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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-01-29 · Heft 5 (29.1.1897) · p. Seite 55

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 5 (29.1.1897)
Date
1897-01-29
Page
Seite 55 (sequence 7)
Language
German
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Vas Hohelied. Von Georg Brandes. - III. . f er Theil, bet nun folgt, ist der berühmte Abschnitt, der den Charakter eines Traumes trägt,, und "der nach einem schon früher angewandten Motiv, dem Nachtmotiv, ausgeführt ist. Herrlich in seiner glühenden Lokalfarbe, hat er auf alle Zeiten einen starken Eindruck gemacht; wahrscheinlich hat er auf Goethe eingewirkt, der in der Ausarbeitung von „Egmont" das „Hohelied" in einer gewissen Nachahmung übertrug. Klärchen, die Egmont häufig des Nachts gesehen hat, eilt durch die Straßen, während sie durch Lobpreisung ihres Geliebten vergebens die Bürger zum Aufruhr zu bewegen sucht und überall mit Kälte zurückgewiesen wird. Ich schlief, aber mein Herz wachte (d. h ich träumte). Meines Geliebten Stimme! . Er klopft! Er: . Schließe auf, meine Schwester, meine Freundin, Meine Taube, meine Unbefleckte! Mein Haupt ist mit Thau bedeckt, Mein Haar ist von Nachttropfen genäßt! . Sie: Ich habe mein Kleid abgenommen, Soll ich es wieder anlegen? Ich habe meine Füße gewaschen, Soll ich sie wieder beschmutzen? Mein Geliebter streckte seine Hand Hinein durchs Fenster, Und mein Herz schlug. ' Ich stand auf, ihm zu öffnen, ' Und von meiner Hand troff Myrrha Von meinen Fingern die fließende Myrrha, Ueber den Griff des Schlosses. 1. ,. Ich öffnete meinem Geliebten, Aber mein Lieb war verschwunden, war fort. Beim Klang seiner Stimme Hatte ich meine Vernunft verloren. Ich suche ihn — ich finde ihn nicht. Ich rufe — keine Antwort. Die Wächter traf ich, sie machten den Rundgang, Sie schlugen mich, mißhandelten mich, Rissen den Mantel mir ab, Sie, die die Mauern der Stadt bewachen. Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, So ihr meinen Geliebten findet. Was wollt ihr ihm sagen? Sagt ihm, daß ich krank bin vor Liebe. Der Chor: Was hat dein Geliebter vor andern voraus? O du schönste unter den Weibern! Was hat dein Liebster vor andern voraus, Weil du uns so beschwörest? Sie: Mein Geliebter ist weiß und roth. Auserkoren unter Zehntausenden, Sein Haupt ist das feinste Gold, Sein'wallendes Haar ist rabenschwarz. Und nun preist sie ihren Geliebten, — so daß die Beschreibung symmetrisch der Lobpreisung entspricht, die er später anstimmt, um sie zu-.beschreiben und zu verherrlichen, — bis sie die Beschreibung mit dem Ausrufe vollendet: Sein Mund haucht.Süße, Alles an ihm athmet Liebreiz, So ist mein Geliebter, ihr Töchter Jerusalems! So ist mein Freund. - Und wie der Chor nun fragt: Wohin ist er denn gegangen, dein Geliebter, in welche Richtung ist er gegangen, daß wir ihn mit dir suchen können, antwortet sie in der Bildersprache, die wir nun kennen: Er ist hinab in seinen Garten gegangen zu den Balsambeeten, und sie schließt wie gewöhnlich mit dem Schlußreim: „Mein Geliebter ist mein, und ich bin sein." Sein Garten ist sie ja in der Bildersprache. Der nun zunächst folgende Abschnitt erregt dadurch besonderes Interesse, daß er auf den Zusammenhang hinweist, in welchem das junge gepriesene Weib zu dem Hofe und dem Harem Salomos steht. Der Anfang leitet den Gedanken von einem einfacheil Dorfmädchen ab; sie imponirt dem Geliebten ebenso, wie sie geliebt wird. Die Worte geben das Gefühl des Schreckens wieder,, den übermächtige Anziehung eiuflößen kann: Du bist schön, meine Freundin, wie Tirza, Lieblich wie Jerusalem, Fürchterlich wie ein Heer unter Fahnen. Wende deine Augen ab! Sie verwirren mich. Nach Wiederholung einer früheren Stelle in der Dichtung folgt: Es sind sechzig Königinnen,.. Achtzig Kebsweiber Und Jungfrauen ohne Zahl. Aber die Einzige ist meine Taube, meine Unbefleckte, Ihrer Mutter Einzige, Ihre Auserwählte, der sie das Licht gab. Und er schließt mit dem Ausspruche, daß die Jungfrauen des Harems, die Kebsweiber und die Königinnen sie glücklich gepriesen und ihr Lob gesungen haben, also lautend: Wer ist sie, die hervorbricht wie die Morgenröthe? Schön wie der Mond, Rein wie die Sonne, Aber furchtbar wie ein Heer unter Fahnen! Nach' einigen Versen, worin der Text so stark verdorben, daß der Sinn unverständlich ist, aber worin undeutlich eine Aeußerung des jungen Mädchens durchschimmert, daß sie während eines Spazierganges in ein fürstliches Gefolge von Wagen ausgenommen wurde, folgen andere Verse, in welchen ersichtlich der Tanz der Heldin geschildert wird. Die Anmuth, die sie beim Tanze entfaltet, wird in begeisterten Ausdrücken gepriesen. Merkwürdigerweise hat solch ein Tanz und die darauffolgende Lobpreisung sich bis zu unseren Tagen in Syrien als Brautschwerttanz mit beifolgendem Lobgesang erhalten?) i) Siehe I. G. Wetzsteins Bemerkungen zum Hohenliede in Fr. Delitzschs biblischem Kommentar über das alte Testament, 4. Theil, 4. Band. Es hat mich im Glauben an die Richtigkeit meiner Grund-, auffassung bestärkt, daß erst, nachdem ich mir selbständig die Auffassung vom Hohenliede als einer Art elementaren Singspiels mit Tanz gebildet hatte, daß es also weder ein Drama noch eine lyrische Sammlung sei, ich durch einen Theologen, der sich unter den Zuhörern meiner Universitätsvorlesungen befand, erfuhr, daß eine ähnliche Anschauung an der Universität von einem später weggezogenen.theotogischen Professor vorgetragen wurde, und daß . dieser sich auf Delitzschs und Wetzsteins mir bisher unbekannte Kommentare bezogen hatte.

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