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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-01-29 · Heft 5 (29.1.1897) · p. Seite 54

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 5 (29.1.1897)
Date
1897-01-29
Page
Seite 54 (sequence 6)
Language
German
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54 Marcus Antokolski. Zum 25jährigen Künstlerjubiläum. Von Albert Katz. . s gab eine Zeit, wo man den Juden Sinn und Verständniß für die bildende Kunst abgesprochen hat. Voltaire z. B. behauptete: Der Jude kann vermöge seines Fleißes wohl ein tüchtiger Arzt, ein gediegener Mathematiker, nie aber ein Maler, ein Bildhauer werden. Nun, wir wundern uns nicht darüber. Das' Mittelalter hat dem Juden - Licht und Luft und somit jede Gelegenheit genommen, die ihm innewohnenden geistigen und künstlerischen Fähigkeiten der Welt zu offenbaren. Der Außenstehende konnte daher das innere Seelenleben des Juden, das ebenso wie bei änderen Menschen vielfach in der Kunst zum Ausdruck kommt, nicht .kennen lernen. Der Jude mußte, um auch auf dem Gebiete der Malerei und der Skulptur sein Talent hethätigen .zu können,, zuerst die dumpfen, engen Gaffen des Ghetto' verlassen und frei und ün- 'behindert auf Gottes Erde sich bewegen dürfen. Kaum aber hatte die Sonne der Neuzeit die Finsterniß des Mittelalters, die den schöpferischen Geist der Juden in tiefes Dunkel gehüllt, verscheucht, da raffte sich der Jude auf und trat in einen ehrlichen Wettbewerb mit seinen Mitmenschen auch auf dem Gebiete der Malerei und der Plastik ein. Nun haben wir jüdische Maler und Bildhauer, deren Werke von den Nachkommen Derer bewundert werden, die den Juden die Fähigkeit für diese Künste einst rundweg abgesprochen hatten. Und nicht blos in Westeuropa, wo die vom Mittelalter zwischen Mensch und Mensch gesetzten Schranken längst gefallen sind, sehen wir Juden an den bildenden Künsten regen Antheil nehmen, sondern auch in den Ländern, wo der Jude noch immer als Prügelknabe der Gesellschaft, als Bürger zweiter Klasse betrachtet wird. Wer denkt hier nicht an das heilige Rußland, das sich noch immer dagegen sträubt, den Juden volle Bürgerrechte zu gewähren, und das dennoch auf seine jüdischen Künstler stolz ist? So feierte die Petersburger Gesellschaft am 10. d. Mts. das 25jährige'Künstlerjubiläum des größten russischen Bildhauers, Marcus Antokolski. Die russischen Zeitungen, die „Nowoje Wremja" nicht, ausgenommen, berichteten: Der Kaiser habe dem Künstler aus diesem Anlaß in gebührender Anerkennung seiner Verdienste um die russische Skulptur den Titel Staatsrath mit dem Prädikat Exzellenz verliehen. "Und. diese Ernennung sei auf spontane Anregung des Zaren zurück- ' zuführen. Der Künstler, der früher in Paris lebte, kehrte vor etwa vier Jahren in seine Heimath zurück. Da er ein Jude ist und damals die Verordnungen Alexanders III. gegen die Juden mit großer Strenge gehandhabt wurden, entstand die Frage , ob Antokolski der Aufenthalt -in Petersburg gestattet sein solle, uuv der berühmte Meister sah eine garstige Zeitungsfehde über diese Frage entbrennen. Schließlich wurde doch die Entscheidung zu seinen Gunsten getroffen. Nun feierte er eben sein Jubiläum unter einmüthiger Anerkennung aller russischen Zeitungen, die in der Würdigung der „russischnationalen" Bedeutung Antokolskis und seiner Werke wetteifern. Hoch und Nieder der Gesellschaft haben dem Künstler Sympathiebeweise gegeben. Nur verschweigen sie Alle, worüber wir uns nicht wundern, was aber für uns die Hauptsache, daß Marcus Antokolski ein Jude ist! Und Antokolski ist ein Jude, ein guter Jude sogar. Er ist auf sein Judenthum stolz, und seine schöpferische Kraft wurzelt, wie Alle, die ihn kennen, mit Recht behaupten, im Judenthum. Wird doch aus authentischer Quelle erzählt, daß er auf all'seinen Werkendie hebräischen Jnitialien seines Namens anbringe. Er ist im Jahre 1842 nicht in Arkadien, sondern in Wilna als Sohn armer jüdischer Eltern geboren. Die Schulen, welche er als Kind und Jüngling besuchte, sind unter den Ndmen Cheder und Bet-Hamidrasch wohlbekannt. Der Jargon war seine Muttersprache und das von den Orthodoxen damals verpönte Hebräisch nur sein heimlicher Liebling. Aber er besaßHne seltene Beobachtungsgabe, Und während er noch bei den Folianten des Talmud, scheinbar in deren Inhalt vertieft, im„Gaons Klaus", d. i. in der Lehrschnle, die einst Elia Wilna gegründet, saß, überkam ihn die Lust, das von ihm Beobachtete in irgend einer Weise zu reproduziren. Er verfiel auf das ihm zunächst liegende Material : Holz und stellte die Schnitzerei eines kleinen jüdischen Schneiders dar, wie er sich abmüht, den Faden in das Nadelöhr hineinznbekommen. Dieses sein Erstlingswerk, das für seine fernere Laufbahn entscheidend war,, erregte unter seinen Bekannten und Freunden großes Aufsehen, und man rieth ihm, sich nach Petersburg zu begeben und in die dortige Kunstakademie einzutreten. In Rußland wehte damals eine milde Luft. Zar Alexander II. wollte auch den Juden Gerechtigkeit widerfahren lassen und befahl, auch diesen seinen Unterthanen den Einlaß in die Hallen der Kunst und. Wiffenschaft zu gewähren. Antokolski benutzte diese Gelegenheit und trat im Jahre 1863 in die Petersburger Kunstakademie ein, die ihn schon im darauf folgenden Jahre für das obenerwähnte Werk mit der kleinen Silbermedaille auszeichnete. 1865 erhielt er die große Silbermedaille für sein zweites in der Judengasse zu Wilna entworfenes Kunstwerk: Ein jüdischer Geizhals. Obwohl alle seine Werke der Kunstgeschichte angehören, die ihr Urtheil über diesen gottbegnadeten Künstler bereits besprochen, so können wir uns doch nicht von diesem Thema trennen, ohne vorher einige seiner Schöpfungen genannt zu haben, die einen spezifisch jüdischen Charakter tragen. Wir erwähnen nur 1. Marannen in Spanien, 2. disputirende Juden, 3. Johannes der Täufer, 4. Christus vor dem Volke, 5. Spinoza, 6. Baron M. Günzburg. Auch die beiden Kunstwerke, die die russischen Juden zur Krönung und Huldigung dem Zaren überreichten, sind aus seiner Meisterhand hervorgegangen. Antokolski, .der seit 1880 Professor der Petersburger Kunstakademie und auch der Berliner Akademie seit 1886 ängehört, ja vonihr für seinen Spinoza, den wir vergangenen Sommer in der internationalen Kunstausstellung zu sehen und zu bewundern Gelegenheit hatten, mit der goldenen Medaille ausgezeichnet wurde, hat den Zenith seines Schaffens noch nicht überschritten. Der Geist dss alten Judenthums und der Genius der Kunst begleiten als Schutzengel diesen unseren berühmten Künstler, in dem jüdisches Seelenleben und griechischer Schönheitssinn, Sem und Japhet, harmonisch neben einander weilen. . Die Schöpfungen. Antokolskis zeichnen sich durch Betonung des charakteristischen und malerischen Elementes aus; sie trageil, wenn ich mich so ausdrücken darf, den Stempel des Judaismus und des Hellenismus auf der Stirn. Feiert die Welt des Ostens in ihm den Repräsentanten der russischen Bildhauerkunst, so verehren wir in ihm den Juden als Künstler, der nie sein Judenthum verleügnet und trotzdem sich der Gunst auch des Kaisers Alexander III. zu erfreuen hatte. Antokolski hat aber als Künstler dem russischen Volke auch den Beweis geliefert, daß der Jude, so ihm nur Licht und Luft und Sonne gegönnt wird, auch auf dem Gebiete der schönen Künste Großes und Dauerndes zu leisten vermag.

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