du schön, wie bist du lieblich, O meine Liebe, in Wollust-Stunden! Deine Gestalt Ist schlank wie eine Palme, Deine Brüste sind Traubenbüschel. Ich will in die Palmen steigen, Ich will ihre Zweige ergreifen. Deine Brüste sollen mir werden: Traubenbüschel des Weinbergs. Dein Athem ist süß wie der Aepfel Duft, Dein Mund soll mir schenken Einen erlesenen Wein, Der mild gleite und meine Lippen feuchte. Wenn der Schlaf uns beide überrascht. Dieser Theil ist etwas wärmer im Tone, als es der Stil sonst mit sich bringt. Diejenigen, die versucht haben, ein förmliches Schauspiel aus dem „Hohelied" zu machen, haben gemeint, daß er vom Könige an eine der Odalisken des Harems gerichtet sei. Aber es liegt nichts darin, was zu dieser Annahme berechtigt. Der nun folgende Abschnitt hat einen ganz ländlichen Duft: Ich gehöre meinem Geliebten, Und nach mir begehrt sein Herz. Komm, mein Geliebter! Laß uns auf das Land gehen Und im Dorfe übernachten! Laß uns früh aufstehen und nach den Weinbergen wandeln Und sehen, ob der Weinslock Sprossen trägt. Ob seine Knospen sich geöffnet haben. Dort wM ich dir meine Liebkosung schenken. Die Liebesäpfel*) enthauchen den Duft, Ueber unseren Thüren hängen köstliche Früchte, Neue Früchte und alte. Ich habe sie, mein Geliebter, für dich aufbewahrt. Ach, warum bist du nicht mein Bruder, Den meiner Mutter Brust gesäugt hat! Träf ich dich dann auf der Straße, Dürft ich dich küssen, ohne Spott zu leiden. Ich will dich nach meiner Mutter Haus führen. Dann wirst du mich alles lehren. Ich werde dir gewürzten Wein vorsetzen, Den Most meiner Granatäpfel. Seine linke Hand ruht unter meinem Haupt! Seine rechte umarmt mich. Dies ist das vollständige Idyll, und es endet, wie alle diese Szenen, mit der Umarmung, in der die Geliebte vor Entzücken ohnmächtig wird und entschlummert: Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, Wecket nicht meine Geliebte, Weckt sie nicht wieder auf, Ehe es ihr selbst gefällt. Die Liebenden kehren vom Lande zurück. Der Chor ruft aus: Wer ist sie, die von der Steppe kommt. Auf ihren Geliebten gestützt? Er, der mit ihr unter ihrer Mutter Dach gewesen ist, wo die Bäume sich vor der Thüre beugen, sagt: Ich weckte dich unter dem Apfelbaum, Wo deine Mutter dich zur Welt brachte. Wo sie dir das Tageslicht schenkte. Sie antwortet: Setz mich wie ein Siegel auf dein Herz, Wie einen Siegelring auf deinen Arm! Deine Liebe ist stark wie der Tod, Die Leidenschaft unbeugsam, wie die Unterwelt, Ihr Feuer ist brennende Gluth, Eine Flamme von Jehova. Viele Wasser können Liebe nicht löschen, Ströme sie nicht ersticken; Wenn Einer sich Liebe kaufen wollte Für all seinen Reichthum, Würde er nur Verachtung ernten. Dies ist die^ stärkste geistige Melodie in diesem Konzert von schmachtenden, zärtlichen und sinnlichen Tönen. Was nun noch von der Dichtung fehlt, ist äußerst unklar und läßt sich, wahrscheinlich infolge der Beschaffenheit des Textes, nicht verstehen. Das Bemerkenswertheste darin ist die Aeußerung über Salomos Weinberg in Baal-Hamon, den er den Wächtern gegen eine Abgabe von je tausend Seckel Silber in Pacht gab, und der darauf folgende frohe Ausruf: „Mein Weinberg ist mein!" was offenbar bildlich gemeint ist. Aber was auf jene schöne Lobpreisung der Liebe folgt, schwächt eher den Eindruck dieses besten Theiles der Dichtung, worin ihre Erotik und ihre Poesie den Höhepunkt erreicht. *) Mandragora. Lea braucht sie, um Jakob zu locken. I