Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1897)
- Date
- 1897-01-22
- Page
- Seite 47 (sequence 11)
- Language
- German
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begünstigt. Die Bauern hatten einmal zu ihm Vertrauen, sie ver-, kauften ihm lieber ihren Roggen, als daß sie ihn zum Markte führten; mit der gräflich Ulrichsteiu'schen Gutsverwaltung schloß er einen Vertrag, wodurch er auf mehrere Jahre die ganze Ernte zu den Preisen der Wiener Getreidebörse sich abzunehmen verpflichtete. Das Brod seiner Bäckererei hatte in der Großstadt eine Verkaufsstelle und fand reißenden Absatz, und Ignaz Rosenfeld erklärte das Fehlschlagen seiner Prophezeiung mit dem „Der Baller hat nur 311 einem ungebildeten Menschen Zutrauen^ vor einem gebildeten Menschen hat er immer Angst." Awroms Unternehmungsgeist war aber rastlos. Die Umgebung hatte einen reichen Obstbau. Sonst war wegen der Entfernung der Bahil in guten Jahren für das Obst kein Preis zu erzielen, so.daß die Bauern es als Viehsutter verwenden mußten. Awrom gründete eine'Obstdarre, ein kühnes Experiment, wie er selbst zugab, wobei er mehr riskirte, als er im Mißliugsfalle verschmerzen konnte. Ignaz Rosenfeld zuckte die Achseln. „Der Dumme hat's Glück", sagte er „aber ich wollte seinen Kopf nicht auf mir tragen, obwohl ich doch etwas vom Geschäft verstehe, ich meine von der kommerziellen Wiffenschaft." Der Dumme hatte wirklich Glück; das neue Unteruehinen profperirte. Nach drei Jahren war es in die Hände einer Aktiengesellschaft übergegangen; A. M. Schwarzmann war Präsident des Verwaltungsrathes und hatte einen Verein für Obstkultur gegründet, dem er ein zll seiner Mühle gehöriges Grundstück als Baumschule schenkte, über dessen Eingangsthor ein Schild: „Pomologische und önologische Versuchsanstalt" prangte. Präsident der Gesellschaft war natürlich Awrom. „Was aus einem Menschen wird!" sagte Ignaz Rosenfeld, „ich zweifle sehr, ob Awrom auswendig weiß, wie die Gesellschaft heißt, deren Präsident er ist; aufschreiben kann er - es jedenfalls nicht. Je weniger man gelernt hat, desto besser ist es." Ja, was aus dem Menschen wird! Awrom hatte sich um die Entwickelung des Gemeinwesens so große Verdienste erworben nnb hatte so viele seiner Mitbürger sich zu Danke verpflichtet, daß ihm die Bürgerschaft eine Anerkennung schuldete. Dieselbe wurde ihm in der glänzendsten Weise zutheil, indem er bei den nächsten Wahlen einstimmig in den Gemeinderath gewählt wurde. Wieder war Awrom ein Pionier. Er war der erste jüdische Gemeinderath des Ortes, wie er dcr erste jüdische Industrielle gewesen war und als erster ein Schaufenster arrangirt hatte. Seine geschäftlichen und öffentlichen Pflichten hatten sich vervielfältigt, sein Maschmengeschäft hatte er einem Neffen gegeben, und auch sonst war er der Wohlthäter seiner Familie, seiner Heimath und der jüdischen Gemeinde, deren Vorsteher er schon seit Jahren war. Wenn er am Neujahrstage zur Thora gerufen wurde und eine Summe spendete, die der von seinem Vater bezogenen Pension gleichkam, ging immer noch eine Bewegung durch die Bänke. „Wer hätte das von Mordche Wächters Sohn geglaubt?" sagte der Eine. „Glück muß man habeil" meinte der Andere, und aus manches Vaters Brust rang sich ein stiller Seufzer, wenn er an die eigenen fehlgeschlagenen Hoffnungen dachte. Awroms Pläne rasteten nie . . Seine genaue Kenntniß der landwirthschaftlichen Verhältnisse ließ in ihm ein großes- Projekt reifen, an dem fein jüdisches Gefühl wesentlichen Antheil hatte. Obwohl er selbst niemals Geldgeschäfte gemacht hatte, fühlte er schmerzlich den Vorwurf des Wuchers auf den Juden lasten. Darum arbeitete er mit aller Energie an der Gründung einer landwirthschaftlichen Sparkasse. Die konservativen Spießbürger des Städtchens wollten von einem derartigen Unternehmen nichts wissen, erst als es Awrom gelungen war, Kapitalisteil aus der Hauptstadt als Gründer heranzuzieben, wagte sich das in Truhen versperrte Kapital hervor . . Das neue Unternehmen gedieh wieder trefflich, es erwies sich als eine Wohlthat für die bäuerliche Bevölkermig und warf noch nebenbei einen ansehnlichen Gewinn ab, aus dem der Stadt bedeutende Spenden zuflossen, mit denen der Ban eines neuen Schulhauses, und die Anlegung eines Parkes bestritteii wurde. A. M. Schwarzmaiin war natürlich auch hier Präsident des AufsichtsrathH und damit eine Macht in der Gegend geworden' Jetzt reifte in. ihm ein Plaii, dessen Ausführung ihiii schon lange auf der Seele gelegen hatte. Cr wollte ein großes industrielles Unternehmen ins Leben rufen, das der Stadt" imb der bäuerlichen Bevölkerung zum Segen gereichen sollte. Die Landwirthschaft gilig zurück, seit ausländische Konkurrenz den Getreidepreis daiiernd herabgedrückt hatte; mtu Industrie konnte ihr und deni Orte aufhelfen. Eine große Zuckerfabrik, die den Rübenbau lohnend machen würde, war. immer sein Ideal gewesen. Die Sparkasse, welche ihm den Beweis lieferte, wie viel Kapital der Verwerthung harre, ermuthigte ihn dazu. Die Bauern sollten ihre Produkte selbst verarbeiten, sie sollten mit ihrem Quantuln Rüben Theilhaber an dem Geschäfte werden. Die gräfliche Gutsverwaltimg, an die er sich zuerst wandte, kam ihm entgegen, ihr war an einer besseren Verwerthung der Bodenprodiikte ihres ausgedehnten Güterkomplexes in erster Linie gelegen. Weniger leicht gestaltete es sich, die größeren Grundbesitzer zu gewinnen. In ihnen strecktevor Allem der bäuerliche Konservativismus, der vor jedem neuen Unternehmen zurückschreckt, dann die Furcht vor der Industrie, welche die Löhne vertheuert und unzuverlässiges Volk in die Stadt zieht, und endlich ihre Abneigung, einem Juden Gefolgschaft zu leisten, was Awrom schon oft genug im Verwaltungsrath der Sparkasse erfahren hatte. Er hatte einmal vergeblich versucht, einem jüdischen Advokaten die Stelle eines Rechtsbeistandes der Sparkasse zu verschaffen; alle Stimmen waren dagegen; in den privaten Besprechungen, die er mit den Mitgliedern des Kuratoriums hielt, betheuerte ein Jeder, vorurtheilslos zu sein, aber die Anderen seien nun einmal so, und es ließe sich nichts machen. Zum Glück für Awrom hatten die Kleinbauern absolutes Vertrauen zu ihm. Er hatte ihnen in so vielen Fällen zu ihrem Besten gerathen und sich als ihren uneigennützigen Freund gezeigt, daß sie ihm unbedingt trauten. Vielleicht hatte auch Ignaz Rosenfeld Recht. Er war ihnen noch immer der Abraham, der ihnen einen Sack Gerste abgekauft hatte, „den alten Mottle sein Sohn", der eben seinen Laden eröffnet hatte, er war einer ihresgleichen. Daun verstand er das Geschäft, er hatte die Landpfarrer auf seiner Seite, mit denen er, da sie alle Grundbesitzer und Kapitalisten waren, durch die Mühle und die Sparkasse geschäftliche Verbindungen unterhielt. Da war Pater Weber, ein leidenschaftlicher Bienenzüchter. Awrom versäumte nie, sich seine Bienenstöcke zeigen zu lassen, hörte aufmerksam den Erklärungen des geistlichen Herrn zu und versprach, den Verein für Obstkultur zu erweitern und ihm eine Jmker- Abtheilung beizufügen, nur augenblicklich beschäftige ihn die Gründung der Zuckerfabrik so sehr, daß er auf sich nichts Weiteres einlassen könne. Wieder ein anderer geistlicher Herr war ein großer Blumenfreund, und-Awrom gewann ihn durch, ein Geschenk einer besonders seltenen Samenvarietät, einer Palme oder einer seltenen Kaktusart und durch ähnliche Aufmerksamkeiten. Ein Anderer war ein Jagdliebhaber; bei ihm war ein neues Gewehr gut angebracht, bei einem Anderen that es ein Reh-oder ein Paar Fasanen oder ein Fläschschen Ungarweius, und selbstverständlich wurde das Fräulein Wirthschafterin nicht vergessen. So war Awrom in diesen Kreisen ein sehr popu-