Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1897)
- Date
- 1897-01-22
- Page
- Seite 46 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228202-3228207--53427-3267349- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
46 gewundert, daß ein solches Kind auf der Welt sein kann. An demselben'Tage, wo ich diese Uhr gekauft habe, kehrte mein Mosche aus seinem Cheder so schwach, so blaß und traurig zurück, daß ich Angst bekam, er könnte krank werden, und der liebe Gott könnte ihn mir nehmen. Mein Mosche kam aus dem Cheder, setzte, sich in die Ecke, wollte nicht essen, sah nur auf die Erde und sagte, daß'ihm der Kopf sehr weh thut, und daß er im Cheder sehr müde geworden sei, daß der Melamed sehr streng wäre, und daß er nicht mehr leben wolle. Ei, ei, solch ein Kind soll nicht leben wollen! Das ist wunderbar, das ist schrecklich, und das -ist eine protze Sünde! Als er dasgesagt hatte, faßte ich mich an den Kopf, und seine Mutter faßte sich an den Kopf, und seine Schwestern fingen an zu weinen, weil Mosche nicht mehr leben wollte, und wir saßen, unsere Köpfe haltend . und uns schüttelnd vor Weh. Da begann die Uhr plötzlich Zu schlageil und „Kuckuck!" Zu rufen. Und es war gerade zehn Uhr, und da machte sie zehnmal „Kuckuck!" Beim ersten Schlag hob Mosche den Kops und verwunderte sich, beim zweiten sah er nicht mehr auf die Erde?, sondern auf die Uhr, beim dritten leuchteten seine Augen auf, und er rief aus,: „Ei, ei, Tate, was ist das? Wo hast Du dasher?" Und er begann die Uhr anzulachen, wie z. B.^ ein Mensch, den man lauge im Finsterrl hält, und der endlich die Sonne erblickt. Ich war sehr zufrieden, daß er lachte, sprang auf beit Schemel und drückte die Feder, die der gnädige Herr gesehen haben, und wie ich drückte, sprang aus der Uhr der Vogel heraus, begann mit den Flügeln zu schlagen .und noch stärker zu kuckuhn. Nu, als er den Vogel sah, mein Mosche, sprang er schon ganz aus der Ecke heraus, faßte die ältere Schwester mit beiden Händen und fing an, mit ihr vor der Uhr zu tanzen; und wie er mit der älteren Schwester tanzte, faßten sich die beiden/jüngeren auch bei den'Händen und begannen zu tanzen. Nicht nur tanzten sie, sondern vor Freude, daß sie einen so schönen Vogel gesehen hatten, lachten sie ganz laut, und die Mutter, die am Kamin Mittag kochte, fing an zu lachen. Ich stieg nicht vom Schemel und sah zu, wie sie alle tanzten und lachten. Der Vogel schrie, und ich. auf der Fußbank vor der Uhr stehend, dankte in Gedanken dem lieben Gott, daß Mosche nicht krank war und wieder leben wollte und daß in meinem Hause so großer Jammer sich in solche Freude verwandelt hatte." Das muß in der That eine große Freude gewesen sein, , denn noch jetzt, nach vierzig Jahren, fiel ihr Abglanz auf die vielen Runzeln seines Gesichtes, und ihr Echo ertönte in seinem leisen und gedehnten Lachen. (Fortsetzung folgt). Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit, von Gotthard Deutsch. Drittes Buch. Die Barriere des Ghettoknäben. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Kleine Anfänge. war ein großer Festtag im Städtchen. Die Häuser waren beflaggt und mit Reisig geschmückt; hohe Masten, durch Blumenguirlanden verbunden, von denen bunte Lampions herabhingen, waren auf dem Marktplatz aufgerichtet; an. dem Eingänge zu demselben stand ein Triumphbogen, der in mächtigen, aus schwarzen und gelben Blumen zusammengesetzten Buchstaben daß Wort „Willkommetl" über dem Thorbogen zeigte; viele geputzte Menschen in der malerischen Banerntracht der Umgebung wogten auf dem Platze ans mtd nieder, durch den Triumphbogen ans die Straße hinaus, an der ein großes Fabrikgebäude mit seinem mächtigen Schlote die Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Alle Fenster des großen Baues waren mit Reisig-Guirlanden umwunden', von jeder Dachluke wehten Fahnen, und in dem großen Hofcaume stand ein Holzbau, dem man sofort die Bestinnnung als Festhalle ausah. Unweit der Fabrik sah man einen gefälligen neuen Rohziegelbau,, vor dem die bürgerlichen Schützen in ihrer Feiertagsuniform mit ihren blanken Gewehren Aufstellung genommen hatten. Auf der Zufahrtstraße bildeten die uniformirten Vereine, die Turner, die Feuerwehr und die Veteranen Spalier; von dem benachbarten Hügel , ertönten von Zeit zu Zeit Böllerschüsse; das Städtchen war in hellem Jubel. Der Festtag galt btt Eröffnung der Eisenbahn. Beinahe" ein halbes Jahrhundert war vergangen, seit Reb Rephoel dem staunenden Mordche die Neuigkeit mitgetheilt hatte, daß man in England einen Wagen erfunden habe, der ohne Pferde sich rascher vorwärts bewege, als die sechsspännige Extrapost. Was damals eine Zeitungsente schien, war längst als Thatsache bekannt geworden, aber das Städtchen war von den großen Verkehrslinien bei Seite gelassen worden und war dadurch sehr in seiner Entwickelung gehemmt. Besonders die jüdische Gemeinde hatte darunter gelitten. Der Handel , hatte den Ortw'erlaffen, und mit ihm waren die meisten Juden weggezogen. Was"'zurückgeblieben war, beschränkte sich auf eine Handvoll bettelarmer Leute und einige Greise, die von einem mäßigen ersparten Vermögen oder den Unterstützungen auswärts lebender Kinder ihr Dasein fristeten. Jetzt hoffte man auf einen neuen Aufschwung, des Gemeinwesens und das war Awrom zu verdmtken, der freilich nicht mehr Awrom hieß, sondern unter seinem Firmauamen A. M. Schwarzmann bekannt war und im Orte Herr Bürgermeister titulirt wurde. Es warenandere-Zeiten gekommen, ganz wie Reb Rephoel es prophezeit hatte, und Awromhatte sie begriffen. Er sah ein, daß unter den modernen Verkehrsverhältniffen der Kleinhandel aussichtslos verloren sei, und warf sich mit kaufmännischem Scharfblick auf immer neue Erwerbszweige. Zuerst bürgerte er landwirthschaftliche Maschinen im Orte ein; die kleineren verkaufte er an Bauern; die großen Dreschmaschinen und Dampfpflüge kaufte er auf eigene Rechnung, um sie an einzelne Grundbesitzer zu vermiethen. Er wagte dann einen Coup, der unter den jüdischen Gemeindemitgliedertl mehr Kopfschütteln erregte, als seinerzeit das erste Schaufenster, er kaufte eine Mühle, deren Besitzer abgewirthschaftet hatte, gestaltete sie zu einer Dainpfmühle um und erweiterte sie durch eine Brodbäckerei mit Dampfbetrieb. Diesmal wurden die Kassandrarufe noch lauter. Ignaz Roseufeld, der Awroms Laden übernommen hatte, als das Maschinengeschäft diesem die Beschäftigung -mit dem Kleinhandel nicht mehr gestattete, sprach tut Wirthshausgarten — die jüdische Weinstube war längst zur Mythe geworden — offen seine „Befürchtungen" ans. Ignaz Rosenfeld hatte drei Jahre die Realschule besucht, allerdings war er im dritten Jahre bodenlos dnrchgefallen, er hatte einen einjährigen Kursus an der Handelsschule durchgemacht und in großen .städtischen Geschäften als Kommis gedient, er war der Sohn eines wohlhabenden Vaters, und seine Frau hatte ihm 4000 Gulden gebracht. Wenn Jemand Geschäft versteht, so ist es Ignaz Rosenfeld; das ist sein, also das kompetenteste Urtheil: Awrom hat Glück gehabt. Damals waren noch gute Zeiten. Heute trägt das Geschäft nur noch die Spesen. Das Glück hat Awrom den Kopf verdreht« und er hält sich für einen Geschäftsmann. „Nun, ich wünsche ihm alles Gute," schloß Ignaz seine- Rede „aber wir werdetl sehen." - Und Awrom, der niemals, iil der Reaffchule durchgefallen war, der niemals die Handelsschule besticht hatte, war wieder vom Glücke begünstig kauften i' ntit der trag, tob der Wie seiner B« reißender seiner P einem ur hat er ii Aw hatte ein Bahn in die Bau eine Ob er mehr Rosensel „aber iä etwas 1 Wissensc De' fperirte. schaft u waltunc dem er schenkte, önologsi natürlic Rosenfe sellschaf falls ni was au des Ge seiner s eine Ar Weise; Gemen Tl Gemen wesen geschäfi Maschi er der Gemei Neujal die de' noch e Wacht meint« stiller dachte. 2 laudrr reifen, wohl den 3