Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1897)
- Date
- 1897-01-22
- Page
- Seite 45 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228202-3228207--53426-3267348- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
45 nachdem der kaboä-Begriff bereits eine hohe Stufe erreicht hatte. Die sprachliche Entwickelung schreitet wohl vom Materiellen zmn Ideellen fort, und'das ist der natürliche Gang. Zuweilen wird der entgegengesetzte Weg eingeschlagen. Das Abstrakte wird auf das Sinnliche übertragen. Es findet eine Materialisirung des Ideellen statt. Es ist möglich, daß die kabod, auf der höchsten Stufe angelaugt, wieder materialisirt wurde. Solche sprachliche Umbiegungen darf freilich nicht Jeder vornehmen, nur gottbegnadete Dichter- Propheten dürfen sie sich erlauben. In der That war es der größten Einer, der dies bei der kabod zuerst wagte: Jesaia. -II—II-—-IHHI-' ( | iMMMM IL rgatiiKurwnmm ZsSurrTOBM FEUILLETON T]| MImEMiliIMMMiiiulMMWMWMukWMfMWslkMMkWfMMMWWjiNL -H-■as*-II—II-. Bas Ewig-Menschliche. Eine Erzählung von Elise Orszeszko. pr. (Fortsetzung). er Jude schlug sich mit den Händen auf die Kniee und rief besorgt : „Wozu kennen Sie das Räthsel, gnädiger Herr? Es ist bester, es gar nicht zu kennen. Nu, aber wenn wir es beide kennen, werde ich dem gnädigen Herrn von meiner Familie nicht mehr erzählen. Es sind anständige Menschen und ehrliche Menschen, Einige sind sogar gelehrt und reich, aber es sind nicht meine Leute. . . Sie gehören sich und der Welt . . . nicht mir. . Er hatte mehrere Töchter, aber nur eine hat nie aufgehört, ihm anzugehören. Sie liebte und Pflegte ihn, war das Licht und die Freude seiner Augen; aber lange schon sah er sie nicht mehr und wird sie nie sehen. In ihrem Geschäft hatte sie Unglück und Verluste. Mit Mann und Kindern wunderte sie aus nach Amerika, um ein glücklicheres Loos zu suchen. ... Ab und zu bekommt er einen Brief von ihr, aber was ist ein Brief? Er wird sie nie mehr erblicken, und das ist ein so großer Jammer, daß man ihn nur darum ruhig und geduldig ertragen kann, weil er von Gotieshand gesendet ist. Was soll man machen? Seine Augen, die, wie der Graf gesagt hatte, blau wie Türkise gewesen, aber jetzt grau und erloschen sind, erglänzten in Thränen. Aber schnell schüttelte er die Rührung ab, und dankbar für die freundlichen Fragen, sagte er schüchtern: „Der gnädige Herr sollen nicht böse werden, wenn ich mich nach der Schwester des gnädigen Herrn erkundige, nach dem gnädigen Fräulein Komtesse, die einst mich, den armen Judeniungen, auf dem Bilde gemalt hat. Ei, war das ein schönes Fräulein! Ich erinnere mich ihrer ganz genau. Warum soll ich mich ihrer nicht erinnern, wenn ich nachher nie mehr ein so schönes Fräulein gesehen habe? Sie war ein Engel. Sie war so schön, so gut und so still und fein, wie ein Engel! Ich weiß, daß der gnädige Herr mit ihr in großer Freundschaft lebten. Warum soll ich das nicht wissen, wenn ich nachher nie mehr solche Freundschaft gesehen habe! Lebt sie noch? Wo lebt sie? Was macht sie? Geht es ihr gut?" Nach kurzem Schweigen erwiederte der Graf gesenkten Blickes: „Ich hatte drei Schwestern, aber mit der, nach der Du fragst, lebte ich wohl am besten. Sie lebt, es geht ihr gut, aber lange sah ich sie nicht und werde sie vielleicht nie mehr sehen. Sie heirathete einen Engländer und ist nach England gegangen. Sie kommt niemals hierher, und mir, der ich nahe bin der größten Reise, wird es schwer, auch eine kleine zu unternehmen. . . Für mich ist sie todt, wenn sie auch lebt. . . Was soll man machen?" Der Jude hörte aufmerksam zu und schüttelte traurig den Kopf. „Der gnädige Herr haben denselben Schmerz wie ich; der gnädige Herr haben richtig gesagt: sie ist todt, wenn sie auch lebt. Ebenso denk' ich von meiner Malke. Ich denke, daß die Menschen verschieden sterben: die einen durch Krankheit, die anderen durch Entfernung, andere dadurch, daß sie sich ändern, andere . . . aber wozu erzähle ich das dem gnädigen Herrn, wenn Sie das selbst wissen." Er schlug mit der Hand in die Luft und schwieg still, und der Graf, den Blick immer zu Boden gesenkt, erwiederte kurz: „Ich weiß." Beide schwiegen jetzt, und die Uhren murmelten mit unaufhörlichem Geräusch: „tak-tak, tak-to-tak, tak-to-tak, tak-tak", bis aus dem Geraschel eine laute Stimme erscholl, durch das ganze Zimmer rufend: „ku-ku". Der Graf erhob sich und trat an die Uhr heran. Seinen Pelz hatte er geöffnet, weil ihm in der dumpfen Stube die Hitze unerträglich wurde, und vor den Augen hatte er jetzt seine eigene goldene Brille. Mit erhobenem Haupte betrachtete er durch diese Brille lange die alterthümliche Uhr, bis er fragte: „Wieviel würdest Du für diese Uhr verlangen?" Der Jude, der am Tischchen stehen geblieben war, erhob seinen Kopf und antwortete lächelnd: „Was soll ich verlangen? Ich verlange überhaupt nichts für sie." „Wie denn? Du handelst doch mit Uhren?" „Der gnädige Herr haben Recht. Ich handle mit Uhren, aber diese Uhr gehört nicht zum Geschäft." Der Graf wandte sich verwundert ihm zu. „Warum? Das ist ein verkäuflicher Werthgegenstand. Ich selbst würde ihn gern kaufen." Der Jude uickte bejahend. „Ich weiß, daß das eine theure Uhr ist und daß ich viel für sie bekomme:: könnte, aber ich verkaufe sie nicht. Haben der gnädige Herr 'mal gehört, daß ein Freund seinen Freund verkauft?" Der Graf blickte den Sprecher fast starr an. „Ist es möglich?" rief er aus. „Du bist doch nicht reich und bist ein Jude, und die Juden schätzen nur das Geld!" Der Jude erwiederte leise: „Der gnädige Herr thun sich irren." Der Graf entgegnete mit. leisem Lächeln:, „Warum thu' ich mich irren? Was schätzest Du an dieser Uhr so hoch, daß Du sie nicht verkaufen willst? Du hast ja so viel andere! Wodurch kann diese da für Dich so wichtig oder theuer sein?" Er war so überrascht und neugierig gemacht, daß er sich wieder auf den Stuhl mit dem eingedrückten Kissen und der gebrochenen Lehne setzte. Der Jude begann langsam zu sprechen: „Wenn der gnädige Herr sich mein Gerede anhöreu wollen, werde ich alles erzählen. Es werden bald vierzig Jahre, daß ich diese Uhr besitze. Ich habe sie für billiges Geld gekauft und deshalb gekauft, um sie für mehr zu verkaufen. Aber damals war Mosche, der jetzt ein Kaufmann ist und große Geschäfte mit Getreide inacht, noch ein ganz kleiner Junge, der in das Cheder ging; ich hatte damals noch keine Söhne außer ihm, fürchtete sehr, daß der liebe Gott keine weiteren bescheren würde, und liebte ihn sehr. Ei, war das ein Kind, mein Mosche! Wenn der gnädige Herr ihn gekannt hätten, so hätten Sie sich selbst