Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1897)
- Date
- 1897-01-22
- Page
- Seite 41 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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41 Gottes zu machen. Der Vertraute im Hause Gottes war zugleich der Vertraute und Freund im Bereiche der Menschlichkeit, und das ist gerade der große, herzgewinnende Reiz an dem Leben Moses und der Erzväter, der uns immer von Neuem zu verehrungsvollem Anschauen hindrängt, daß sie eben im Verkehr mit der Außenwelt ohne einen Hintergedanken der religiösen Besonderheit und daher ohne jegliche Trübung des ursprünglichen, natürlichen und warmen Gefühls dem Menschen menschlich gegen überstanden und in ihm das rein Menschliche achteten. Bei den Erzvätern bekundet sich diese glänzende Seite ihres Lebens in nichts deutlicher, als in dem Verhältniß der Eidesleistung. Elieser leistet bem Abraham einen Eid „in die Hände", und Abraham nimmt denselben mit der vollen naiven Gläubigkeit an das rein Menschliche, welches auch in dem gesitteten Heiden lebt, entgegen. Abraham und Abimelech, König von Gerar, leisten einander ohne Rücksicht und ohne Bedenken, in dem unbefangenen Vertrauen zu der Unverbrüchlichkeit einer feierlichen Versicherung einen Eid. Genau dasselbe wiederholt sich ein anderes Mal zwischen Isaak und Abimelech. Es soll hier nicht bewiesen werden, was nicht bewiesen 31t werden braucht, nämlich die jüdischreligiöse Heilighaltung und Unverbrüchlichkeit des Eides, da allgemein bekannt ist, wie viele eindringliche Lehren und Mahnungen in der Bibel und im Talmud diese einschärfen, und da jedem Schulkinde das praktische Beispiel eines Josua geläufig ist, welches den Lehren des Judenthums von der Heiligkeit und Unverletzlichkeit des Eides die Krone aufsetzt, indem Josua selbst den seitens der Gibeoniter von ihm und den Fürsten Israels betrüglich erschlichenen Eid aufrecht gehalten. Es soll damit aber nur gezeigt sein, wie vortheilhaft sich jene alte Zeit im rein menschlichen Verkehr gegen die gegenwärtige ausnimmt, in welcher in gewissen Kreisen in Bezug auf den von einem Deutschen christlichen Glaubens vor einem deutschen Richter jüdischen Glaubens zu leistenden Eid eine Menge Stimmen sich kundgeben, die geeignet scheinen, die Grundlage einer gesunden gesellschaftlichen Entwickelung in voller Verkennung der wahren staatsbürgerlichen Wohlfahrt der gesammten Nation zu erschüttern und die feste gesellschaftliche Ordnung in eine heillose Verwirrung aufzulösen. Jethro, der heidnische Priester von Midian, stellt das Kriterium eines Richters barin auf, daß er nichts weiter von ihm fordert, als daß er sei ein Mann des Biedersinns, der Gottesfurcht — welche in dem Gewissen und der Scheu vor dem Frevel sich bekundet —, der Wahrheit, der Uneigennützigkeit; und Moses faßt alle diese unerläßlichen Richtertugenden in der sittlichen Freiheit und Furchtlosigkeit zusammen, indem er den Richtern zuruft: „Richtet gerecht zwischen Jedermann und seinem Bruder und seinem Fremdling; erkennet kein Ansehen an im Gericht, den Kleinen wie den Großen sollt Ihr hören; fürchtet Euch vor Niemanden, denn das Gericht ist Gottes." Was geht aus dem Verhältniß Moses zu Jethro klarer und überzeugender hervor, als daß nach dem Beispiel, dem Worte und dem Geiste Moses ein Mensch im öffentlichen und im privaten Verkehr dem anderen nur als Mensch begegnet, und daß demnach Richter und Parteien blos auf dem festen Boden des durch seine Gottesebenbildlichkeit geweihten Men chenthums einander gegenüberstehen? Moses und Jethro bewahrheiten daher in ihrem gegenseitigen Verhältniß den schönen Satz, der gleichfalls aus dem grauen Alterthum stammt: „Ein Mensch bin ich, und nichts Menschliches erachte ich als mir Fremdes." Bericht über die 22. Konferenz des Vereins jüdischer Lehrer Westfalens „Sektion Wnrbnrg-Podrrborn". m 24. Dezember v. I. hielt unsere aus kleinen Anfängen herausgewachsene Vereinigung, zu der jetzt auch Lehrer der benachbarten Staaten Lippe, Braunschweig und Waldeck gehören, im Dahmenschen Restaurant in Paderborn eine ihrer anregendsten Versammlungen ab. Ihr Verlauf legte beredtes Zeugniß davon ab, „j&afi es in unserer so viel geschmähten Provinz theilweise doch ganz anders in Bezug auf die religiösen Zustände aussieht, als man draußen.im Lande anzunehmen gewohnt ist, wenn anders die Gesinnung ihrer Lehrer einen Rückschluß auf die der Gemeinden gestattet. Kollege Braun- Niedermarsberg, unser erster Vorsitzender, gab in seinem Vortrage: „Wie kann der Lehrer zur Hebung des Gottesdienstes beitragen", namentlich den zahlreich vertretenen jüngeren Kollegen beherzigenswerthe Anregungen zur Herbeiführung eines den Forderungen der Zeit entsprechenden würdigen Gottesdienstes. Die Vorbereitungen zur späteren Theilnahme an dem Gottesdienste sollen mit dem Religionsunterricht verbunden und dadurch das Interesse dafür geweckt, gefördert und erhalten werden. Das Wie bildete den Kern der Ausführungen. Ueber die äußere Gestaltung des Gottesdienstes Resolutionen zu fassen, Erschien nutzlos, so lange den Lehrern nach den vorhandenen Gemeindestatuten als Kultusbeamten in Kultusangelegenheiten weder Rath noch Stimme zusteht. Nach einer längeren Debatte über die vom Redner aufgestellten Thesen, die mit kleinen Abänderungen von der Versammlung angenommen wurden, ergriff Kollege Weiler--Paderborn, der zweite Vorsitzende, das Wort zu einem Referate über das S. R. Hirschsche Gebetbuch. Redner zeichnete in geistvollen Worten den originellen Gelehrten und Forscher, ließ uns einen Blick werfen in dessen Art, zu forschen und zu schreiben, und gab der Versammlung aus dem obengenannten Werke einige interessante Proben, um seiner Ansicht Ausdruck zu verleihen, dieses Werk möge in erster Linie in der Hand jedes jüdischen Lehrers gefunden werden. Den Rest der Zeit füllten Gespräche über Schule und Praxis, sowie interessante Mittheilungen aus dem Gemeindeleben aus. Gegen sieben Uhr entführten Züge die Theilnehmer der Konferenz nach allen Richtungen in ihre Heimath, um in den nun beginnenden Ferien die erhaltenen Anregungen geistig zu verarbeiten und zu verwerthen. I. A.: Der Schriftführer. Marburg, 14. Januar. E, Alexander. Are Stellung der israelitischen Ueligionslehrer an den Mittelschulen (Gymnasien und Malschnlen) in Oesterreich. f er 27. und 28. Dezember vorigen Jahres werden Marksteine sein in der Geschichte des Religionsunterrichtes an unseren österreichischen Mittelschulen. Zum ersten Male, seitdem überhaupt dieser Unterricht an unseren Gymnasien und Realschulen ertheilt wird, versammelten sich die Lehrer dieses Faches zur Besprechung von Standesfragen und zur Regelung ihrer Rechtsverhältnisse. Aus allen Theilen der Monarchie kamen sie nach der gastlichen Hauptstadt Mährens, nach Brünn, und die Kultusgemeinde dieser Stadt empfing sie in freundlicher Weise und öffnete ihnen zuvorkommend die Räume ihres Sitzungssaales, damit sie hier ihre Berathungen abhalten. Gestehen wir es nur gleich: so wie diese in überaus würdiger Art verlaufen sind, so haben sie auch zu einem gedeihlichen Resultate geführt; es wurde ein Verband der Religionslehrer an den österreichischen Mittelschulen gegründet, es