Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1897)
- Date
- 1897-01-22
- Page
- Seite 40 (sequence 4)
- Language
- German
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ebenso gut wie sämmtlicher jüdischen Gemeinden von Jerusalem bis Jamaika. In dieser warmen und herzlichen Anerkennung ist aber auch zugleich der Dank ausgesprochen, den die gesummte Judenheit einem ihrer ausgezeichnetsten Männer schuldet. * Viel zu wenig Aufmerksamkeit wendet man in Europa dem neuen amerikanischen Einwanderungsgesetz zu, das das Parlament jetzt zu berathen hat. Weil man festgestellt hat, daß unter den Einwanderern sehr viel ungebildete Elemente sind, welche nicht lesen und nicht schreiben können, so z. B. unter den Portugiesen 772/s pCt., unter den Italienern 5472 pCt., Russen 41 Ve pCt. und Oesterreichern 39 pCt., so ist in dem neuen Gesetz eine Klausel enthalten, daß alle neuen Einwanderer über 16 Jahr Nachweisen müssen, daß sie lesen und schreiben können. Man will also auch in Amerika den Einwanderungsstrom hemmen und ist auf dieses Mittel verfallen, um so liebevoll zu scheinen wie möglich und doch diesen Zweck zu erreichen. Für die russischen und polnischen Juden könnte dies Gesetz eine erste Gefahr werden und jede Einwanderung abschneiden, wenn es nicht gelingt, Hebräisch als anerkannte Sprache in dasselbe hineinzubringen, denn viele der armen jüdischen Emigranten können weder russisch, noch polnisch, noch deutsch lesen resp. schreiben. Wohl aber verstehen alle Hebräisch genügend, um die Ansprüche zu erfüllen. Wir wollen indessen hoffen, daß es gelingt, im Senat oder Repräsentantenhaus der hebräischen Sprache ihr Recht zu verschaffen und so diese Gefahr abzuwenden. Moses und Iethrs. Von Rabbiner Dr. L. Pick in Königsberg. in Spiegelbild des Geistes der jüdischen Religion ist das Verhältnis in welchem die heilige Schrift uns im diesmaligen Wochenabschnitte Moses und Jethro zeigt. Liebe, Treue und Freundschaft bilden das Band, das sie Beide umschlingt. Da ist kein Falsch, kein Arg und kein Fehl. Beide kommen einander mit warme Herzlichkeit entgegen. Es wird dem Leser warm ums Herz, wie die zwei hervorragenden Männer, die ihrer Abstammung und religiösen Anschauung nach verschieden sind, einander umarmen und küssen, wie der große Moses mit fast kindlicher Ehrfurcht und Ergebenheit ^vor Jethro sich tief verneigt, und wie dieser den Moses mit herzlicher Liebe begrüßt. Ganz Israel umringt die zwei großen Männer, deren Gemüths- und Geistesadel in dieser freundlichen Begegnung vor dem ganzen Volke in hehrem Glanze erstrahlt, und die engen Bande, welche die beiden Freunde umschließen, erweitern sich alsbald zur Umschließung des ganzen Volkes. Die Vertreter desselben, die Aeltesten Israels mit dem Hohenpriester Aaron an der Spitze, betheiligen sich mit Moses an der Begrüßung des edlen Gastes und feiern seine Anwesenheit durch ein Gastmahl, welches sie ihm zu Ehren „vor Gott" bereiten. Ob nicht alle Diejenigen, die sich immer und immer wieder darin gefallen, von einem „ausschließenden Charakter" der jüdischen Religion zu reden und aus dieser falschen Voraussetzung für die bürgerliche Stellung der Juden falsche Schlußfolgerungen ziehen, vor diesem biblischen Gemälde reiner Menschlichkeit mit dem lieblichen Reiz der Lebendigkeit und dem frischem Kolorit einer treuherzigen Natürlichkeit beschämt die Augen senken? Ob sie aus demselben nicht lernen möchten, daß das Judenthum das von ihm gebotene: „Liebe denV Fremdling wie dich selbst", die von ihm ausgehende allgemeine Menschenliebe nicht blos im Munde führt, wie es heutzutage so nmnche falsche Priester und Propheten, Religionsdiener und Volksvertreter gegenüber diesem Judenthum thun, sondern daß sie zu seinem eigentlichen Wesen, zu seinem Grund und Kern gehört, daß dies eben ein integrirender Bestandtheil der jüdischen Religion ist, ohne welchen es eben keine Gott gegebene Religion, kein Judenthum „der Erwählung" wäre mit der vorgezeichneten geschichtlichen Mission: „Ich mache dich zum Bunde der Völker, zun: Lichte der Nationen". Das eigentlich Charakteristische an dem Verhältniß Moses zu Jethro ist aber, daß es eben Moses, der gottgesaudte „Gesetzgeber", selbst ist, der in einer so innigen, freundschaftlichen Beziehung zu dem andersgläubigen Priester steht, daß es eben Moses der Gesetzgeber selbst war, der die Rathschläge dieses heidnischen Priesters über die äußere Organisation des Gerichtswesens. dankbar beifällig ausgenommen, daß eben Moses der Gesetzgeber es selbst war, der diesem heidnischen Priester ein dauerndes, ehrendes Denkmal in seiner Thora gesetzt, indem ein ganzer Abschnitt in derselben nach seinem Namen benannt ist. Gesetzgeber pflegen ja nicht gerade Diejenigen zu sein, die zu allererst dem Wortlaute oder dem Geiste ihres Gesetzes zuwiderhandeln. Solon, der berühmte Gesetzgeber Athens, soll, um nicht in die Lage zu kommen, eines seiner Gesetze in den ersten zehn Jahren zu ändern, auf so lange Zeit ins Ausland gereist sein, und Moses erklärt das Gottesgesetz als ein dauerndes und unabänderliches. Gewiß, es ist keine bloße Anwandlung von Bonhommie, wenn die Talmudisten einmal einen Heiden, der nach sittlicher Erkenntniß strebt, der menschlichen Achtungswürdigkeit nach dem Hohenpriester in Israel gleichstellen, und das anderemal einein Heiden, der nach den sogenannten Noachidischen Sittengesetzen lebt — die allesainmt blos in der Enthaltung von allen die menschliche Gesellschaft schädigenden Freveln bestehen — das dereinstige selige Leben vor Gott zuerkennen; es ist dies wie im Gesetz der Thora tief begründet, so^besonders aus dem lebendigen Beispiel des gottgesandten Gesetzgebers, aus der Haltung Moses Jethro gegenüber, entnommen. Aber auch Moses war in diesem seinem Verhalten dem Andersgläubigen, dem Angehörigen eines fremden Stammes gegenüber nicht Original; er hatte hierin sein Vorbild an dem Stammvater Abraham. in dessen innigem Freundschaftsverhältniß zu Malki Zedek, König von Salem, der dem Abraham auf dessen Heimzuge von der tapferen Verfolgung der Feinde, denen er die gefangenen Leute nnb Güter glücklich wieder entrissen, mit herzlicher Begrüßung entgegenkommt und ihn als Netter aus der Kriegsnoth beglückwünscht; eben diesem Malki Zedek, der (im heidnischen Sinne) Priester des obersten Gottes gewesen, widmet er als dem Würdigsten, den er der Verehrung werth hält, „den Zehnten von Allem". Moses hatte bei seinem Verhalten gegen Jethro auch den Jakob zum Vorbild, der, von seinem Sohne Joseph dem heidnischen König Pharao vorgestellt, über diesen als einen mit dem Strahl der Majestät Gottes betheilten irdischen König den Segen aus spricht. Er hatte auch den Joseph zum Vorbilde, der eben diesem seinem Könige und dem ganzen Lande mit seinen besten Kräften gedient und sich um König und Reich unvergängliche Verdienste erworben. Moses hatte in seiner Jugend zur Anregung und Entfaltung seiner unvergleichlichen Anlagen an Herz und Geist weiter nichts vorgefunden, als blos die Tradition von dem erhabenen Leben der Erzväter, die im Munde und Herzen des Volkes Israel lebte, eine Tradition, die als lebendige Quelle der Religion und der hohen menschlichen Tugenden reichlich genug geflossen, um die unter dem harten Druck schmachtenden Gefühle und welkenden Hoffnungen des Volkes neu zu beleben und einen Moses zum Vertrauten im Hause