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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-01-22 · Heft 4 (22.1.1897) · p. Seite 48

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 4 (22.1.1897)
Date
1897-01-22
Page
Seite 48 (sequence 12)
Language
German
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■ -—— 48 — ■ ' ■ ■■ lärer Mann. Allerdings in dem Heimathsstädtchen war es anders. Der Stadtdechant besaß nicht jene Bonhommie, welche den Landpfarrer auszeichnet. Für ihn war der Umgang mit einem Juden nicht wie für den Landgeistlichen eine erfreuliche Abwechslung in dem eintönigen Verkehr mit Bauern, und dann war ihm der Jude schon an und für sich ein Symbol des Niederganges geistlicher Macht. Der Jude, der in der Rathstube neben ihm, dem Stadtdechanten, saß, der sogar in den Fragen des Kirchenpatronates eine Stimme hatte, war eine unbequeme Mahnung an die geänderten Zeiten. Allerdings ließ der Dechant davon in seinem äußeren Verkehre nichts merken, er war immer freundlich und liebenswürdig, aber das alte Stadtbürgerthum sammelte sich unt ihn, und an dem Stammtisch im Wirthshause wurde bei jeder Gelegenheit die Lehre vorgetragen, daß der Liberalismus die Herrschaft der Juden und die Unterdrückung der Christen bedeute. Es kain aber für die Fabrik nur auf die Unterstützung der ländlichen Kreise an, und die verstand Awrom zu ererben. Er besaß, ohne je die dritte Realschulklasse besucht zu chaben, einen sicheren psychologischen Instinkt. Er wußte, daß der Bauer jeden Nutzen, den ein Anderer als er aus landwirthschaftlichen Produkten zieht, als einen Raub betrachte. Wenn er nun an einem Sonntag Nachmittag im Dorfwirthshause eine Versammlung hielt, die der befreundete Pfarrer bei dem Hochamte angekiindigt hatte, war er sicher, daß seine Argumente einschlagen würden. „Ihr Bauern", sagte er, „erzeugt Gerste. Die Gerste kann man nicht essen, aber Bier kaim man daraus brauen. Nehmen wir an, daß der Brauer fünfzig Kreuzer an dem Bier verdient, das er aus einem Sack Gerste herstellt, und daß der Kaufmann, der dem Brauer verkauft, und der Agent, der für den Kaufmann hier einkauft, zusammen auch fünfzig Kreuzer verdienen, so ist an Eurem Sack Gerste ein Gulden verdient worden, den Ihr in der Tasche haben könntet, wenn Ihr selber das Bier brauen wolltet. Dabei hat Getreide einen schlechten Preis, und der wird nicht besser, je mehr Bahnen gebaut werden, die das Getreide aus fernen Gegenden zuführen, wo der Boden billiger und ergiebiger ist und der Bauer weniger Steuern zu zahlen hat, während bei,uns keine Bahn ist, die Ausfuhr daher höher zu stehen kommt, wodurch der Preis des Getreides niedriger ist. Wenn wir aber Rüben bauen, wird es weniger Getreide geben, das Getreide wird theurec werden, und der Rübenbau wird sich besser lohnen als der Getreidebau. Zu Rüben gehört eine Zuckerfabrik. Ich weiß viele Leute, die Geld genug haben, eine Zuckerfabrik zu bauen, aber das geht so wie bei der Gerste. An dem Centner Rüben wird der Fabrikant wieder einen Gulden verdienen. Das ist ja natürlich. Wenn er nicht verdienen würde, würde er die Fabrik nicht bauen. Wäre es aber nicht besser, daß der Bauer selbst den Gulden verdient? Und das könnt Ihr, wenn Ihr meinem Rathe folgt und das Geld für die Fabrik durch Zeichnung beschafft. Haben wir 'erst eine Zuckerfabrik, dann bekommen wir auch eine Bahn, und haben wir eine Bahn, dann könnt Ihr Alles besser verkaufen: Getreide, Stroh, Heu, Vieh, Obst, Butter, Eier, kuzum Alles, was Ihr habt." Eine solche Rede hatte stets glänzenden Erfolg. Solche Kraststellen, die dem Egoismus des Bauern wohlthaten, wurden stets von enthusiastischen Zurufeiu „Recht hat, er der Abraham; das ist ein gescheidter Jüd'" und^ähnlichen begleitet, und wenn der Redner geendet hatte, fand sich immer Jemand, der sagte: „Abraham, wenn es lauter solche Juden gäbe wie Du, dann wäre Alles gut." (Fortsetzung folgt). Sprechsaat. Geehrter Herr Redakteur! wei Veröffentlichungen, welche die „Zeitung des Judenthums" in G§r jüngster Zeit gebracht hat, veranlassen mich, in Betreff der Kampfesweise gegen den Antisemitismus folgende Bemerkungen zu machen. 1. Zur Abwehr der Angriffe gegen das Judenthum und ferner Bekenner gehört auch der Hinweis auf die Verdienste der Gesammtheit und der Einzelnen; hierin lassen wir uns häufig von einer Rücksichtnahme leiten, die gar nicht nothwendig ist. 2. Andererseits ist nicht zu bestreiten, daß die Worte des verflossenen Antisemitenhäuptlings Leuß in B. XII, Seite 327 der „Zukunft" noch heutesehr wenig berücksichtigt werden; er sagt dort: „In der Vertheidigung gegen Angriffe werden die Juden immer -maßlos, unklug." So hat der Dr. S. Goldschmidt-Kolberg in Nr. 1. der „Zeitung des Judenthums" in einem Artikel: „Sind die Juden vaterlandslos?" einen Bericht aus Stolp (vom Jahre 1842) gebracht, welcher im Orient, Jahrgang 1842, Seite 211 zu finden ist. Aus welchem Grunde' ist aber der zweite Theil der Korrespondenz nicht auch gebracht worden? Möge derselbe hier seinen Platz finden. „1807, als der hochselige König in Königsberg i. Pr. war, mangelte Geld, um den Sold der Armee zu bezahlen. Hardenberg schrieb an die Kaufmannschaft daselbst und trug um eine Anleihe an; diese baten fich drei Tage Bedenkzeit aus; um nicht in Verlegenheit zu kommen, schrieb Hardenberg auch an die Aeltesten der Judenschaft und trug um diese Anleihe an; sie erwiederten sogleich, dieses bereitwillig zu thun. Waren sie nicht der Gefahr ausgesetzt, das ganze Land könnte verloren gehen und ihre Anleihe dazu? Sie thaten es doch! Nach drei Tagen erwiederte die Kaufmannschaft: sie hätten gern die Anleihe bewerkstelligt, sie hätten jedoch zu viel Banko-Obligationen und könnten nicht dienen. Die ganze Armee wäre gewiß aus einander gegangen, wenn kein Sold wäre bezahlt worden. Israeliten haben auch damals in der Noth gedient. Den 11. März 1812 .erhielten wir durch Hardenbergs' Vermittelung das Staatsbürgerrecht. Selig sein Andenken!" Und nun ein Beispiel zu Nr. 2 meiner Bemerkungen, ebenfalls gegen einen Artikel aus der „Zeitung des Judenthums", und zwar Seite 624 des verflossenen Jahrgangs. Dort wird berichtet über ein Büchlein des Freiherrn v. Berger. Ob die Registrirung desselben nach dem angedeuteten Inhalt in einer jüdischen Zeitung nothwendig ist, mögen die Gelehrten entscheiden; wogegen wir Laien jedoch entschieden protestiren wollen, find die maßlosen Ausfälle gegen Treitschke, die dort gar nicht am Platze find. Schmerzlich berühren wird der Name Treitschke einen jeden gebildeten Juden, da gerade er am meisten dazu beigetragen hat, die geringschätzige Meinung gegen uns in gebildete Kreise zu tragen. Doch wächst bereits Gras über sein Grab, und wir wissen, daß er auch Juden seine Freundschaft schenkte, und daß er sein leidenschaftliches Auftreten gegen sie auch manches Mal bereute. Siehe Miseelle Nr. 2 „Zeitung des Judenthüms". Als Lehrer an der Berliner Universität lauschten Hunderte von Studenten, und darunter nicht wenig jüdische, andächtig auf jedes seiner Worte und nahmen von seinen Geistesschätzen mit nach Hause. Wenn nun dieser große Mann, wie es in dem betreffenden Aufsatze geschieht, in eine Reihe „mit Skribenten gestellt wird, welche im Namen der Wissenschaft Sünde auf Sünde häufen," so dürfen wir dieses nicht durchgehen lassen. Keinen größeren Feind kennt das Judenthum als Bileam; und doch haben unsere Weisen seinen Ausspruch: *D1SD Hö als Eingangsworte für das erste Gebet im Gotteshause genommen. Ebenso wollen auch wir uns bemühen, das Böse unserer Gegner zu vergessen und das Gute,' was sie bewirkt, zu bewahren. 8. B. Druck und Verlag vvu Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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