Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1897)
- Date
- 1897-01-22
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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.- > w, /gr^ - 61. Ächrgang. Ar. 4. 0t^4 Berlin. 22. Januar 1897. Weilage zur „Allgemeinen Zeitung des IuöenIHurns". Korrespondenzen und Nachrichten» Deutsch lan-. 8. Berlin, 17. Januar. In der heutigen Sitzung der Repräsentantenversammlungwaren die Mitglieder des Kollegiums vollzählig in Frack und weißer Binde erschienen; handelte es sich doch zu Punkt 1 der Tagesordnung um die Einführung.der neugewählten Gemeindevorsteher und Stellvertreter. Vor dieser gelangte zunächst seitens des Vorsitzenden ein von den Herren Klausner und Löwen st ein unterzeichnetes Schreiben zur Verlesung, durch welches der Vorstand, da auf den in der vorigen Sitzung vorgelegten Protest eine Antwort nicht erfolgt ist, in Kenntniß gesetzt wird, daß die Suspendirung der Wahl beantragt worden sei. Der Vorsitzende begründet die verzögerte Antwort damit, daß man zunächst die Stellungnahme des Polizeipräsidiums, dem ja ebenfalls eine Beschwerde zugestellt sei, habe abwarten wollen. Nachdern nunmehr seitens der zuständigen Behörde die Bestätigung der Gewählten auf Grund des § 37, der dem Vorsitzenden die Befugniß ertheilt, Amtsverschwiegenheit zu proklamiren, eingegangen sei, bestehe keine Veranlassung mehr, auf diesen Protest zu reagiren und stände der Einführung der Kandidaten nichts entgegen. In der Begrüßungsrede führte Herr Landsberger etwa Folgendes aus: In der größten und ersten Gemeinde Deutschlands habe man nicht nur die Verpflichtung, den Erfordernissen, die sich im Laufe der Verwaltungs-Periode bieten, gerecht zu werden, sondern man müsse auch bemüht sein, kräftig zu wirken für alles, was zur Erhaltung des Judenthums beiträgt, und als die erste Gemeinde des deutschen Reiches vorbildlich zu sein für alle anderen Gemeinden. Es gelte nicht allein die Erhaltung und die zeitgemäße Ausgestaltung der vielen Institutionen, welche in der Gemeinde vorhanden sind oder möglich werden, sondern es sei die vornehmste Pflicht der Gemeindebehörde auch die Fürsorge für den Unterricht und für den Gottesdienst. Es gehöre allerdings eine große Umsicht und ein scharfer Blick dazu, allen den verschiedenen religiösen Richtungen in der Gemeinde gerecht zu werden, mit Gerechtigkeit allen vorkommenden Bedürfnissen zu entsprechen. Die Arbeit würde den gewählten Herren nicht schwer fallen; seien doch nur solche Männer gewählt, die sich in der Gemeinde als thatkrästig und für die Interessen des Judenthums wirkend gezeigt haben, von denen man voraussetzt, daß sie nicht nur die Fähigkeit für dieses Amt, sondern auch die Liebe und Freudigkeit mitbringen, das Beste dafür geltend zu machen und für die Sache ihre ganze Person einzusetzen. Herrn Julius Jacobys organisatorischem Talent seien die umfassendsten Veränderungen im Finanzwesen zu danken. Trotz der größtmöglichen Sparsamkeit habe er jeder für das Interesse der Gemeinde nothwendigen Ausgabe das Wort geredet, er hätte stets mit der heute nur selten zu findenden Höflichkeit eines Finanzmannes den Geldsäckel der Steuerzahler geschont. Herr Martin Simon habe sich um die Reorganisation des Armenwesens verdient gemacht. Er würde, wenn er jetzt in die Verwaltung einträte, ein wirklich freudiges Empfinden haben, wenn er den unversiegbaren Opfersinn unserer Mitbürger kennen lernen wird. Auch von den beiden abgehenden Vorstandsmitgliedern, den Herren Direktor Hermann und Sanitätsrath Wiesenthal, ist der Vorsitzende überzeugt, daß, wohin sie auch gerufen werden, sie sich jederzeit gern in den Dienst der Gemeinde stellen werden. „So verpflichte ich Sie denn," schloß Herr Landsberger, „für Ihr Amt mit dem aufrichtigen Wunsche, daß Ihre Arbeit stets von dem besten Erfolge gekrönt sein möge; wir werden uns bemühen, in Frieden und Eintracht mit Ihnen zu arbeiten zur Ehre Gottes, zum Segen und Wohl unserer Gemeinde!" Herr Jacoby dankte darauf in kurzen Worten für die Anerkennung, die ihm durch den Vorsitzenden gezollt worden sei. Man könne sich nicht verhehlen, daß ein Zwiespalt in der Gemeinde vorhanden sei, doch hoffe er, daß die beiden Gruppen in nicht allzu langer Zeit den Wiederanschluß und die Einigkeit suchen und finden werden. Herr Justizrath Meyer machte zunächst auf die erfreuliche Thatsache aufmerksam, daß Herr Moritz Manheimer der Gemeindeverwaltung erhalten worden sei. Er wandte sich dann speziell noch an die neugewählten Stellvertreter, die, wenn auch nicht alle?.im Gemeindedienst bisher thätig, doch für die Interessen der Gemeinde bisher mit großem Eifer gearbeitet haben. Er machte zum Schluß seiner Ansprache noch auf eine Aenderung des § 46 des Gemeindestatuts aufmerksam, nach der es möglich ist, sich dauernd durch den Stellvertreter vertreten zu lassen. Diese Bestimmung sei mit Freuden zu begrüßen, da hierdurch die Herren selbst mit der Verwaltung bekannt würden und der Vorstand in seiner schweren Arbeit entlastet würde. — Es gelangt dann ein Schreiben der Krankenhausverwaltung zur Verlesung, nach welchem dort zum Zwecke einer Bettstiftung 12 Schenkungen im Betrage von 2000 Mark bis abwärts 600 Mark, un Gesammtbetrage von 12 000 Mark eingegangen sind. Es ist bei dieser Stiftung keine irgendwie beschränkende Bestimmung vorgesehen worden. — Die durch das Ausscheiden des Herrn Martin Simon im Finanz- und Revisionsausschuß eingetretene Vakanz wird durch die Wahl des Herrn Leonhard Sachs erledigt. — Die Satzungen der Kommission für die Friedhofsangelegenheiten, die schon in der vorigen Sitzung der Vertagung anheim fielen, kamen auch diesmal nicht zur Ruhe. Nach längerer Debatte wurde beschlossen, die Aenderungen, welche der Ausschuß vorgeschlagen, erst den Mitgliedern zugehen zu lassen und in einer späteren Sitzung zur Generaldiskussion zusammenzutreten. Auch Herr I. Oppenheim befand sich wieder auf der Tagesordnung. Diesmal handelte es sich um die Erstattung der Umsatzsteuer für das Grundstück Lühowstraße 16 im Betrage von 1250 Mark. Der Verkäufer soll einem Mitglieds des Vorstandes gegenüber geäußert haben, daß durch den Verkauf des Grundstückes keinerlei Kosten für ihn entstehen dürften. Der- Referent des Ausschusses gab zu, daß die Sache nicht ganz klar sei, empfahl aber doch diese Position zur Annahme. Herr Manheimer vertrat den Standpunkt der Minorität der Kommission, diese Zahlung nicht zu leisten. Er wies darauf hin, daß man schon bei der Zahlung der Hypothek und bei Zahlung wegen der verzögerten Auflassung Billigkeitsrückstchten genug habe walten lassen. Während Herr Jacoby in der ziemlich lebhaften Debatte eine moralische Verpflichtung zur Zahlung anerkannte, betonte Herr Justizrath Ti kt in nur die Rechtsfrage, da man keine Veranlassung hätte, aus dem Geldsäckel der Gemeinde Schenkungen zu machen. Sei die beregte Vereinbarung getroffen worden, so hätte sie durch die Auflassung des Grundstückes rechtliche Wirksamkeit erlangt. Der Titel gelangte dann schließlich doch zur Annahme! Gegen die Annahme einer Zuwendung im Betrage von 12 000 Mark, welche Herr Albert Unger im Namen seiner Geschwister für das Hospital zum Zwecke einer Bettstiftung bestimmt hat, wurde kein Bedenken seitens der Versammlung geäußert. £2 Berlin, 19. Januar. Wie alljährlich, veranstaltet auch diesmal das Kuratorium der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums eine Reihe von Vorlesungen zum Besten des Stipendienfonds dieser Anstalt. Die Vorlesungen finden im Saale des Geselligen Vereins der Gesellschaft der Freunde, Potsdamerstraße 9, an den sechs auf einander folgenden Montagen in den Monaten Februar und März, Abends 1% Uhr, statt. Das Programm ist das folgende: Am 1. Februar: Herr Professor Dr. M. Philippson: „Wanderungen in Spanien"; am 8. Februar: Herr Rechtsanwalt B. Breslauer: „Das deutsche Centralkomitee für die russischen Juden"; am 16. Februar: Herr Dr. M. Schreiner: „Was ist uns die Wissenschaft des Judenthums?"; am 22. Februar: Herr Dr. Richard M. Meyer: „Zwei Dramen Lessings"; am 1. März: Herr Dr. Hugo Preuß: „Die Aufklärung"; am 8. März: Herr Dr. Gustav Karpeles: „Das Theater bei den Juden". Einlaßkarten ä 5 Mark für den ganzen Cyklus, ä 1 Mark für eine Vorlesung sind zu haben bei Herren Gebr. Friedländer, Unter den Linden 28, und beim Eingang in den Saal.